Windräder vs. Kampfflieger: Oder Aufrüstung statt Klima?
Aktuelle Stunde . 21.01.2026. 35:22 Min.. Verfügbar bis 21.01.2028. WDR. Von Timucin Tim Köksalan.
Es ist das zentrale Instrument, mit dem die schwarz-grüne Landesregierung den Ausbau der Windenergie in der nächsten Zeit sichern will: Vorranggebiete für Windräder. Erst im vergangenen Jahr wurden diese Bereiche in den sechs Planungsregionen des Landes festgelegt. Dort sollen in den kommenden Jahren hunderte Windräder gebaut werden.
So der Plan. Ob das tatsächlich passiert, ist aber fraglich.
Flugzonen überdecken Windrad-Gebiete
Das zeigen bislang unveröffentlichte Flächenberechnungen, die dem WDR vorliegen. Das Problem: Die Bundeswehr hatte Ende November alte Tieffluggebiete zu Trainingszwecken reaktiviert. Und die sind teils deckungsgleich mit den Windrad-Vorranggebieten. Das zeigen die Daten des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE NRW).
"Angstgegner" Bundeswehr
Bundeswehr und Landesregierung beschwichtigen. Doch Opposition und Ökostrom-Branche befürchten teils erhebliche Beeinträchtigungen für den geplanten Windräder-Ausbau.
"Die Bundeswehr ist für Windenergie-Projektierer ein Angstgegner, an dem sie bei jeder Genehmigung vorbeimüssen", sagt Arnim Grothe, Windrad-Experte des LEE NRW. Der Verband vertritt die Interessen der Unternehmen in der Erneuerbare-Energien-Branche.
Zwei Tieffluggebiete in NRW
Zum Hintergrund: Angesichts der angespannten Sicherheitslage sind bundesweit sieben so genannte "Low Flying Areas" (LFAs) wieder in Betrieb gegangen. Zwei davon liegen in NRW: "LFA 2" erstreckt sich an der niederländischen Grenze grob von Gronau bis nach Wesel, "LFA 3" von Höxter über Winterberg nach Olpe. In diesen Gebieten dürfen Kampfjets seit Ende November zu Übungszwecken in lediglich 76 Metern Höhe fliegen. Die dort geplanten Windräder sollen aber 200 Meter und höher sein.
Die Berechnungen zeigen, dass die Überlappungen teils erheblich sind: In den Planungsregionen Münster und Detmold liegt die Hälfte der ausgewiesenen Windrad-Vorranggebiete in Tiefflugzonen. In der Planungsregion Arnsberg sind es auf dem Gebiet des Teilplans Märkischer Kreis/Olpe/Siegen rund 46 Prozent. Der LEE NRW befürchtet deshalb, dass es ausgerechnet dort, wo Windräder vorrangig behandelt werden sollen, in Wahrheit nicht genug Platz für die Anlagen gibt.
Die Bundeswehr wird bei jedem geplanten Windrad von den Behörden um Stellungnahme gebeten, als so genannter Träger öffentlicher Belange. Lehnt sie ein Windrad oder einen Windpark ab, bedeutet das das Aus für die Pläne.
Bundeswehr kann Windräder verhindern
Arnim Grothe (LEE NRW)
Die Gründe, mit denen die Bundeswehr Windräder ablehnt, seien häufig "vage und geheimniskrämerisch", so LEE-Mann Grothe. Deshalb sei selbst für die Genehmigungsbehörden eine rechtssichere Prüfung dieser Einwände oft schwierig. "Dass die Bundeswehr Geheimhaltungsinteressen hat, ist nachvollziehbar. Allerdings müssen Entscheidungen der Bundeswehr immer noch überprüfbar bleiben und dürfen nicht zu Willkür führen", fordert Grothe.
"Die Bundeswehr zeigt kaum Bereitschaft, gemeinsam mit Projektierern an Lösungen und Alternativen zu arbeiten. Mit anderen Behörden kann durch Zugeständnisse oft ein Weg gefunden werden, bei dem alle Interessen gewahrt bleiben." Arnim Grothe, LEE NRW
Die Streitkräfte räumen auf Nachfrage den Konflikt im Grundsatz ein: "Windenergieanlagen stellen ein physisches Luftfahrthindernis dar", teilt ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr mit. So "können Windenergieanlagen die Kollisionsgefahr erhöhen."
"Keine Auswirkungen" auf regionale Flächenplanung?
Der Sprecher betont, die Bundeswehr unterstütze den Ausbau Erneuerbarer Energien. Grundsätzlich widerspreche die Bundeswehr Windrad-Plänen dann, wenn sie zum Beispiel "nicht hinnehmbare Einschränkungen des militärischen Flugbetriebs" erwartet. Für bereits errichtete Windräder bestehe Bestandsschutz. Für künftige Windrad-Planungen "werden die Auswirkungen der LFA als sehr gering eingeschätzt", jedoch seien "pauschale Vorhersagen" nicht möglich.
"Auf bestehende regionale oder kommunale Flächenplanungen für Windenergie ergeben sich keine Auswirkungen", heißt es einerseits. Andererseits betont die Bundeswehr mit Blick auf Windrad-Projekte: "Jeder Genehmigungsantrag bedarf einer Einzelfallprüfung."
SPD: Windrad-Vorranggebiete nicht in Frage stellen
André Stinka (SPD)
Die SPD-Opposition im Landtag befürchtet ein Planungschaos. "Ministerin Mona Neubaur ist jetzt gefordert, einen angemessenen Interessenausgleich zu finden", sagt André Stinka, der energiepolitische Sprecher der Fraktion. "Die Planungen der Windenergiegebiete dürfen dabei aber nicht erneut in Frage gestellt werden. Das würde nur wieder neue Rechtsunsicherheiten insbesondere für die Wirtschaft zur Folge haben", so Stinka.
Ministerium will "tragfähige Lösungen"
Mona Neubaur (Grüne)
Neubaurs Ministerium teilt mit, man sei mit der Bundeswehr in Gesprächen. "Aus unserem bisherigen Austausch können wir berichten, dass dies in der Regel zu keinen Einschränkungen für den Ausbau der Windenergie führen wird", lässt ein Sprecher wissen. Man wolle "fortlaufend tragfähige Lösungen finden, die alle Interessen angemessen berücksichtigen."
LEE-Mann Grothe ist skeptischer: "Einige hundert Megawatt an Windenergie konnten allein in den letzten Jahren wegen Bundeswehrinteressen nur in NRW nicht realisiert werden. Dabei gehören Hubschraubertiefflugstrecken zu den häufigsten Gründen". Die Tieffluggebiete für Kampfjets kommen neuerdings dazu.
Unsere Quellen:
- Berechnungen LEE NRW
- Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr
- Mona Neubaur (Grüne), Wirtschafts- und Energieministerin
- Arnim Grothe (LEE NRW)
- André Stinka (SPD)
Sendung: Nachrichten auf WDR 2 und WDR 5, 20.01.2026, ab 06:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.01.2026, 18.45 Uhr
