Einsamkeit Symboldbild

Einsamkeit – das sagt die Wissenschaft 

Einsamkeit galt lange als Problem der älteren Generation und wurde wenig erforscht. Doch seit einigen Jahren zeigen zahlreiche Studien: Immer mehr junge Menschen fühlen sich einsam.

Wir sind zur neuen Einsamkeitsgeneration geworden

Diverse nationale und internationale Studien zeigen eine klare Verschiebung. Die Generation Z hat ältere Menschen als die einsamste Altersgruppe abgelöst.  

Einer der Haupt-Auslöser für diesen Trend scheint die Corona-Pandemie zu sein. Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen wirken in dieser Altersgruppe noch nach. Das wird im Einsamkeitsbarometer 2024, was vom Bundesfamilienministerium beauftragt wurde, bestätigt. Es gilt als die umfangreichste deutsche Studie zum Thema Einsamkeit, weil sie die Befragungsdaten des Sozioökonomischen Panels auswertet und untersucht, wie sich Einsamkeit in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. 

Für das Jahr 2020, also den Beginn der Corona-Pandemie, weist die Studie einen deutlichen Anstieg der Einsamkeitsbelastungen bei allen Altersgruppen aus. Am dramatischsten ist aber der Anstieg bei den 18- bis 29-Jährigen. Zum ersten Mal in der deutschen Einsamkeitsforschung bilden sie die am meisten belastete Gruppe. Vor der Pandemie hat sich nur etwa jeder Zehnte in diesem Alter häufig oder sehr häufig einsam gefühlt, während Corona gab das dann jeder Dritte an.

Trend aus der Pandemie verfestigt sich

Bei der nächsten Befragung im Jahr 2021 sind die Werte zwar zurückgegangen, aber auch mehrere andere Studien haben für die Jahre danach bestätigt, dass sich die Zahlen der von Einsamkeit betroffenen Menschen nicht wieder auf das Vor-Corona-Niveau eingependelt haben.  

Die meisten Studien kommen aufgrund unterschiedlicher Befragungsmethoden und Darstellungen sogar auf höhere Werte als das Einsamkeitsbarometer 2024. 

Junge Menschen aus NRW  

Neben dem 1LIVE Sektorreport: Einsamkeit haben 2023 Einsamkeitsforschende der TU Dortmund, Ruhr-Uni Bochum und Uni Duisburg-Essen mit ihrer NRW-Jugendstudie dokumentiert, dass das Niveau an jungen Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, weiterhin hoch bleibt.  

Im Auftrag der Landesregierung haben die Forschenden 2.200 Jugendliche im Alter von 13 bis 15 sowie von 16 bis 20 Jahren zu ihrem Einsamkeitsempfinden befragt.  

Unterschieden haben sie zwischen sozialer Einsamkeit, also dem tatsächlichen Fehlen von Freunden und Kontakten, sowie emotionaler Einsamkeit, also dem Fehlen von tiefgehenden Beziehungen. 

Die Gruppe der 16- bis 20-Jährigen berichtete in der Studie, sich deutlich häufiger einsam zu fühlen als die Gruppe der 13- bis 15-Jährigen. Vor allem weist die Studie außerdem Geschlechterunterschiede auf. So gaben junge Frauen zwischen 16 und 20 Jahren häufiger an sich emotional einsam zu fühlen, als gleichaltrige Männer. Und das, obwohl sie häufig über ein großes soziales Netzwerk verfügten. Fast 80% der jungen Frauen berichte über das Gefühl, sich ausgeschlossen oder nicht zugehörig zu fühlen. Jede Fünfte empfand ein starkes Einsamkeitsgefühl. Aber auch der Großteil der jungen Männer fühlte sich regelmäßig einsam. Minimal ausgeprägter war bei ihnen die Soziale Einsamkeit aufgrund von fehlenden Freunden.

Doch warum genau ist die Einsamkeit unter jungen Menschen so stark angestiegen? Dazu gibt es bisher aus der Wissenschaft nur verschiedene Theorien.

Theorie 1: Junge Menschen haben viel mehr soziale Beziehungen, die jedoch oberflächlicher sind als in anderen Altersgruppen. Diese Beziehungen und die sozialen Fähigkeiten junger Menschen könnten durch die Pandemie nachhaltig geschwächt worden sein.

Theorie 2: Auch demografische Veränderungen in Deutschland könnten eine Rolle spielen. Der Altersdurchschnitt der Geflüchteten ist in Deutschland deutlich niedriger als in der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig sind Geflüchtete besonders stark von Einsamkeit betroffen. Da viele Geflüchtete der Gen Z angehören, könnten sie auch die Betroffenenzahlen nach oben beeinflussen.

Theorie 3: Die erhöhte Social-Media-Nutzung dieser Altersgruppe könnte ein Risiko für Einsamkeit ausmachen. Der größte Anteil der Social-Media-Nutzenden scrollt beispielsweise nur passiv und knüpft kaum echte Kontakte online. Der 1LIVE Sektorreport: Einsamkeit bestätigt diese These teilweise.

Psychotherapeutin Franca Cerutti beantwortet Fragen zum Thema Einsamkeit

Was ist Einsamkeit eigentlich? Was macht uns einsam und wie kommen wir daraus? Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin und Macherin des Podcasts "Psychologie to go!".