Zunahme von Rechtsextremismus

Westpol 22.06.2025 28:30 Min. UT DGS Verfügbar bis 22.06.2030 WDR

Jung, online, gewaltbereit: Wie sich Rechtsextreme in NRW neu vernetzen

Stand:

Junge Menschen radikalisieren sich im Internet. Der Verfassungsschutz sieht darin ein neues Potenzial für Rechtsextremismus in NRW. Genau das haben die alten Parteistrukturen um die ehemalige NPD neu für sich entdeckt.

Eine Wiese nahe eines Waldes in Döbeln im Landkreis Mittelsachsen. In Zweierreihe stehen hier junge Männer mit kurzen Haaren, in weißen Hemden und schwarze Hosen stramm hintereinander. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, halten einige darin ein kleines rotes Buch mit dem Titel "Heidenlieder aus 8 Jahrhunderten“.

Man sieht junge Männer aufgereiht in zwei Reihen. Sie tragen weiße Hemden und schwarze Hosen. Daneben junge Frauen in roten Röcken und weißen Blusen.

Teilnehmende des rechtsextremen Jugendcamps in Döbeln, Sachsen

Daneben ebenfalls aufgereiht: junge Frauen, allesamt in weißen Blusen und roten Röcken. Wenig später werden sie gemeinsam Volkslieder aus dem Buch anstimmen.

Die Bilder wirken wie aus der Zeit gefallen, entstanden sind sie aber erst vor wenigen Monaten. Aufgenommen von dem Journalisten-Kollektiv Recherche Nord. Das Treffen: Ein sogenanntes Gemeinschaftswochenende, das die rechtsextreme Partei Die Heimat, früher NPD, mit ihrer Jugendorganisation, den Jungen Nationalisten (JN), am 29. März veranstaltet hat. Dazu haben sie Gleichgesinnte nach Döbeln eingeladen. Auch aus NRW.

Regelmäßige rechtsextreme Treffen auch in NRW

Zu den Teilnehmern gehört der Dortmunder JN-Funktionär Niklas Busch, Jahrgang 2002. Er ist eines der Gesichter der verfassungsfeindlichen Nachwuchsorganisation NRW. Gemeinsam veranstalten sie auch hier regelmäßig Treffen und Demonstrationen, in den vergangenen Wochen unter anderem in Gelsenkirchen, Herford, Dortmund und Essen.

man sieht ein braunes Holztor, davor zwei Männer, die die Tür bewachen.

"Offener Abend" bei der Partei Die Heimat in Essen-Kray

In der Marienstraße 66 in Essen-Kray befindet sich die Landeszentrale der Partei – und dorthin lädt Die Heimat zu ihren offenen Abenden ein. Erst treffen sich die Teilnehmenden hinter dem dunkelbraunen Holztor, um wenig später als Demonstrationszug durch die Straßen zu ziehen. Immer mit dabei: Niklas Busch. Er übernimmt oft die Führung und hält Reden.

Bei den jungen Teilnehmenden um ihn herum handelt es sich nach Recherchen des WDR-Magazins Westpol jedoch nicht um Mitglieder der etablierten Parteistrukturen allein: Immer mehr unabhängige rechtsextreme Gruppierungen laufen dort mit. Besonders auffällig ist, wie jung viele der Teilnehmenden sind, einige offensichtlich noch minderjährig.

Radikalisierung: Jugendliche suchen nach Anerkennung

Man sieht einen Mann in schwarzen T-Shirt vor einem gläsernden Gebäude.

Prof. Dierk Borstel, FH Dortmund

Viele davon haben sich vorher auf Social-Media-Plattformen radikalisiert, beobachtet der Politikwissenschaftler Dierk Borstel von der Fachhochschule Dortmund. Die Jugendlichen würden sich dort verstanden fühlen, bekämen von anderen schnell Anerkennung und sähen sich als Teil einer großen Bewegung.

Aber auch das gesellschaftliche Klima trage dazu bei, rechtsextreme Forderungen zu normalisieren. "Menschenfeindliche Ideologien sind im Moment sehr stark präsent auch in der Mitte der Gesellschaft", sagt Borstel. Dadurch würden Menschen am rechten Rand immer auch motiviert, gewalttätig zu werden und sich selbst als "die Mutigen" darzustellen, "die anpacken".

Vernetzung bringt "neues rechtsextremistisches Potenzial"

Man sieht einen Mann in Anzug, im Hintergrund sind Flaggen zu sehen.

Jürgen Kayser, Leiter Verfassungsschutz NRW

Die Beobachtungen decken sich mit den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes NRW. "Wir stellen insgesamt fest, dass im Bereich des Rechtsextremismus deutlich verstärkte Vernetzungsbestrebungen stattgefunden haben in den letzten Jahren. Es wird versucht, insbesondere die junge Szene stärker in die Parteistrukturen hineinzuziehen und anzubinden", sagt Jürgen Kayser, Leiter des Verfassungsschutzes NRW. Dadurch entstehe ein neues Potenzial für die rechtsextremistische Szene in NRW, aber auch bundesweit.

Insbesondere seit Mitte 2024 hätten sich viele junge Menschen online in neuen Gruppierungen vernetzt und teilen dort offen ein rechtsextremes Weltbild. Allein auf der Plattform Instagram finden sich dutzende davon. Einige sind bereits im NRW-Verfassungsschutzbericht zu finden, Gruppen wie "Der Störtrupp", aber auch "Jung und Stark NRW" oder "Aachen Inferno".

Geteilt werden auch Fotos mit Schusswaffe

Viele der User, die diesen Gruppen folgen, sind sehr jung, teilweise offensichtlich minderjährig. Einige zeigen sich in Bomberjacke und Springerstiefeln, teilen Bilder und Videos mit rechtsextreme Parolen und Erkennungszeichen auf ihren Accounts. Ein Nutzer, der sich "Bundesreichskanzler" nennt, teilt etwa ein Video, auf dem er offen mit einer Schusswaffe hantiert.

Auch Niklas Busch ist online aktiv. Auf TikTok teilt er Fotos von sich selbst auf Demonstrationen, aber auch beim Kampfsport. Auf einigen trägt er T-Shirts mit der Aufschrift "Kampf der Nibelungen". Dabei handelt es sich um ein rechtsextremistisches Kampfsportevent, das 2019 verboten wurde. Ein Online-Shop der Marke existiert weiterhin.

Kampfsport bringt junge Menschen in die rechte Szene

Auf einem Sporttag der Jungen Nationalisten im niedersächsischen Linden im April kämpft Busch nicht nur selbst, sondern trainiert, so sieht es auf Videos aus, auch andere Teilnehmer. Die Heimat antwortet auf Anfrage, das Training diene ausschließlich der Selbstverteidigung.

"Das ist ein Trigger, der junge Menschen in diese Szene reinbringt“, sagt NRW-Verfassungsschutzchef Kayser. Es gehe gar nicht immer direkt um eine rechtsextremistische Ideologie, sondern um ein Gemeinschaftserlebnis. Kampfsport an sich sei auch nichts Verbotenes. "Aber wenn er genutzt wird, um sich mit dem politischen Gegner auseinanderzusetzen, dann prüfen wir immer, ob wir konkrete Infos an Strafverfolgungsbehörden weitergeben müssen“, sagt Kayser.

Laut des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist das Potenzial der gewaltorientierte Rechtsextremisten in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen.

Auch Rechtsextremismus-Forscher Borstel sieht im Kampfsport ein Gefahrenpotenzial: "Gerade junge Leute sind meist radikaler als Erwachsene und verstehen sich als Revolutionäre, als wirkliche Kämpfer. Die wollen auf der Straße kämpfen."

Nach Angriff auf Kneipe: Ermittlungen gegen rechtsextreme Tatverdächtige

Die Tür von der Kneipe Hirsch-Q

Dortmunder Kneipe "Hirsch-Q"

Wie die Gewalt auf der Straße aussehen kann, zeigt ein Vorfall vor gut drei Wochen in der Dortmunder Innenstadt. Eine Gruppe Rechtsextremer soll die linke Szene-Kneipe Hirsch-Q angegriffen und auf die Tür eingeschlagen haben. Insgesamt vier Personen wurden kurzfristig festgenommen, einer von ihnen hatte einen Teleskopschlagstock dabei.

Mehrere Tatverdächtige sollen kurz davor auf einem "offenen Abend" einer rechtsextremen Gruppe in Dortmund-Dorstfeld dabei gewesen sein. Ob die Tatverdächtigen von dort zur Kneipe loszogen oder ob sie selbst vorher angegriffen wurden, ist laut Staatsanwaltschaft Dortmund Teil der Ermittlungen. Der mutmaßliche Anführer der Gruppe, Nico W., präsentiert sich auf Social-Media-Plattformen jedenfalls auch oft als Kampfsportler.

Experte: Mehr Prävention und professionelle Ausstiegsprogramme

Auch Niklas Busch fiel bereits durch aggressives Verhalten auf. Auf einer Demo in Essen attackierte er einen Kameramann. Beim vergangenen JN-Treffen, ebenfalls in Essen, wurde Busch kurzzeitig festgenommen, weil er sich den Anweisungen der Polizei widersetzt haben soll.

Solche kurzfristigen Interventionen würden allerdings nicht helfen, sagt Forscher Borstel. Neben Prävention in Schulen, für Eltern und in den Medien brauche es professionelle Ausstiegsprogramme: "Da reden wir jetzt nicht über die Nachbarin, die mal mit Nazis quatscht und einen Tee trinkt, sondern wir reden über Profis, die individuell an den Personen arbeiten".

Unsere Quellen:

  • Recherchen von Westpol
  • Interview mit Prof. Dierk Borstel, FH Dortmund
  • Interview mit Jürgen Kayser, Verfassungsschutz NRW
  • Recherche Nord
  • Lagebild Rechtsextremismus NRW (Stand März 2025)
  • Bundesverfassungsschutzbericht 2024
  • Polizei Dortmund

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