Wie Schüler sich die Schule wünschen | WDR aktuell
01:35 Min.. Verfügbar bis 09.02.2028.
Gedichtsanalysen sind für ihn überflüssig. Er möchte lieber etwas über das Steuersystem lernen oder wie man die Finanzierung eines Hausbaus berechnet, sagt der 12-jährige Silas Paulus. Dass er mit dieser Vision, wie moderner Unterricht an nordrhein-westfälischen Schulen auszusehen hat, noch ziemlich weit weg ist vom derzeitigen Schulalltag, weiß er wohl selbst. Aber er sei ja dazu aufgerufen worden, neue Visionen für die Schule der Zukunft zu entwickeln. Das ist zumindest der Sinn einer Veranstaltung des NRW-Schulministeriums mit 150 Schülerinnen und Schülern im Düsseldorfer Landtag.
Mit Schülern reden statt nur über sie
Schüler und Schülerinnen treffen Schulministerin Feller im Landtag
"Es ist wichtig, dass junge Menschen früh erleben, dass ihre Stimme Gewicht hat. Wer selbst Schule erlebt, weiß am besten, wo Verbesserungen notwendig sind", sagt Christof Rasche, Vizepräsident des NRW-Landtages zur Begrüßung. Deshalb sei es gut, dass man mit Schülern spreche – statt nur immer über sie. Die Schülerinnen und Schüler sparen dann auch nicht mit Kritik an den Zuständen. Das Notensystem ist absurd, meint beispielsweise die 17-jährige Finnya Brauße aus Lemgo. Denn dadurch würde viel zu wenig auf die individuellen Eigenschaften der Schülerpersönlichkeiten eingegangen:
Ich bin doch so viel mehr als eine Note. Finnya Brauße, Schülerin aus Lemgo
Den ganzen Tag lang erarbeiten die Schüler und Schülerinnen in einzelnen Workshops ihre Ideen. Immer geht es dabei um zentrale Probleme im schulischen Alltag. Wie und wo lernt man am besten? Welche Unterstützung benötigen Schüler, damit sie sich aufs Lernen konzentrieren können? Welche Ausstattung muss ein Klassenzimmer haben, in dem man sich beim Lernen wohl fühlt? Wie sieht eine respektvolle Feedback-Kultur an den Schulen aus? Und was braucht es, um Gewalt, Mobbing oder Diskriminierung aus den Klassenräumen und von Schulhöfen fernzuhalten?
Mobbing riesiges Problem
Unterrichtsausfall, marode Schulgebäude und Lehrermangel –die Problemliste ist lang und die anwesenden Schüler sind froh über das Gesprächsformat mit der Politik. Dabei klingt so mancher Vorschlag erst einmal banal.
Schüler und Schülerinnen teilen ihre Visionen für eine Schule der Zukunft
"Schöneres Geschirr in der Schul-Mensa," wünscht sich ein Schüler, der nicht genannt werden möchte. Ob er nicht auch andere, größere Probleme habe, wird er gefragt. Erst dann öffnet er sich. Jahrelang sei er wegen seines Migrationshintergrundes gemobbt worden: Mitschüler hätten ihn schikaniert, ihn einmal sogar in die Mülltonne gesteckt. Lehrer hätten immer wieder weggesehen, auch dann, als er ihnen von seinen Problemen erzählt habe. Viele im Workshop nicken, fast alle wurden entweder schon selbst gemobbt oder kennen Opfer persönlich.
Schulministerin Feller will Demokratie stärken
Dorothee Feller (CDU)
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) ist den ganzen Tag vor Ort, hört zu, versucht, mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen. Letztlich ginge es hier auch darum, den Jugendlichen zu erklären, wie wichtig Demokratie und demokratische Prozesse seien, dabei auch andere Meinungen auszuhalten. "Und das geht nicht, wenn man die Schüler nicht an Entscheidungen beteiligt und dann auch ernst nimmt, was die Schülerinnen und Schüler wirklich wollen", sagt Feller. Sie sagt zu, Ideen aus der Schülerschaft auch umzusetzen – soweit sie irgendwie realistisch seien. Jeder werde aber zumindest ein Feedback für seine Anregungen bekommen.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Interviews mit Schülerinnen und Schülern
- Interview mit Christof Rasche (FDP), Vizepräsident NRW-Landtag
- Interview mit Dorothee Feller (CDU), Schulministerin NRW
Sendung: WDR Fernsehen, WDR Aktuell, 09.02.2026, 16:00 Uhr
