"Systemsprenger"-Kinder: Teure Verwahrung statt sinnvolle Unterbringung

Westpol 13.07.2025 12:02 Min. UT DGS Verfügbar bis 13.07.2030 WDR

Bewacht im Hotelzimmer: Wie Kinder in Not in NRW untergebracht werden

Stand:

Es gibt in NRW viel zu wenige Einrichtungen für besonders schwierige Kinder in Not. Jugendämter können sie teilweise nur noch in angemieteten Räumen verwahren, bewacht von Security.

Ein paar Kuscheltiere liegen vor dem Bett. Ansonsten erinnert in den Räumen nichts daran, dass hier schon seit Monaten ein siebenjähriges Mädchen lebt. In den Zimmern nebenan schlafen zwei Männer von einem Sicherheitsdienst, die auf das Mädchen aufpassen.

Ein Zimmer wird als Küche genutzt, Kühlschrank, ein kleines Kochfeld, in der Mitte eine Bierzeltgarnitur. Eine Durchreiche ist mit Holzbrettern zugenagelt.

Jugendhilfe-Einrichtungen konnten Betreuung nicht leisten

Die Räume gehören zu einer ehemaligen Arztpraxis in Köln. Das Jugendamt wusste offenbar nicht mehr, wo es das Mädchen unterbringen sollte, denn es ist extrem verhaltensauffällig. Mehrere Jugendhilfe-Einrichtungen hatten versucht, dem Kind zu helfen, doch sahen sich dazu nicht in der Lage und mussten es wieder ans Jugendamt überweisen.

"Sie war selbst- und fremdgefährdend unterwegs", erzählt Stephanie Knopf-Asselborn, die als staatlicher Vormund für Lisa da war, "und sie hat dann in dieser Gruppe die Mitarbeitenden nachts wach gehalten, sodass die wirklich nicht mehr konnten. Meistens ist nachts nur ein Pädagoge vor Ort, und die konnten das einfach nicht mehr leisten“.

Stadt Köln: Fachkräftemangel ist der Grund

Knopf-Asselborn reichte bei der Stadt Köln eine Beschwerde gegen die Unterbringung ein, wegen Kindeswohlgefährdung: "Es hat nichts an Kinder erinnert. Das war eine ehemalige Arztpraxis und so sah das auch aus."

"Das war eine Zumutung. Das war überhaupt nicht renoviert oder die Wände waren nicht gemacht. Da hing sozusagen der Putz von den Wänden.“ Stephanie Knopf-Asselborn, Vormündin

Wir fragen bei der Stadt Köln nach. Die will aus Datenschutzgründen nichts zu dem konkreten Fall sagen, schreibt aber allgemein: "Die Konzeptionierung von neuen Jugendhilfeangeboten zwischen dem Jugendamt und den freien Trägern der Jugendhilfe gestaltet sich vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels schwierig."

Kein Platz für besonders schwierige Kinder

Fälle wie der des siebenjährigen Mädchens erleben die Jugendämter inzwischen öfter. Für besonders schwierige Kinder, die aus ihren Familien geholt werden müssen, sei oft kein Platz im Jugendhilfe-System. Das berichtet eine Jugendamtsmitarbeiterin aus NRW, die anonym bleiben will. Sie sagt, alle Beteiligten seien überfordert, da Geld und Fachkräfte fehlen.

Bei Problemen würden Jugendhilfe-Träger manchmal sogar entscheiden, Kinder am Freitagnachmittag zurück zum Jugendamt zu bringen, erzählt die Mitarbeiterin: "Da gibt es inzwischen Träger, die haben mit nichts was am Hut. Die lassen sogar das Kind vor der Tür stehen und fahren ab."

„Die stellen die Wäsche in einem Müllsack vor die Tür und das Kind steht da. Das weiß gar nicht, was mit ihm geschieht.“ Jugendamtsmitarbeiterin aus NRW

Die Mitarbeitenden müssten dann in kürzester Zeit Lösungen finden. Meistens müssten sie aber erst einmal stundenlang telefonieren und deutschlandweit nach einer Unterkunft suchen: "Wenn wir erzählen, dass das Kind intensivere Betreuung braucht, kriegen wir fast nie eine Rückmeldung."

Einrichtungen mit genug Personal "die Ausnahme"

Manchmal fänden sie erst am nächsten Tag eine neue Bleibe. Dann müssten die Kinder eine Nacht im Auto oder bei Mitarbeitenden zuhause schlafen: "Manchmal suchen wir auch irgendwelche Dinge zusammen, die als Kissen und Decken genutzt werden können. Dann schlafen Kinder auf Fluren oder im Foyer."

Pädagogin und Kind spielen zusammen

Viel Platz und Privatsphäre: Dorothee Görne und ein kleines Mädchen spielen zusammen in dessen Zimmer.

In der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef in Köln sieht man, wie es anders gehen kann. Hier gibt es genügend Fachkräfte und vor allem: genug Platz für die intensive Betreuung. Auf einer eigenen Etage gibt es verschiedene Räume zum Entspannen und zum Toben. In einer kleinen Turnhalle können Kinder auf Matten springen. In anderen Räumen können sie mit Autos spielen, Kickern oder in Ruhe Musik hören.

Das sei eine Ausnahme, sagt Pädagogin Dorothee Görne: "Unsere Kinder bringen viel Emotionen mit und oft auch viel Wut. Und da ist es einfach gut, solche Räumlichkeiten zu haben. Das hat nicht jede Gruppe und das ist viel wert."

Aus ganz Deutschland fragen Jugendämter an, ob sie hier in Köln Kinder aufnehmen können. Denn in der Intensivgruppe kümmern sich mehr Pädagoginnen um weniger Kinder. Zumindest in den Haupt-Betreuungszeiten. Und: Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer.

Auch für die Kinder in Not bedeutet es Stress

Dorothee Görne, die seit vielen Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, sitzt bei einem fünfjährigen Mädchen auf dem Boden und puzzelt mit ihr. Es wird viel gelacht. Sie findet, so müsse es für alle Kinder sein. Denn nur so könnten solche Kinder irgendwann ein eigenständiges Leben führen: "Wenn ich bestimmte Kinder in eine Regelgruppe packe, die aber einen viel höheren Bedarf an Betreuung haben, dann wird das schiefgehen." Auch für die Kinder bedeute das Stress:

"Mit jedem Wechsel von einer Gruppe, den ein Kind erleben muss, wird es ja schwieriger für das Kind, zu sagen: Ja, ich vertraue einem Pädagogen." Dorothee Görne, Pädagogin

Aber selbst in den Außenstellen der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef sehen die Räumlichkeiten anders aus: Viel enger. Und es ist schwieriger, dort Personal zu finden. Dafür reichen die Ressourcen dann auch nicht.

Mehr als 200.000 Euro für Unterbringung in Hotelzimmern

Ohne solche Spezial-Einrichtungen müssen die Städte auf Notlösungen setzen, zum Beispiel Hotelzimmer anmieten. Genaue Statistiken gibt es dazu nicht, doch aus vielen Städten in NRW wird uns bestätigt, dass solche Notunterbringungen zunehmen. Ein Beispiel aus Dortmund: Für vier Kinder musste die Stadt an 225 Tagen Hotelzimmer anmieten. Kosten: 213.750 Euro.

Die Städte würden solche Summen wohl auch lieber in Jugendhilfe-Einrichtungen stecken. Doch für die Betreuung von schwierigen Kindern fehlt vor allem Platz und Personal. Die zuständige Ministerin für Kinder, Familie und Jugend, Josefine Paul (Grüne), betont, dass „so viel Geld im System“ sei wie nie zuvor. Sie muss aber auch zugeben, dass es an Fachkräften mangelt und Unterbringungsmöglichkeiten fehlen.

Das erlebt auch die Jugendamtsmitarbeiterin, die anonym über ihre Erfahrungen spricht, jeden Tag. Zu wenige Bearbeiterinnen, zu viele Fälle. Gerade bei der Arbeit mit sehr schwierigen Kindern könne man nicht allen gerecht werden, da die Mitarbeitenden gleichzeitig viele andere Kinder betreuen müssen. Trotzdem will sie, wie viele andere, weitermachen: "Wir tun es für die Kinder. Kein Kind wird zurückgelassen."

Unsere Quellen:

  • Interview mit Dorothee Görne, Kinder- und Jugendhilfe St. Josef Köln
  • Stadt Köln
  • Stadt Dortmund
  • Abfrage bei weiteren Städten in NRW (u.a.) Essen, Kreis Recklinghausen, Bochum, Bonn)
  • Interview mit Jugendamtsmitarbeiterin
  • Interview mit Vormündin Stephanie Knopf-Asselborn
  • Interview mit Ministerin für Kinder und Jugend NRW; Josefine Paul (Grüne)
  • Reporter vor Ort
  • Interview mit Prof. Benno Baumann

Über dieses Thema berichtet Westpol im WDR-Fernsehen am 13.07.2025 ab 19:30 Uhr.

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