Ganztagesbetreuung in Schulen unmöglich

Verfügbar bis 23.01.2028

Ganztag für viele Schulleitungen nicht machbar

Stand:

Viele Grundschulen in NRW zweifeln daran, dass sie den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz erfüllen können. Das zeigt eine aktuelle Umfrage.

Der Rechtsanspruch auf einen Platz in einer offenen Ganztagsschule (OGS) soll ab dem neuen Schuljahr 2026/27 gelten. Ob das aber überall gelingt, ist fraglich. Denn fast jede dritte Grundschule in NRW geht davon aus, dass dieser Rechtsanspruch nicht sichergestellt werden kann. Das hat eine vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) beauftragte repräsentative Forsa-Umfrage unter Schulleiterinnen und Schulleiter von Grundschulen in NRW ergeben.

Räume und Personal fehlen

62 Prozent der befragten Schulleitungen gehen zwar davon aus, dass es für alle neu eingeschulten Kinder wohl mit einem Ganztagsangebot klappen werde. Aber 32 Prozent antworteten auf die Frage, ob an ihrer Grundschule allen Erstklässlerinnen und Erstklässlern im Schuljahr 2026/27 voraussichtlich eine Ganztagsbetreuung angeboten werden könne, mit "Nein". Vor einem Jahr waren es noch 52 Prozent:

Die aktuelle Umfrage basiert auf einer Befragung aus dem Herbst 2025, dabei waren laut VBE insgesamt 1.312 Schulleitungen bundesweit repräsentativ befragt worden, darunter 263 in NRW.

Auf Nachfrage erklärten die Befragten, ihre Skepsis liege vor allem an fehlenden Räumen sowie fehlendem Fachpersonal. "Wer einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung einführt, muss auch die Voraussetzungen schaffen, damit dieser Anspruch vor Ort umgesetzt werden kann - mit ausreichenden Investitionen in Personal, Räume und Qualität", teilte Stefan Behlau, Vorsitzender des VBE NRW, mit.

VBE fordert Qualitätstandards

Die Befragung hat auch ergeben, dass es an etwa der Hälfte der Grundschulen keine pädagogische Mindestqualifikation für angehende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ganztagsbetreuung gibt. 48 Prozent der Schulleitungen von Ganztagsschulen sowie von Schulen, an denen die Umstellung zur Ganztagsschule geplant ist, gaben in der Umfrage an, keine Mindestqualifikation zu haben.

Für den VBE ist das ein Problem: "Ein reines polizeiliches Führungszeugnis sagt noch nichts über die pädagogische Eignung aus", betont Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des VBE. "Deshalb fordern wir Qualitätsstandards für Personen, die in der Ganztagsbetreuung eingesetzt werden, wie eine extra dafür qualifizierende Fortbildung."

Umfrage: Grundschulen sorgen sich um Ganztag

WDR Studios NRW 23.01.2026 00:38 Min. Verfügbar bis 23.01.2028 WDR Online

Streit um Kosten für Ganztagsbetreuung

Wegen der Kosten für die Ganztagsbetreuung sind mittlerweile mehrere Städte in NRW gegen die Landesregierung vor Gericht gezogen. Sie fordern eine andere Finanzverteilung vom Land. Die Stadt Düsseldorf rechnet etwa fürs kommende Schuljahr mit Mehrkosten von 43 Millionen Euro. Insgesamt könnten sich die Ausgaben für alle Kommunen auf eine Milliarde Euro pro Jahr belaufen, davon geht zum Beispiel Hamms Oberbürgermeister Marc Herter (SPD) aus.

Kommunen: "Wer bestellt, bezahlt"

Mit ihren Klagen vor mehreren Verwaltungsgerichten wollen die Kommunen feststellen lassen, dass sie nicht dafür zuständig sind, den Rechtsanspruch umzusetzen. Ihr Argument: Das Gesetz zur Ganztagsbetreuung hatte der Bund vor vier Jahren beschlossen und die Länder mit der Ausgestaltung beauftragt. Die Länder wiederum lassen den Rechtsanspruch von den Kommunen umsetzen.

Die Städte fordern nun ein Gesetz, das die Übernahme der Kosten durch das Land und auch die konkrete Ausgestaltung des Rechtsanspruchs klar regelt.

Schulministerium verweist auf höhere Ausgaben

"Keine Frage: Die Einführung des Rechtsanspruchs geht mit großen Herausforderungen einher. Gleichwohl ist das Ziel, über den Rechtsanspruch sowohl die Bildungschancen unserer Kinder als auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, jede Mühe wert", teilte Schulministerin Dorothee Feller (CDU) mit.

Nach Angaben ihres Ministeriums steigen die OGS-Ausgaben des Landes im aktuellen Jahr um 93,1 Millionen auf insgesamt rund 983 Millionen Euro. Damit könne weiterhin jeder von den Kommunen beantragte OGS-Platz bewilligt werden, betonte ein Ministeriumssprecher.

Opposition kritisiert "Blindflug" der Landesregierung

Landtagsabgeordnete Dilek Engin äußert sich nach dem Schulausschuss am 29.10.25

Engin: Ergebnis ist "Alarmzeichen"

Die SPD-Opposition im Düsseldorfer Landtag bezeichnet das Ergebnis der Forsa-Umfrage als "unüberhörbares Alarmzeichen". Das Land müsse die Kommunen "endlich substanziell unterstützen", meint Dilek Engin, schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. "Wer Ganztag will, muss ihn auch finanzieren." Das Land müsse noch vor dem Sommer für Planungssicherheit sorgen. "Wir brauchen mehr Fachkräfte, bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Standards und endlich einen echten Investitionsschub für Räume und Ausstattung."

Aus Sicht der FDP befindet sich die Landesregegierung im "Blindflug ins Ganztags-Chaos". NRW brauche einen verlässlichen, hochwertigen Ganztag für alle Kinder unabhängig vom Wohnort oder der Kassenlage der Kommune, fordert Franziska Müller-Rech, stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende. "Kommunen, Schulen und Träger stehen im Regen - und Ministerpräsident Wüst schaut zu, als hätte er nichts damit zu tun."

Unsere Quellen:

  • Pressemiteilung des VBE NRW
  • Forsa-Umfrage zur Ganztagsbetreuung
  • Mitteilung des Schulministeriums
  • Mitteilung der SPD-Fraktion
  • Mitteilung der FDP-Fraktion

Sendung: WDR.de, Umfrage: Grundschulen sorgen sich um Ganztag, 23.01.2026, 10:20 Uhr

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