Abstruse Mieterhöhungen der LEG | Westpol

Westpol 07.06.2026 28:33 Min. UT DGS Verfügbar bis 07.06.2031 WDR

Wohnungskonzern LEG Mieten erhöht, weil in der Nähe E-Scooter stehen

Stand:

Der Wohnungskonzern LEG verschickt nach WDR-Recherchen Mieterhöhungen aus fadenscheinigen Gründen. Etwa weil um die Ecke E-Scooter verfügbar sind. Teilweise werden auch lange zurückliegende Sanierungen geltend gemacht.

Wenn Oliver Hansen und Antonia Berndt in Bielefeld mit dem Hund rausgehen, steht oft ein E-Scooter im Weg. Beschwert haben sie sich deshalb bisher nicht. Dass die Scooter einmal als Begründung für eine Mieterhöhung herhalten würden, hätten sich beide aber auch nicht vorstellen können.

Mieterhöhung wegen E-Scooter

Oliver Hansen und Antonia Berndt aus Bielefeld

Doch tatsächlich will ihr Vermieter, der Wohnungskonzern LEG, ab Juli eine höhere Miete. Begründet wird das nicht nur mit dem Angebot an E-Scootern oder Leihfahrrädern. Auch die Nähe zu Schulen und Kindergärten, Apotheken und Ärzten sowie die Entfernung von nur zwei Kilometern zur Hochschule werden aufgeführt. Dabei wird die Lage einer Wohnung ja schon im Mietspiegel berücksichtigt. "Außerdem stehen da Sachen drin, die es so ziemlich überall in Bielefeld gibt", sagt Antonia Brendt.

Insgesamt soll die Miete um 52,53 Euro angehoben werden. Die LEG schreibt dazu auf WDR-Anfrage: "Dass ein einzelnes Merkmal auch anderswo vorkommt, macht es im konkreten Fall nicht irrelevant." Entscheidend seien Ausprägung und Kombination der Merkmale.

Mieterbund empfiehlt Widerspruch

Wenn das Paar nicht zustimmt, wird mit einer Zustimmungsklage gedroht. Doch wie schon bei vorherigen Mieterhöhungen haben die beiden auch diesmal nicht zugestimmt. Die LEG hatte die angedrohte Klage in der Vergangenheit bei ähnlichen Forderungen nicht durchgezogen.

Maximilian Fuhrmann, Mieterbund NRW

Maximilian Fuhrmann, Mieterbund NRW

Maximilian Fuhrmann vom Mieterbund NRW hat derzeit viele solcher Mieterhöhungen auf dem Tisch und rät in den meisten Fällen zum Widerspruch. Grundsätzlich sei es zwar möglich, eine Miete aufgrund besonderer Wohnortsmerkmale zu erhöhen. Das gelte aber nicht für viele der Faktoren, die die LEG als Begründung anführt.

Die E-Scooter sind nicht das einzige kuriose Beispiel: Einem älteren Ehepaar aus Münster wurde laut Recherchen des WDR-Magazins Westpol die Mieterhöhung unter anderem mit der Nähe zu einer Seniorenberatung begründet.

Dubiose Mieterhöhungen durch Wohnungskonzern LEG

WDR Studios NRW 05.06.2026 00:41 Min. Verfügbar bis 04.06.2028 WDR Online

Das Wohnungsunternehmen Vonovia ist im vergangenen Jahr mit einem ähnlichen Vorgehen mehrfach vor Gericht gescheitert. Dass die LEG trotzdem zu den gleichen Mitteln greife, sei eine Dreistigkeit, sagt Fuhrmann. Es werde versucht, die Menschen unter Druck zu setzen, nicht gerechtfertigte Mieterhöhungen zu akzeptieren.

Zweifelhafte Begründungen auch bei Modernisierungen

Nicht immer wird bei den Erhöhungen mit der Lage der Wohnung argumentiert. Im Fall von Michael Radow aus Duisburg begründete die LEG die Mieterhöhung vor zwei Jahren unter anderem damit, dass die Kellerdecke gedämmt worden war, angeblich nach dem Jahr 2010.

Mieterhöhung wegen E-Scooter

Michael Radow aus Duisburg

Da Radow bereits seit den Neunzigerjahren im Haus wohnt, wusste er aber, dass die Dämmung in den Häusern deutlich vor 2010 eingebaut worden war, und die Erhöhung von 20 Cent pro Quadratmeter deshalb nicht zulässig war. Die LEG nahm die Erhöhung in seinem Fall zurück.

Doch auch heute erhalten seine Nachbarn noch Mieterhöhungen, in denen die Kellerdeckendämmung nach 2010 aufgeführt wird. Mit diesen Fällen konfrontiert, schreibt die LEG, das sei ein Versehen: "In Einzelfällen kann es vorkommen, dass eine Korrektur nicht zeitgleich in alle Vorgänge übernommen wird." Berechtigte Hinweise würden geprüft und korrigiert.

An ein Versehen glauben die Betroffenen in der Duisburger Siedlung jedoch nicht, denn in den vergangenen Jahren haben viele Anwohner der Mieterhöhung aus dem gleichen Grund widersprochen.

Tausende Mieterhöhungen vorbei am Mietspiegel

Maximilian Fuhrmann vom Mieterbund NRW befürchtet aber, dass viele Mieterinnen und Mieter diesen ungerechtfertigten Mieterhöhungen zustimmen und damit fälschlicherweise Mieten akzeptieren, die zum Teil oberhalb des jeweiligen Mietspiegels liegen.

Schreiben, Mieterhöhung LEG

Mieterhöhungsschreiben der LEG

Erst vor wenigen Wochen kam Kritik an der LEG auf, weil das Wohnungsunternehmen versucht, die ortsübliche Vergleichsmiete anhand von teuren Vergleichswohnungen aus dem eigenen Bestand zu berechnen und dabei den Mietspiegel ignoriert. Rechtlich ist das grundsätzlich möglich, allerdings gilt auch vor Gerichten der qualifizierte Mietspiegel als wichtigstes Mittel zur Bestimmung von Mietpreisen. Wohl auch deshalb hat das Unternehmen in keinem der Fälle, die dem WDR bekannt sind, von der angedrohten Zustimmungsklage Gebrauch gemacht.

Auf WDR-Anfrage wollte die LEG zunächst nicht sagen, wie viele solcher Mieterhöhungen sie verschickt hat. Maximilan Fuhrmann vom Mieterbund hält allerdings auch Aktien des Unternehmens, um auf der Aktionärsversammlung von seinem Auskunftsrecht Gebrauch machen zu können. Auf der erhielt er dann Ende Mai doch erstaunliche Zahlen.

Fast 90 Prozent der Mieter stimmen zu

LEG Immobilien

LEG-Zentrale in Düsseldorf

Knapp 17.000 Mieter haben allein im vergangenen Jahr eine Mieterhöhung erhalten, die sich nicht am Mietspiegel, sondern an Vergleichswohnungen aus dem eigenen Bestand orientierte. Rund 88 Prozent haben der Erhöhung zugestimmt. Bei den rund 1.900 Widersprüchen hat die LEG in weniger als zehn Prozent der Fälle tatsächlich eine Zustimmungsklage eingereicht.

"Diese Zahlen und das Ausmaß haben mich überrascht und schockiert“, sagt Maximilian Fuhrmann. Damit habe fast jeder zehnte Mieter eine Erhöhung erhalten, die sich nicht an den Mietspiegeln orientiert, obwohl die LEG diesen als Vermieter in vielen Städten sogar zugestimmt habe.

Auf Anfrage nennt die LEG die Mietspiegel zwar eine "wichtige und anerkannte Grundlage". Betont aber, sie würden eben nicht alle Besonderheiten einer Wohnung abbilden.

Proteste bei der LEG-Hauptversammlung

Am Rande der Aktionärsversammlung des Unternehmens kam es auch zu Protesten von Mieterinnen und Mietern. Sie kritisierten nicht nur die Praxis bei den Mieterhöhungen, sondern auch eine mangelnde Instandhaltung der Wohngebäude.

Mieterverein Düsseldorf beim Protest gegen die LEG

Mieterverein Düsseldorf beim Protest gegen die LEG

Doch auch die Stimmung der Aktionäre dürfte nicht gut sein. Das operative Geschäft läuft zwar ordentlich, trotzdem ist der Aktienkurs allein im vergangenen Jahr um knapp 30 Prozent eingebrochen. Das liege vor allem an den steigenden Zinsen, sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Die Wohnungsunternehmen haben sich in der Niedrigzinsphase günstige Kredite genommen, für die sie jetzt in den Anschlussfinanzierungen doppelt so vie Zinsen zahlen müssen." Das erhöhe den Druck, die Einnahmen irgendwie hochzuschrauben.

Mieter sollen Erhöhung prüfen lassen

Dass dabei Mieten unter sehr fragwürdigen Bedingungen in die Höhe getrieben werden, müsse ein Ende haben, findet der Mieterbund. Hier seien Politik und nicht zuletzt auch die Kommunen gefordert. Denn häufig werden die Mieterhöhungen von Bürgergeldempfängern in den Jobcentern einfach durchgewunken, womit die Praktiken der LEG auch zulasten der Steuerzahler gehen, sagt Maximilian Fuhrmann.

Außerdem treibe das Unternehmen die Mietspiegel künstlich in die Höhe. Er rät allen Betroffenen, Mieterhöhungen immer zunächst durch die Mietervereine prüfen zu lassen. Es mache außerdem Sinn, sich mit den Nachbarn zusammenzutun.

So hat es Michael Radow aus Duisburg gemacht. Seit Jahren liegt er mit der LEG im Streit. Ausziehen will er trotzdem nicht. Das wäre, wie einfach aufzugeben, sagt Radow.

"Dieser Dreistigkeit muss mal Einhalt geboten werden, um der LEG zu zeigen, du kannst nicht mit jedem machen was du willst." Michael Radow, LEG-Mieter

Viele der Mieterinnen und Mieter sind zu einer Zeit eingezogen, als die LEG noch im Besitz des Landes NRW war. Nach der Privatisierung im Jahr 2008 und dem Börsengang 2013 habe sich viel verändert, sagen sie. Modernisierungen gebe es kaum noch, dafür regelmäßig fragwürdige Mieterhöhungen.

Die Betroffenen erhoffen sich auch Unterstützung aus der Politik. Die für Bauen und Wohnen zuständige Ministerin Ina Scharrenbach von der CDU wollte die Praktiken der LEG jedoch nicht kommentieren. Die Mieterhöhungen seien Sache des Unternehmens, hieß es aus dem Ministerium.

Unsere Quellen:

  • Mieterbund
  • Anfragen an die LEG
  • Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitzer
  • Eigene Recherchen und Interviews

Sendung: WDR.de, Dubiose Mieterhöhungen durch Wohnungskonzern LEG, 07.06.2026, 15:02 Uhr
Sendung:
WDR Fernsehen, Westpol, 07.06.2026, 19:30 Uhr

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