Schwimmkurse in NRW

Aktuelle Stunde 25.01.2026 16:06 Min. UT Verfügbar bis 25.01.2028 WDR Von Martina Koch

WDR-Datenrecherche: So ausgebucht sind Schwimmkurse in NRW

Stand:

Volle Kurse, Ausfall beim Schwimmunterricht: Eine exklusive Abfrage des WDR zeigt, wie schwer es ist, in NRW schwimmen zu lernen. In vielen Vereinen warten Kinder mehr als ein Jahr auf einen Platz.

Von Andreas Artz und Martina Koch

Mila träumt davon, bis zu den Osterferien das Seepferdchen-Abzeichen zu schaffen. Dafür muss sie 25 Meter am Stück schwimmen, nach einem Gegenstand tauchen und vom Beckenrand springen können. "Das mit dem Tauchen, das ist besonders schwer", erzählt Mila.

Anfänger-Schwimmkurs beim SV Kettwig in Essen

Anfänger-Schwimmkurs in Essen

Sie besucht aktuell den Anfänger-Schwimmkurs beim SV Kettwig in Essen. Auf den Platz musste die Familie ein Jahr lang warten, erzählt Oma Carola Kracht ziemlich verärgert im WDR-Interview. Andere Eltern warten beim Verein sogar zwei Jahre.

Maike Grieskamp ist beim SV Kettwig für die Schwimmausbildung zuständig und erlebt regelmäßig, wie verzweifelt Familien sind: "Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir eine Oma hier im Schwimmbad stehen, die uns Geld dafür angeboten hat, dass wir das Kind früher aufnehmen."

Ausgebuchte Anfängerkurse landesweit 

Doch nicht nur in Essen sind Anfänger-Schwimmkurse ausgebucht. In NRW warten viele Eltern mehr als ein Jahr darauf, für ihr Kind einen Platz in einem Kurs zu finden. Der WDR hat alle rund 900 Schwimmvereine und DLRG-Ortsvereine im Land befragt, wie ausgelastet ihre Anfängerkurse im vergangenen Jahr waren und wie lang aktuell die Wartezeit auf einen freien Platz ist.

Datenabfrage: Lange Wartezeit auf Schwimmkurse

WDR 5 Westblick - aktuell 26.01.2026 04:11 Min. Verfügbar bis 26.01.2027 WDR 5

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350 Vereine beantworteten die Umfrage. Fast 90 Prozent davon gaben an, dass ihre Kurse komplett ausgebucht waren. In sieben Prozent waren annähernd alle Plätze ausgebucht. Nur in vereinzelten Vereinen waren noch viele Plätze frei.

Wartezeit: Teils länger als zwei Jahre

Die hohe Auslastung der Kurse führt bei vielen Vereinen zu langen Wartezeiten: In 27 Prozent der Klubs müssen Eltern ein bis zwei Jahre warten, bis ihr Kind dort einen Anfängerkurs besuchen kann. 14 Prozent geben sogar Wartezeiten von mehr als zwei Jahren an.

Teilweise schwanken die Wartezeiten innerhalb einer Stadt je nach Verein: in Aachen zum Beispiel zwischen weniger als drei Monaten (zum Beispiel SV Neptun) bis über ein Jahr (Aix-la-Sports).

Alexa Klüppelberg, Ausbildungsleiterin bei der DLRG-Ortsgruppe Köln rechtsrheinisch Süd

Alexa Klüppelberg, DLRG in Köln

Die meisten Vereine würden gerne mehr Kursplätze anbieten, können dies aber nicht, meistens weil ehrenamtliche Kursleiter fehlen und es zu wenig Wasserzeiten in den Bädern gibt. Alexa Klüppelberg, Ausbildungsleiterin bei der DLRG-Ortsgruppe Köln rechtsrheinisch-Süd kritisiert außerdem:

"Es gibt immer mehr Bäderschließungen, davon sind wir jetzt auch konkret betroffen in einem Fall. Die Schwimmbäder sind teilweise sehr stark sanierungsbedürftig, haben dann mal wochenweise geschlossen, wo der Kurs nicht stattfinden kann."

Zahl der Bäder in NRW halbiert

Tatsächlich ist die Zahl der Bäder in NRW dramatisch gesunken: Nach Zahlen des Schwimmverbands NRW gab es im vergangenen Jahr nur noch 714 Bäder, das sind etwa halb so viele wie noch vor 25 Jahren.

Dabei gehören Schwimm- und DLRG-Vereine nach einer neuen Studie des Deutschen Schwimmverbands zu den wichtigsten Stellen, wo Kinder schwimmen lernen. Die Alternativen: Geübte Eltern bringen ihren Kindern das Schwimmen selbst bei. Wer sich das nicht zutraut, ist entweder auf private Schwimmschulen angewiesen, bei denen ein Kurs allerdings mehrere hundert Euro kosten kann, oder auf die Grundschule.

Eltern berichten uns im WDR-Interview allerdings von Problemen in der Schule. "Der Schwimmunterricht ist teilweise sehr oft ausgefallen, weil die Lehrer krank sind", sagt etwa Vater Steffen Reusmann, dessen Tochter nun bei der DLRG-Ortsgruppe im Kölner Süden schwimmen lernt.

Jedes fünfte Grundschulkind kann nicht schwimmen

Der aktuelle Sport-Lehrplan in NRW schreibt zwar vor, dass eigentlich alle Kinder am Ende der Grundschulzeit 100 Meter ohne Unterbrechung schwimmen können müssen. Doch diese Vorgaben erfüllen viele Kinder nicht.

Nach repräsentativen Umfragen im Auftrag der DLRG können bundesweit immer mehr Grundschulkinder gar nicht schwimmen, zuletzt waren 20 Prozent der Kinder betroffen. Hinzu kommen 23 Prozent, die als "unsichere Schwimmer" eingestuft wurden.

Anfänger-Schwimmkurs beim SV Kettwig in Essen

Anfänger-Schwimmkurs beim SV Kettwig in Essen: Immer mehr Grundschulkinder können nur unsicher oder gar nicht schwimmen.

Schwimmunterricht in der Schule: einzelne Ausfälle und wenig Wasserzeit

Eine zweite WDR-Abfrage unter allen Schulämtern in NRW zeigt nun, dass der Schwimmunterricht an den meisten der rund 2.800 Grundschulen im Land immerhin grundsätzlich stattfindet. Die meisten können auch die Lehrplan-Vorgabe einhalten, dass die Kinder mindestens ein Jahr lang Schwimmunterricht bekommen und dabei pro Woche mindestens 30 Minuten im Wasser sein müssen.

Aber: 23 Grundschulen kommen nicht auf diese Zeit im Schwimmbecken, beispielsweise da die Fahrzeit zum Bad so lang ist, dass weniger Zeit im Wasser bleibt. Bei 34 weiteren Grundschulen fiel der Schwimmunterricht im vergangenen Schuljahr sogar komplett aus. Betroffen sind vor allem kleinere Gemeinden, etwa im Rhein-Sieg-Kreis (elf Schulen), aber auch einzelne Städte wie Duisburg (drei).

In einzelnen Gemeinden war der Ausfall nur vorübergehend, weil ein vorhandenes Bad saniert wurde. In den meisten betroffenen Schulen fällt der Schwimmunterricht allerdings dauerhaft aus, meistens weil kein passendes Bad in der Nähe ist oder weil Sportlehrkräfte fehlen.

Alfter: Seit sieben Jahren kein Schwimmunterricht 

Beispiel Alfter im Rhein-Sieg-Kreis: An den drei Grundschulen hier gibt es schon seit sieben Jahren keinen Schwimmunterricht. Ein passendes Lehrschwimmbecken wäre zwar da, es liegt sogar in einem der Schulgebäude, doch es ist stillgelegt. Die Sanierungskosten in Höhe von zwei Millionen Euro kann die klamme Gemeinde nicht stemmen.

Christian Lanzrath, Bürgermeister der Gemeinde Alfter

Christian Lanzrath, Bürgermeister Alfter

Bürgermeister Christian Lanzrath (SPD) sieht darin ein strukturelles Problem: "Im Lehrplan des Landes ist vorgesehen, dass wir Schwimmunterricht anbieten, aber wir als Schulträger haben nicht die finanzielle Ausstattung, um für das Schwimmbad zu sorgen", sagt er.

Eltern aus Alfter müssen ihre Kinder deshalb in umliegende Gemeinden fahren, damit sie dort schwimmen lernen. Doch das können nicht alle Familien leisten, erzählt Lanzrath im WDR-Interview und warnt:

Wir ziehen eine Generation von Nichtschwimmern heran, weil uns die Infrastruktur fehlt. Christian Lanzrath (SPD), Bürgermeister Alfter

Schwimmen sei eine Grundkompetenz, die Kinder erlernen sollten, so Lanzrath: "Darum müssen wir uns als Gesellschaft kümmern, um niemanden zurückzulassen."

Die NRW-Landesregierung habe das Problem erkannt, betont die Staatssekretärin für Sport, Andrea Milz (CDU). Sie bezeichnet die Ergebnisse der WDR-Abfrage als "ehrliche Bestandsaufnahme" und sieht das Land in der Verantwortung, "jetzt gegenzusteuern, um genau diese Missstände zu beheben."

Landesregierung will 200 Millionen Euro bereitstellen

Für dieses Jahr sei ein Investitionspaket geplant, mit dem das Land den Kommunen 200 Millionen Euro speziell für den Neubau oder die Sanierung von Schwimmbädern zur Verfügung stelle. Dazu komme noch eine Million Euro, um Trainerinnen und Trainer auszubilden.

Schwimmbad in Bonn, speziell für die Schwimmausbildung, das Schwimmverband NRW und ein privater Investor in drei Monaten gebaut haben.

Dieses Schwimmbad in Bonn wurde in drei Monaten gebaut.

Ein Vorbild für Kommunen könnte ein neues Hallenbad in Bonn sein, das speziell für die Schwimmausbildung gedacht ist. Dies hat der Schwimmverband NRW mit einem privaten Investor gebaut - in nur drei Monaten. Dank Fertig-Bauweise und einheitlicher Planung kostete das Bad zudem nur halb so viel wie vergleichbare Bäder.

Schwimmverband baut sich selbst ein Bad

Auch die Betriebskosten sind etwa um die Hälfte reduziert, zum Beispiel wegen einer Jalousie über dem Becken, damit die Wassertemperatur über Nacht besser gespeichert wird. "Das heißt, wir haben ein Produkt, was schnell, kostengünstig, verlässlich konzipiert wurde für die Schwimmausbildung und in der Form bisher einmalig ist", betont Frank Rabe, Generalsekretär des Schwimmverbands NRW.

Er hofft, den Kommunen damit eine Option zeigen zu können, wie sie neue Bäder für die Schwimmausbildung bauen können. Damit Kinder wie Mila in Essen nicht mehr so lange darauf warten müssen, schwimmen zu lernen.

Unsere Quellen:

  • Recherche bei Schwimmvereinen vor Ort
  • WDR-Abfrage bei Schwimmervereinen und DLRG-Gruppen
  • Schwimmverband NRW und Deutscher Schwimmverband
  • Umfrage im Auftrag der DLRG zur Schwimmfähigkeit von Grundschulkindern
  • Sport-Lehrplan für NRW-Grundschulen

Sendung: WDR.de, So ausgebucht sind Schwimmkurse in NRW, 25.01.2026, 06.00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 25.01.2026, 19.30 Uhr
Sendung: Aktuelle Stunde, 25.01.2026, 18:45 Uhr

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