EIn Astronaut während eines Außeneinsatzes im All

NRW oder Bayern: Wer ist der Commander im All?

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Während Markus Söder "Mondgipfel" veranstaltet, sieht NRW sich als "Hidden Champion" der Raumfahrt. Beide Länder wollen hoch hinaus.

Wenn man Menschen in NRW zum Thema Raumfahrt befragt, passiert zuweilen Erstaunliches: Sie sprechen von Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident hat es geschafft, in Deutschland so etwas wie ein Raumfahrt-Botschafter zu werden.

"Space-Connection" ohne NRW

Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht über Perspektiven der astronautischen Raumfahrt beim Bayerischen Mondgipfel im Deutsches Zentrum für Luft-und Raumfahrt. Der Bayerischer «Mondgipfel» fand in Kooperation mit DLR und ESA statt.

Söder auf dem "Mondgipfel"

Im Sommer etwa lud er nach Oberpfaffenhofen zu einen "Mondgipfel", um Bayerns Rolle bei künftigen Mondmissionen zu betonen. Söder präsentierte sich dabei (natürlich) in blauer Astronauten-Jacke. Und im Juni forderten die Ministerpräsidenten von Bremen, Bayern und Baden-Württemberg in Berlin öffentlichkeitswirksam mehr Geld vom Bund für die Raumfahrt. Bei der Pressekonferenz stand Söder im Zentrum. Er sprach dabei gar von einer "Space-Connection" zwischen Bovenschulte, Kretschmann und ihm.

Aber fehlte da nicht einer? NRW-Landesvater Hendrik Wüst ist offenbar nicht Mitglied dieser "Connection".

Deshalb vergleichen wir NRW und Bayern

Bayern und Nordrhein-Westfalen sind die beiden größten Bundesländer, seit Jahrzehnten politisch tonangebend, wirtschaftlich dominant und kulturell durchaus unterschiedlich. In München wie in Düsseldorf schaut man gern auf den jeweils anderen und nimmt an ihm Maß. Dabei ist das Verhältnis immer wieder von einer freundlichen Rivalität geprägt.

Mehr zum Hintergrund: Deshalb beleuchten die landespolitischen Fachredaktionen unregelmäßig die Politik in beiden Ländern.

Rund 40 Jahre Raumfahrt-Tradition in NRW

Wer erforschen will, ob und seit wann auch NRW ähnlich hoch hinaus will wie Bayern, muss erst einmal tief hinabsteigen. Im Archiv des NRW-Landtags wird man fündig. "Landesregierung und die Fraktionen äußern klares Ja zur bemannten Raumfahrt" heißt es bereits in der Hauszeitung "Landtag intern" vom 26. April 1988. Damals ging es um die Ansiedlung der Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten (DARA), die ihren Sitz in NRW haben sollte. Auch Bayern hatte damals Interesse bekundet, ging aber schließlich leer aus.

"Am Ja zur Weltraumfahrt besteht kein Zweifel, auch kein Zweifel an der bemannten Raumfahrt, jedenfalls was mich, was NRW und die Sozialdemokraten angeht." Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) 1988 im Landtag

Die DARA wurde schließlich tatsächlich in Bonn gegründet. Sie verschmolz 1997 mit der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt zum heutigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Sitz in Köln.

In Köln laufen die Fäden zusammen

Dort befindet es sich noch heute. Und nicht nur das: In Köln-Wahn arbeiten das DLR, die Europäische Weltraumorganisation ESA und die Luftwaffe Tür an Tür. Hier entsteht künftig der "GOVSATCOM-Hub", eine Initiative der Europäischen Kommission für sichere und zuverlässige Satellitenkommunikationsdienste.

Raumfahrtkonferenz SpaceTech.NRW in Köln - 30.04.2025 Keynote von NRW Ministerpräsident Hendrik WÜST CDU - Die erste SpaceTech.NRW-Raumfahrtkonferenz findet in Köln statt. Organisiert wird die Veranstaltung von der Landesregierung mit der ESA und dem DLR.

Wüst auf der "SpaceTech.NRW"

Zudem wurde hier vor einem Jahr die LUNA-Halle eröffnet, eine weltweit einzigartige Trainingseinrichtung, in der astronautische und robotische Mond-Missionen in einer realistischen Umgebung vorbereitet werden können.

Das DLR ist tatsächlich eine überragend wichtige Zentrale für Weltraum-Missionen, zum Beispiel zur Internationalen Raumstation (ISS). "Jeder europäische Astronaut kommt bei uns vorbei, denn die werden bei uns vorbereitet", erklärte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst zwar ohne Astronauten-Jacke, aber nicht ohne Stolz am Rande der Konferenz "SpaceTech.NRW". Die Konferenz wurde im April erstmals in Köln veranstaltet, also noch vor dem "Mondgipfel" in Bayern.

NRW hat eigenes "Gesicht der Raumfahrt"

Der Deutsche Reinhold Ewald winkt Pressevertretern zu, die ihn am 20.1.1997 während des Trainings beobachteten

Reinhold Ewald - das Gesicht der Raumfahrt in NRW

Mit dabei war auch Reinhold Ewald. Der Mönchengladbacher ist einer von dreizehn Deutschen, die bisher im Weltraum waren - und einer von zwei Astronauten aus NRW. Im April wurde der 68-Jährige zum Raumfahrtbotschafter des Landes ernannt, zum "Gesicht der Raumfahrt in NRW". Sein Ziel: "Das, was wir Astronautinnen und Astronauten sowieso schon tun, nämlich in die Schulen, in die Universitäten, in die Industrie zu gehen und zu sagen: Raumfahrt tut Not", erklärt Ewald.

Das Ziel sei es, "Raumfahrt als Treiber in der Wirtschaft, Sicherheit und Nachhaltigkeit in der Breite nutzbar zu machen", teilt die Staatskanzlei mit. Man setze auf eine enge Vernetzung von ESA, DLR und der Industrie. Damit verfolge NRW einen ganz eigenen Ansatz, der das Land von anderen Ländern unterscheide. "Bayern hat etwa in der Trägerindustrie wichtige Stärken", so die Staatskanzlei.

"Aktive Raumfahrtpolitik machen nur Bremen, Baden-Württemberg und Bayern, ein bisschen noch Berlin." Prof. Ulrich Walter

Keine Raumfahrtpolitik in NRW?

Der frühere Astronaut Ulrich Walter

Ulrich Walter war knapp 10 Tage im All

In Bayern sieht man sich hingegen in allen Bereichen gut aufgestellt: Die Dichte von Risikokapitalgebern sei "in München so groß wie nirgendwo anders. Das hat wiederum eine Sogwirkung auf andere Unternehmen, nicht nur Raumfahrt", meint Prof. Ulrich Walter, Astronaut und ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München.

Er hat zudem Markus Söder bei seiner Raumfahrtstrategie beraten, ist sozusagen das bayerische Raumfahrt-Gesicht - und kann in NRW derzeit gar keine Raumfahrtpolitik erkennen.

Bayern bei der Inszenierung vorn

Markus Söder legt bei ihrer Raumfahrt-Strategie unbestritten viel Wert auf die Inszenierung, liefert deshalb oft bessere Bilder. Das zeigt der Vergleich von "Bayerischem Mondgipfel" mit "Spacetech.NRW" aus diesem Jahr ebenso wie das Raumfahrt-Logo "Bavaria One". Söder wurde dafür verlacht, war aber auch tagelang Gesprächsthema, als er vor sieben Jahren im Wahlkampf ein Bild davon bei X (damals noch Twitter) postete.

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Bei der Inszenierung liegt Bayern also vorn. Doch wer es wirklich ernst meint, liefert nicht nur hübsche Bilder, sondern die härteste Währung in der Politik: Geld.

NRW gibt 80 Millionen

Zwei Astronauten simulieren in der Anlage LUNA eine Arbeitsaktion auf dem Mond

Mond-Simulationsanlage LUNA in Köln

NRW stellt nach eigenen Angaben in diesem Jahr 80 Millionen Euro über das Wirtschaftsministerium für verschiedene Maßnahmen zur Verfügung. Davon gehen etwa 50 Millionen Euro an den "GOVSATCOM-Hub", die Mond-Simulationsanlage LUNA bekommt 25 Millionen Euro. Es gibt außerdem Geld für weitere Projekte wie etwa die "Digital Aerospace Factory" am Flughafen Paderborn/Lippstadt, die "DIEGOSat"-Machbarkeitsstudie an der Ruhr-Universität Bochum sowie das Branchennetzwerk "AeroSpace.NRW".

Ein Sprecher verweist dabei auch auf weitere Förderungen, von denen viele Unternehmen der Branche wie etwa Zulieferer profitieren: Förderprogramme der NRW-Bank, Strukturmittel im Rheinischen Revier, Programme der Landesregierung zur Unterstützung von Start-ups und Scale-ups und viele weitere.

Eine Milliarde in Bayern bis 2030

10.08.2020, Bayern, Nürnberg: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) trinkt aus einer Star Trek Tasse.

Söder trinkt aus einer "Star Trek"-Tasse

Bayern plant für die Jahre 2024/25 mit einem Doppelhaushalt, in dem das Wirtschaftsministerium insgesamt 323 Millionen Euro für die Rumfahrt zur Verfügung stellt. Das macht im Jahr durchschnittlich gut 160 Millionen - und damit doppelt so viel wie NRW. Bis 2030 will Markus Söder sogar insgesamt eine Milliarde investiert haben, ausgehend von seinem Amtsantritt 2018. Komplett vergleichbar sind die Finanz-Posten aus NRW und Bayern nicht - dennoch wird eine Tendenz deutlich: In Bayern gibt die Landesregierung derzeit mehr Geld aus dem Haushalt für die Raumfahrt aus.

Doch wie steht es um die Raumfahrt-Wirtschaft und Weltall-Fachkräfte?

Zahl der Raumfahrt-Studierenden in NRW erhöht

In Bayern sind gut 500 Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt tätig, in NRW sind's nach Angaben der Landesregierung mehr als 400, viele davon als hochspezialisierte Zulieferer. Seit 2022 wurden in dem Bereich rund 40 Start-ups vom Land gefördert.

"NRW ist der Hidden Champion, was all die Stärken im Bereich der Luft- und Rumfahrt angeht." NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU)

Im Studienfach "Luft- und Raumfahrttechnik" hat sich die Zahl der Studierenden in NRW in den letzten zehn Jahren deutlich erhöht - von 1.007 im Jahr 2015 auf 1.438 im Jahr 2024. Die Zahl der Professorinnen und Professoren ist nach Angaben des Wissenschaftsministeriums ebenfalls gestiegen, von 18 auf 21.

Es geht also aufwärts bei Lehre und Forschung in Sachen Weltraum in NRW. Bayern liegt aber weit vorne: Im gleichen Bereich gibt es dort rund 4.000 Studierende und 90 Professorinnen und Professoren.

Unternehmen, Studis und Profs - von allem gibt es in Bayern mehr. Diese Punkte gehen also klar in den Süden.

Wie steht die Politik zu dem Vergleich?

NRW "innovativ", Bayern "exzellent"

Keynote von NRW Wirtschaftsministerin Mona NEUBAUR Die Grünen - Die erste SpaceTech.NRW-Raumfahrtkonferenz fand in Köln statt.

Neubaur bei "SpaceTech.NRW"

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) ist überzeugt: "Durch innovative Technologien und Anwendungen entstehen in Zukunft weitere hochwertige Arbeitsplätze, neue Märkte und starke Impulse für eine wettbewerbsfähige, nachhaltige Wirtschaft."

Ulrich Walter sieht dagegen Bayern im Ländervergleich klar vorn. Sein Bundesland stehe "exzellent da", betonte er. "Sie können in Nordrhein-Westfalen jetzt nicht sagen: Wir machen aus dem Kohlenpott jetzt Hightech. Das geht nicht so einfach, da muss man wirklich aktiv was machen und das dauert Jahrzehnte", so Walter.

Die NRW-Landesregierung widerspricht und lobt die hiesige Forschungslandschaft mit der RWTH Aachen, den Fraunhofer-Instituten und dem DLR in Köln. Diese zählten "zur Spitze Europas".

Söder ist Star-Trek-Fan, Wüst hat "Interesse"

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bei der Einweihung der Mond-Simulationsanlage LUNA

Wüst auf dem Gelände des DLR

Auf die Frage, wie es um die ganz persönliche Raumfahrt-Affinität von Hendrik Wüst bestellt ist - und ob er etwa auch wie der Star-Trek-Fan Markus Söder eine Astronauten-Jacke im Schrank hängen hat - antwortet die Staatskanzlei ausweichend: Der Ministerpräsident habe ein großes Interesse an Weltall und Technologie. "Dazu gehört selbstverständlich auch die Raumfahrt", so ein Sprecher.

CDU-Fraktion ernennt Raumfahrt-Beauftragten

Fragt man bei den Fraktionen im NRW-Landtag nach, ist das Bild unterschiedlich. NRW entwickle sich "zunehmend zu einem zentralen Raumfahrtstandort in Europa", erklärt der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU, Christian Untrieser. Wenige Tage nach der WDR-Anfrage zum Thema ernannte seine Fraktion mit Fabian Schrumpf erstmals einen eigenen Beauftragten für Luft- und Raumfahrt. Der Grüne Jan Matzoll sagt mit Blick nach Bayern: "Eine Raumfahrtjacke ersetzt keine Raumfahrtpolitik". In NRW setze man auf Vernetzung und Nachhaltigkeit statt Symbolpolitik.

Wüst bei Raumfahrt auf Tauchstation?

Das Gebäude des Landtags Düsseldorf

Geteilte Meinung zur Raumfahrt im Landtag NRW

Die Opposition ist weniger zuversichtlich: Die SPD etwa kritisiert das Fehlen Wüsts bei der "Space-Connection" von Söder. Wirtschaftsministerin Neubaur müsse "mit mehr Engagement die Zulieferer der Luftfahrtindustrie dabei unterstützen, sich auch Richtung Raumfahrt zu orientieren", erklärt André Stinka, der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion.

Aus Sicht der FDP droht NRW sogar, den Anschluss zu verlieren, während Länder wie Bayern vorangingen: "Sonst ist sich Hendrik Wüst für keine PR-Maßnahme zu schade - aber wenn es darum geht, den Raumfahrtstandort Nordrhein-Westfalen sichtbar zu machen, bleibt er auf Tauchstation", kritisiert Fraktions- und Landeschef Henning Höne.

Die AfD hingegen hält nichts von PR-Maßnahmen in Sachen Raumfahrt: "Angesichts der Tatsache, dass NRWs Brücken verrosten, wirkt Hendrik Wüst mit seinem Blick in den Himmel eher wie Hans Guck-in-die-Luft", meint Klaus Esser, verkehrspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion.

Ariane-Rakete im Landtag

Ein Techniker arbeitet an einer vier Meter hohen Nachbildung einer Ariane-6-Rakete im Landtag NRW

Nachbildung einer Ariane-6-Rakete im Landtag

Im Parlament begegnet einem das Thema Raumfahrt übrigens nicht nur in alten Hauszeitungen oder Plenarprotokollen. Als der Landtag kürzlich zur "Parlamentsnacht" lud, konnten die Besucher eine vier Meter hohe Nachbildung einer Ariane-6-Rakete bestaunen, aufgebaut mitten im Landtag. Ein wenig PR in Sachen Raumfahrt kann eben auch in NRW nicht schaden.

Über dieses Thema berichten wir am Freitag (14.11.) im Hörfunk in der Sendung Westblick um 17.04 Uhr auf WDR 5.

Vergleich NRW und Bayern - Raumfahrt

WDR 5 Westblick - aktuell 13.11.2025 03:10 Min. Verfügbar bis 14.11.2026 WDR 5

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Unsere Quellen:

  • Sprecher der NRW-Staatskanzlei
  • Gespräch mit Prof. Ulrich Walter
  • Sprecher des Wissenschaftsministeriums NRW
  • Sprecher des Wirtschaftsministeriums NRW
  • Sprecher des Wissenschaftsministeriums Bayern
  • Mitteilungen der Landtagsfraktion Bündnis 90/Grüne
  • Mitteilungen der CDU-Landtagsfraktion
  • Mitteilungen der SPD-Landtagsfraktion
  • Mitteilungen der FDP-Landtagsfraktion
  • Mitteilungen der AfD-Landtagsfraktion
  • Archiv der NRW-Landtagszeitung "Landtag intern"
  • eigene Berichterstattung über die SpaceTech.NRW

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