Mütter in Vollzeitjobs sind immer noch die große Ausnahme in NRW: Fast zwei Drittel aller erwerbstätigen Frauen mit Kindern arbeiten nur in Teilzeit. Bei den Vätern sind das lediglich knapp neun Prozent - alle anderen sind voll beschäftigt.
Dabei starten in vielen Studienfächern deutlich mehr Frauen als Männer. Doch nach dem Abschluss verschwindet ein großer Teil in der Familiengründung, begonnene berufliche Karrieren enden dann jäh.
Insbesondere für junge Frauen und Mütter seien die Hürden für echte Vereinbarkeit von Kind und Karriere im Jahr 2025 nach wie vor zu hoch, stellt die SPD im Landtag fest: Frauen in NRW leisteten wöchentlich durchschnittlich zehn Stunden mehr an unbezahlter Care-Arbeit - also Kinderbetreuung und Haushalt - als Männer.
Rollenbilder wie 1950
"Frauen sollen möglichst viel leisten, ohne, dass man ihnen etwas abnimmt von den Aufgaben, die sie seit den 1950er Jahren in der Familie erfüllen", sagte Lisa Kapteinat, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag NRW.
Paare in NRW könnten keine echte Gleichstellung leben, auch wenn es beide Elternteile wollten. "Wir können uns das schlicht nicht leisten", sagte Kapteinat. NRW sei ein Land ohne Rohstoffe:
"Wir brauchen Köpfe, und da können wir nicht die Hälfte der Gesellschaft außen vor lassen." Lisa Kapteinat, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag NRW
Ein Problem unter vielen: Noch immer gibt es nicht genügend Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren in NRW. "Diese Lücke versuchen häufig Mütter zu füllen, indem sie Abstriche im Beruf machen", so Kapteinat.
Der Familienministerin Josefine Paul (Grüne) hatte die SPD kürzlich sogar "Arbeitsverweigerung" vorgeworfen: Für die Hälfte der Unter-Dreijährigen gebe es keinen Kindergartenplatz. Statt eines Ausbaus der Kita-Betreuung sei das Angebot zum neuen Jahr um 5.000 Kita-Plätze reduziert worden.
"5-Punkte-Plan" bis 2030
Bis 2030, so die jetzige Forderung der SPD, müsse die Landesregierung das Versorgungsangebot bei der Kinderbetreuung auf 100 Prozent steigern. Die Vollzeitquote der Mütter solle dann bei mindestens 50 Prozent liegen. Als "Starthilfe" stellt die SPD in der Opposition einen 5-Punkte-Plan auf.
Unter anderem sollen Paare, die sich die Familienbetreuung gerecht teilen, eine "Equal-Share-Prämie" von 300 Euro im Monat bekommen - bis der Bund eine Reform des Elterngelds umsetzt.
Für Eltern soll es eine unabhängige Meldestelle beim Land oder den Bezirksregierungen geben, um Beratung etwa bei Diskriminierung durch den Arbeitgeber bei der Elternzeit oder zu Schließzeiten der Kita zu erhalten. Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, sollen solche Unternehmen Förderungen bekommen, die Führungspositionen in Teilzeit oder im "Tandem" mit anderen ermöglichen.
Grüne in der Regierung: Mehr Verantwortung bei Männern und Arbeitgebern
Als Mit-Regierungpartei äußerten sich am Dienstag auch die Grünen in der Landesregierung zum Vorstoß der SPD. Immerhin ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer auch eins ihrer Kernthemen gewesen. Eine verlässliche Betreuung für Kinder sei "essenziell", teilte Eileen Woestmann, Grünen-Sprecherin für Kinder und Familie, mit. Sie allein löse aber nicht alle Probleme.
"Vereinbarkeit zu verbessern, heißt auch, dass Männer mehr Sorgearbeit übernehmen müssen", so Woestmann. Dafür brauche es Vorbilder, "aber auch Rahmenbedingungen wie flexible Arbeitszeiten, partnerschaftliche Elternzeitmodelle, eine Unternehmenskultur, die Care-Arbeit nicht als Karrierehindernis begreift, sowie finanzielle Gleichstellung, damit Frauen und Männer die gleichen Voraussetzungen haben, Sorgearbeit übernehmen zu können".
Also exakt die Forderungen, die die SPD auch aufstellt. Woestmann wies darauf hin, dass die Grüne Landtagsfraktion "mehrere Veranstaltungen" mit Teilnehmern aus Wirtschaft und Familienverbänden durchgeführt habe. Dabei sei deutlich geworden: "Für die Umsetzung von Vereinbarkeit braucht es gute Netzwerke und Austausch." Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten "gemeinsam an fairen, nachhaltigen Lösungen arbeiten müssen".
Unsere Quellen:
- Pressegespräch der SPD-Fraktion am 12.08.2025
- Statement der Fraktion der Grünen im Landtag NRW
- Frühere Berichterstattung zum Thema Kitaplätze
Über dieses Thema berichten wir am 12. August 2025 auch im WDR Hörfunk: Westblick ab 17.04 Uhr auf WDR 5.