Ein Kind gilt als gefährdet, wenn ihm dort, wo es lebt, eine Gefahr droht. Durch Vernachlässigung etwa oder Gewalt. Die Zahl der Kinder, die von den NRW-Jugendämtern als gefährdet angesehen wurden, war 2024 deutlich höher als noch vor einigen Jahren.
Im Vergleich zu 2019, also vor der Corona-Pandemie, gab es im vergangenen Jahr knapp 25 Prozent mehr solcher Gefährdungsfälle. Insgesamt waren es 17.230. Zum Jahr 2023 sind diese Zahlen nicht vergleichbar, weil damals nicht alle Kommunen alle Daten gemeldet hatten.
Mehr als 50 Prozent Zuwachs bei akuten Gefährdungen
Beunruhigend an der Entwicklung: Die Steigerung betrifft ausschließlich die akuten Fälle, in denen die Jugendämter zu der Einschätzung gekommen sind, dass erhebliche Schäden oder sogar Lebensgefahr für ein Kind drohen könnte. In fast 11.000 der Fälle war dies das Ergebnis der Bewertung. Fünf Jahre davor waren es noch gut 7000 akute Gefährdungen gewesen, ein Plus von mehr als 50 Prozent.
Der häufigste Grund für die Gefährdung war eine Form von Vernachlässigung, mehr als 9000-mal. Mehr als 6.300-mal wurden Kinder psychisch misshandelt, mehr als 5.700-mal körperlich, in fast 1.300 Fällen gab es Anzeichen für sexualisierte Gewalt. Teilweise waren Kinder mehrfach gefährdet.
"Systemsprenger"-Kinder: Teure Verwahrung statt sinnvolle Unterbringung
Westpol. 13.07.2025. 12:02 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 13.07.2030. WDR.
Dass die Zahlen so stark gestiegen sind, liegt auch daran, dass die Jugendämter mehr gefährliche Situationen erkennen, weil auch viel mehr gemeldet wird als früher. Die Zahl der Verdachtsmeldungen stieg auf knapp 68.000. Das waren fast 20.000 Hinweise mehr als noch vor der Pandemie.
"Jugendämter stehen unter Druck"
"Dass mehr Gefährdungen erkannt werden, zeigt: Das System funktioniert", lobt der FDP-Landtagsabgeordnete Marcel Hafke den Aufwand, den die Ämter betreiben, "aber die Jugendämter arbeiten längst am Limit. Sie stehen unter enormem Druck". Den Fachkräften dort fehle es an Zeit, Ressourcen und Rückhalt.
Hafke, der für die FDP in der Kinderschutzkommission des Landtags sitzt, fordert von der Landesregierung, mehr Verantwortung zu übernehmen: "Schwarz-grüne Betroffenheitsrhetorik reicht nicht! Wenn Kinderschutz ernst genommen wird, braucht es eine echte Offensive."
Personalmangel ein großes Problem
Die Jugendämter in NRW unterstehen allerdings ausschließlich den Städten und Landkreisen. Dort ist Geld oft besonders knapp, außerdem ist eines der größten Probleme der Jugendämter, dass sie zu wenig Personal finden.
Weniger Kinder in Obhut genommen
Und das betrifft nicht nur die Ämter, auch in Jugendhilfeeinrichtungen der freien Träger gibt es zu wenige Fachkräfte - also dort, wo Kinder untergebracht werden, wenn sie etwa aus der Familie genommen werden müssen. Offene Plätze zu finden ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern extrem zeitaufwendig geworden.
Das zeigt sich auch in den Zahlen: Obwohl die Gefährdungen so stark gestiegen sind, wurden weniger dieser Kinder in Obhut genommen als noch 2019. Damals gab es knapp 11.400 solcher Inobhutnahmen, im vergangenen Jahr gut 9.800.
Dass die Zahl der Inobhutnahmen insgesamt deutlich gestiegen ist, liegt daran, dass dabei auch ganz andere Fälle mitgezählt werden: Minderjährige, die allein als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Auch sie werden von den Jugendämtern zunächst untergebracht, wenn sie keinen anderen Ort zum Wohnen haben. Sie haben im Jahr 2024 mehr als 40 Prozent der Gesamtzahl von gut 17.300 Inobhutnahmen ausgemacht.
Unsere Quellen:
- Statistisches Landesamt IT.NRW
- Pressemitteilung der FDP-Landtagsfraktion
- eigene Recherchen
