Kein Label, aber viel Unsicherheit: Tierwohl in der Schweinemast
Westpol. 21.09.2025. 08:48 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 21.09.2030. WDR.
Tierwohl: Kein Label, viel Unsicherheit
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Seit Jahren verspricht die Politik, mehr für das Tierwohl in der Schweinehaltung zu unternehmen. Doch die verpflichtende Kennzeichnung von Haltungsformen wurde erneut verschoben. Jetzt kippt die Bundesregierung auch noch ein Förderprogramm für den Umbau von Ställen. Landwirte verzweifeln und Tierschützer schlagen Alarm.
Seile zum Knabbern, Stroh zum Spielen und ein paar eingebaute Fenster - im Stall von Christoph Sandhäger geht es den Tieren besser als früher. Doch, was hier "Haltungsform 2" heißt, ist dem jungen Landwirt nicht gut genug: "Ich will noch viel mehr. Ich möchte einen neuen Stall haben mit einem großen Strohauslauf, viel Licht, viel mehr Licht als hier, hohe Decken und eine gute Lüftung".
Hürden und Risiken
Während seiner Ausbildung hatte Sandhäger einen Plan entwickelt, wollte den ganzen Betrieb umbauen, den er in Rheda-Wiedenbrück mit seinem Vater führt. Für mehr Tierwohl.
Nur es ist so dermaßen schwer, dahin zu kommen. Es sind so viele Gutachten, so viele bürokratische Hürden, dass man darunter erstickt. Schweinezüchter Christoph Sandhäger
Auch der Westfälische Landwirtschaftsverband bestätigt: Bauplanungen dauern Jahre. Mit großen Hürden - und dem ständigen Risiko, dass sich Gesetze ändern. Landwirt Sandhäger ist es bisher nur gelungen, einen kleinen Teilen des Hofs umzurüsten. In einem Stall mit offenen Seiten hält er 45 trächtige Jungsauen - mit Luft und Stroh. Sein Lieblingsstall, erklärt der 28-Jährige: "Draußen Stroh, drinnen Spaltenbereich. Ich möchte halt, dass die Sau sich das aussuchen kann. Im Herbst, Winter raus - aber im Sommer bei 35 Grad will kein Schwein im Stroh liegen."
Schweine an die Luft - aber keiner soll sie riechen
Das entspricht "Haltungsform 3" - die verlangt: Die Schweine sollen an die Luft. Doch die Auflagen sagen auch: Keiner soll sie riechen. "Eigentlich will man den Stall so offen machen, wie möglich", sagt Sandhäger. "Das wollen wir - mehr Tierwohl." Gleichzeitig gebe es aber das Emissionsrecht. "Das sagt: Alles soll zu sei - und am besten ganz, ganz lange Schornsteine aufs Dach."
Christoph Sandhäger, Landwirt in Rheda-Wiedenbrück, mit seinen Schweinen
Ein weiteres Problem: Immer wieder ändern sich Vorgaben. Erst im Sommer wurde die verpflichtende Kennzeichnung der Haltungsform bei Schweinefleisch ins nächste Jahr verschoben. Das trifft Landwirte, die umstellen wollen - wie Christoph Sandhäger.
Auch von anderer Seite gibt es scharfe Kritik. Tierschützer sagen: Vorgaben für die Haltungsformen seien ohnehin Mimikry. Einige Betriebe würden bereits in den höheren Stufen arbeiten - etwa zertifiziert durch die "Initiative Tierwohl". Doch den Tieren gehe es trotzdem schlecht. Um das zu belegen, hat der Verein Animal Rights Watch heimlich in einigen Schweinebetrieben in NRW gedreht. In sechs Betrieben stellten die Tierschützer aus ihrer Sicht teils schwere Verstöße fest und brachten sie zur Anzeige, erklärt Sprecherin Anna Schubert.
Tierschützerin Anna Schubert (Animal Rights Watch)
Die Betriebe wurden zufällig ausgewählt. Die Bilder reichen von Schweinen, die tief in ihren Exkrement leben müssen, bis hin zu verletzten und unbehandelten Tieren. Zum Teil seien verendete Ferkel offenbar über mehrere Tage nicht aus den Ställen entfernt worden. In einem Fall schlägt ein Hofmitarbeiter mit einer Eisenstange auf die Tiere ein. "Daran sieht man, dass wir hier nicht von Einzelfällen reden können, sondern von einem Systemproblem", sagt Tierschützerin Schubert.
Und diese Idee von einem Schwein, dem es besser geht in einer höheren Haltungsform, ist im Prinzip eine Illusion. Anna Schubert, Animal Rights Watch
Die Staatsanwaltschaften haben die meisten Verfahren bereits eingestellt, weil sie nicht gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Juristisch relevante Verstöße kann auch der erfahrene Veterinär Jochen Weins beim Sichten der Filme auf WDR-Anfrage kaum erkennen. Er war viele Jahre Kreisveterinärdirektor in Euskirchen. Heute ist er Mitglied bei der Organisation "Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft". Das Tierwohl-Label wird allein vom Handel kontrolliert. Veterinäre seien lediglich für die Durchsetzung des Tierschutzgesetzes zuständig. "Auch bei den auf Eis gelegten neuen Vorgaben zu einer staatlichen Tierhaltungs-Kennzeichnung ist explizit gesagt worden: Es ist nicht Sache der Veterinärämter", erläutert Weins. Diese Kontrolle solle privaten Überprüfungsorganisationen übertragen werden - etwa dem TÜV oder der Gesellschaft für Technische Überwachung, GTÜ. Insofern seien solche sichtbaren Verstöße gegen Tierwohl-Bedingungen erst einmal nicht justiziabel.
Jochen Weins (Veterinär)
Weins glaubt, die verpflichtende Kennzeichnung von Haltungsformen könnte Besserung bringen: "Die Tierwohlkennzeichnung würde aber nur etwas ändern, wenn die Politik der Landwirtschaft genügend Geld gibt, entsprechende Umbauten vorzunehmen", sagt der Veterinär. Und die rechtlichen Hürden müssten soweit abgebaut werden, dass die Verbesserungsmaßnahmen machbar seien.
Förderprogramm für Tierwohl-Umbau gekippt
Die NRW-Landesregierung fordert von der Bundesregierung, dass sie genehmigungsrechtliche Hürden beim Stallbau beseitigt. Ein Sprecher erklärte auf WDR-Anfrage: Die Landwirte brauchten auch Erleichterungen beim Emissionsschutz. Doch die Unsicherheit unter den Landwirten dürfte weiter zunehmen, denn gerade hat CSU-Landwirtschaftsminister Alois Rainer die Förderung für den Umbau der Schweineställe zu mehr Tierwohl aus dem Bundesprogramm gekippt.
Ferkelzüchter Sandhäger, der selbst für die CDU im Stadtrat sitzt, ist darüber entsetzt. "Schlimm", sagt er. "Ich find's nur schlimm." Diese Förderung habe ihm ursprünglich einmal Mut gemacht. Das sagt der Schweinezüchter, während er vor einem kleinen Außenbereich steht, den er eigentlich ausbauen wollte. Dort tummeln sich bereits einige Mastschweine so, wie es "Haltungsstufe 4" entspräche. Ihr Fleisch verkauft der Hof direkt.
Christoph Sandhäger, Landwirt in Rheda-Wiedenbrück, mit seinen Schweinen
Doch damit es allen seinen 600 Schweinen besser geht, müsste Sandhäger viel Geld in die Hand nehmen und sich für lange Zeit verschulden. Es gehe ganz schlicht um die Frage, ob der Hof, den es seit dem 18. Jahrhundert gibt, auch noch in der nächsten Generation da sei, sagt Christoph Sandhäger. "Ich will nicht der sein, der nach acht Generationen den Betrieb vor die Wand fährt."
Über dieses Thema berichten wir auch am Sonntag (21.09.25) im WDR-Fernsehen ab 19:30 Uhr bei Westpol und am Montag (22.09.25) auf WDR 5 im Morgenecho ab 6 Uhr und im Westblick ab 17 Uhr.
Unsere Quellen:
- Interview mit Christoph Sandhäger, Hof Sandhäger, Rheda-Wiedenbrück
- Interviews mit anderen Inhabern von Schweinemastbetrieben
- Pressestelle NRW-Landwirtschaftsministerium
- Pressemitteilung Westfälischer Landwirtschaftsverband
- Mehrere Staatsanwaltschaften in NRW
- Interview mit Anna Schubert, Animal Rights Watch
- Video-Material Animal Rights Watch
- Interview mit Jochen Weins, Ex-Kreisveterinärdirektor in Euskirchen, Mitglied bei Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft

