Klimaanpassungs-Gesetz: Kommunen sollen aktiv werden

Aktuelle Stunde 24.04.2026 09:56 Min. Verfügbar bis 24.04.2028 WDR Von Fritz Sprengart

Hitze und Starkregen Wo sich NRW besonders an die Klimakrise anpassen muss

Stand:

Heftige Hitze und starker Regen sind eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen. Neue Daten zeigen regionale Brennpunkte in NRW.

Was muss passieren, damit Menschen in NRW wirksam vor den Folgen der Klimakrise geschützt werden? Diese Frage ist seit 2021 im Klimaanpassungsgesetz des Landes geregelt. Am Freitag hat Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) eine Neufassung dieses Gesetzes vorgestellt. Aus diesem Anlass hat der WDR neue Daten ausgewertet, die zeigen, wo in NRW Hitze und Starkregen die Menschen besonders gefährden.

Der Handlungsbedarf ist groß, das wurde in dieser Woche erneut deutlich. Laut dem am Dienstag veröffentlichten "Lancet Countdown Europe Report 2026" hat sich die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Europa im Zeitraum von 2015 bis 2024 im Vergleich zu den Jahren 1991 bis 2000 verdoppelt.

NRW bekommt diese Auswirkungen der Klimakrise besonders zu spüren: Die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze stieg am stärksten in Westeuropa, das Plus lag in diesem Zeitraum bei 450 Prozent.

Zugleich werden Starkregen und heftige Winde durch die Erderwärmung häufiger. Allein 2024 waren in Europa hunderttausende Menschen von Stürmen und Überschwemmungen betroffen, 335 Menschen kamen ums Leben. Bei der Hochwasserkatastrophe vom Juli 2021 gab es allein in NRW 49 Todesopfer.

Paris, begrünte und verkehrsberuhigte Schulstraße rue Ferdinand Flocon

Begrünte und teils entsiegelte Straße in Paris

Die Klimaanpassung soll genau solche Gefahren für Menschen abmildern, die durch die Klimakrise entstehen. Die Instrumente dafür sind simpel, aber wirksam: Mehr Schatten schützt zum Beispiel vor Hitze. Unversiegelte Flächen, auf denen das Wasser großflächig im Boden versickern kann, führen zu weniger Überschwemmungen.

In der Realität gleichen unsere Städte aber häufig Betonwüsten: Hausfassaden speichern die Wärme der Sonne und heizen das Umfeld auf. Geteerte Straßen und Wege lassen das Wasser nicht versickern, Kanalisationen laufen bei Starkregen über.

Klimaanpassung heißt, diese Rahmenbedingungen zu verbessern - zum Beispiel, indem in Städten mehr Bäume gepflanzt und Parks angelegt werden.

Diese simplen Maßnahmen haben teils eine enorme Wirkung. Beispiel Hitze: Bis zu zehn Grad kühler ist es laut Umweltbundesamt in der Nacht dort, wo mehr Grün und weniger versiegelte Fläche ist.

Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen sinkt dadurch erheblich. Laut Forschern würde die Zahl der Hitzetoten in europäischen Großstädten um 40 Prozent sinken, wenn dort die Bedeckung durch Bäume verdoppelt würde.

Das überarbeitete Klimaanpassungsgesetz verpflichtet zum ersten Mal alle 396 Städte und Gemeinden in NRW dazu, ein Konzept zur Klimaanpassung zu erstellen. Das war bislang freiwillig, deshalb haben die meisten Kommunen noch keins. Bis Ende 2029 haben die Städte und Gemeinden nun Zeit, ein solches Konzept zu erstellen.

Oliver Krischer (2025)

Oliver Krischer (Grüne)

Die Kosten, die dabei entstehen, übernimmt das Land: Es stellt dafür 20 Millionen Euro zur Verfügung. "Klimaanpassung entscheidet sich vor Ort in den Wohnvierteln, auf Schulhöfen oder in den Grünflächen", begründet Umweltminister Krischer die Vorschrift. NRW ist das erste Bundesland, das Klimaanpassungskonzepte für Städte und Gemeinden zur Pflicht macht.

Damit die überhaupt wissen, wo der Handlungsbedarf groß ist, hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (LANUK NRW) kürzlich eine umfangreiche Klimaanalyse für NRW veröffentlicht. Deren Daten stellt die Behörde im erweiterten "Klimaatlas NRW" zur Verfügung. Kommunen können dort sehen, wo es zum Beispiel Hitzeinseln gibt, oder wo die Gefahr durch Starkregen besonders groß ist. Daran können sie ihre Konzepte dann ausrichten. Mit diesen Daten "helfen wir den Kommunen, ihre Bevölkerung besser vor den Folgen von Hitze, Starkregen und anderen Klimarisiken zu schützen", erklärt Krischer.

Der WDR hat diese Daten ausgewertet.

Das Ergebnis: Die meisten "heißen Tage", an denen die Temperatur über 30 Grad Celsius stieg, gibt es in Köln. Das zeigt ein Vergleich für alle Kreise und Städte in den Jahren 2015 bis 2025. In dieser Zeit erlebten die Menschen in Köln jedes Jahr im Schnitt 15,6 "heiße Tage".

Am anderen Ende der Skala: Der Hochsauerlandkreis mit durchschnittlich nur 7,5 "heißen Tagen" pro Jahr. Das ist angesichts der hohen Lage des Kreises nicht überraschend.

Auffällig jedoch: Besonders im Westen von NRW, entlang des Rheins, gibt es viel Hitze - im Norden dagegen weniger. Münster zum Beispiel hat durchschnittlich 11,5 Hitzetage - und damit deutlich weniger als Köln, das in vergleichbarer Höhe über dem Meeresspiegel liegt.

Die Projektionen der NRW-Klimaanalyse liegen nicht für die Kreisebene vor - trotzdem geben sie einen Eindruck davon, wie stark die Gesundheitsgefahr durch "heiße Tage" in Zukunft in welcher Region steigt: Im Regierungsbezirk Köln kann es demnach ab 2071 pro Jahr im Schnitt 24 heiße Tage geben, im Regierungsbezirk Münster 22. Diese Prognose geht davon aus, dass weltweit Klimaschutz "weiter wie bisher" betrieben wird.

Die Gefahr durch Starkregen ist in NRW ebenfalls ungleich verteilt. Laut Klimaatlas gab es in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich in Bonn die wenigsten Tage pro Jahr mit Starkregen, nämlich 16,6. In Remscheid gab es die meisten: Durchschnittlich 38,3 Starkregen-Tage wurden dort jährlich gemessen.

Von einem Starkniederschlagstag sprechen die Fachleute, wenn an einem Tag mehr Regen als 10 Liter pro Quadratmeter fällt. Zum Vergleich: Bei der verheerenden Hochwasserkatastrophe vom Juli 2021 fielen in einigen Teilen von NRW innerhalb von 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter.

Derart extremer Starkregen ist ausgesprochen selten. Aber auch solche Ausnahme-Ereignisse werden durch die Klimakrise in Zukunft statistisch wahrscheinlicher.

Weil die Luft mehr Wasser aufnehmen kann, je wärmer sie ist, wird es in Zukunft durch die Erderwärmung auch mehr heftigen Regen in NRW geben. Im Regierungsbezirk Köln, in dem auch die bislang relativ wenig betroffene Stadt Bonn liegt, können demnach in 50 Jahren jährlich 26 Starkregen-Tage im Schnitt vorkommen. Im Regierungsbezirk Arnsberg gar 32.

Klimaanpassung geht weit über die Bereiche Hitze und Starkregen hinaus. Aber sie sind zwei wichtige Faktoren - und sollen in Zukunft bei der Stadtplanung der Kommunen eine noch größere Rolle spielen. Denn der Nachholbedarf ist groß.

Laut Klimaatlas gibt es aber aktuell erst in 61 von 396 Städten und Gemeinden ein Klimaanpassungskonzept. Weitere 39 haben immerhin ein Teilkonzept, in 29 Kommunen ist derzeit ein Klimaanpassungskonzept in Planung oder Bearbeitung.

In den meisten Kommunen aber, nämlich in 267, weiß das Land nichts von einem Klimaanpassungskonzept vor Ort. Das sind etwa zwei Drittel aller Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen.

Das wird sich mit dem neuen Klimaanpassungsgesetz bis Ende 2029 ändern.

Mitarbeit (Grafiken): Lena Berghaus, Rainer Striewski, Sophie Rhinow

Hitze und Starkregen in NRW unterschiedlich verteilt

WDR Studios NRW 24.04.2026 00:38 Min. Verfügbar bis 23.04.2028 WDR Online

Kommunen sollen sich besser an Klimawandel anpassen

WDR 5 Westblick - aktuell 24.04.2026 04:49 Min. Verfügbar bis 24.04.2027 WDR 5

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Unsere Quellen:

  • Pressekonferenz Umweltminister Krischer
  • Klimaatlas NRW
  • Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (LANUK NRW)
  • im Text verlinkte Studien
  • Umweltbundesamt
  • eigene Recherche

Sendung: WDR.de, Hitze und Starkregen in NRW unterschiedlich verteilt, 24.04.2026, 05:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 24.04.2026, 18:45 Uhr

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