Ministerin Dorothee Feller (CDU) und Schüler in Auschwitz

Ministerin Dorothee Feller (CDU) und Schüler in Auschwitz

80 Jahre Kriegsende: Wie steht es um die Erinnerungskultur an Schulen?

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Gleichgültigkeit und Unwissen im Erinnern an die NS-Zeit? Lehrer warnen und fordern, den Geschichtsunterricht in NRW zu stärken.

Die Klasse 9d des Apostelgymnasiums in Köln behandelt in dieser Woche den Beginn der NS-Zeit, analysiert im Geschichtsunterricht das Parteiprogramm der NSDAP von 1920. Holocaust und Zweiter Weltkrieg waren noch nicht dran.

Die Klasse hatte - wie alle Klassen in NRW - seit dem Wechsel auf die weiterführende Schule keinen durchgängigen Geschichtsunterricht. Manche Schüler, wie Alice Röhrig finden das schade, denn in der siebten Klasse stand Geschichte gar nicht auf dem Stundenplan. "Da musste man sich erst wieder richtig reinleben, in den Flow kommen, damit man Sachen jetzt so analysiert und versteht"

NRW bei Geschichtsunterricht im Mittelfeld

Unterricht bei Geschichtslehrer Frank Schweppenstette

Unterricht bei Geschichtslehrer Frank Schweppenstette

Das ist aber ganz normal: In NRW haben Schülerinnen und Schüler bis zur 10. Klasse mit Unterbrechungen insgesamt vier Unterrichtsjahre Geschichte. In anderen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg , Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Sachsen gibt es dagegen mindestens ein Schuljahr mehr und durchgängigen Unterricht. Das hätten sich viele in der 9d gewünscht. Auch ihr Geschichtslehrer, Frank Schweppenstette fordert schon lange mehr Zeit für Geschichte und durchgängigen Unterricht ab Klasse 5 in NRW. Er spricht auch für die Geschichtslehrerverbände im Bund und im Land.

Landesregierung sieht keinen Handlungsbedarf

Bleibt Erinnerungskultur auf der Strecke?

Eine NS-Gedenkstätte haben die Neuntklässler noch nicht besucht. Viele Schulen bieten das erst in der gymnasialen Oberstufe an. Dabei hatte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) in seiner Neujahrsansprache am 1. Januar 2024 erklärt:

 Ich möchte, dass jede Schülerin und jeder Schüler einmal im Schulleben die Chance hat, ein KZ oder eine NS-Gedenkstätte zu besuchen. So erreichen wir die Herzen junger Menschen. So hat Antisemitismus keine Chance. Hendrik Wüst (CDU), NRW Ministerpräsident

Dafür stellt das Land  2,5 Millionen Euro an Fördergeldern zu Verfügung. Die seien bislang nicht ausgeschöpft, so die Schulministerin. Sie will alle Schulen ermutigen, davon Gebrauch zu machen. Doch das sei noch mit viel bürokratischem Aufwand verbunden, so Frank Schweppenstette. Der Geschichtslehrerverband fordert deshalb die Finanzierung zu vereinfachen.

Gedenkstättenbesuche in Verantwortung der Schulen

Für die Schülerinnen und Schüler der Janusz-Korczak-Gesamtschule Neuss ist ein Gedenkstättenbesuch möglich, zumindest in Krefeld oder Düsseldorf, erklärt Schulleiter Achim Fischer. Er wünscht sich aber für solche Fahrten ein Budget für die Schule. Ein paar seiner Schüler konnten im Januar zusammen mit Schulministerin Feller nach Auschwitz, ins ehemalige Konzentrationslager reisen. "Auschwitz hat uns verändert", sagte die Gruppe hinterher.

Ministerin Feller (CDU) und Schüler besuchen Auschwitz

Ministerin Feller (CDU) und Schüler besuchen Auschwitz

Die Emotionen, die man dort fühle, das könne man nicht aus Büchern lernen, findet die 17-jährige Naz Bitmez. Und Ole Seidel, 16, müsse jetzt noch daran denken, wie bedrückt er sich gefühlt hatte. Seit dieser Erfahrung finden die beiden Schüler, dass ein NS-Gedenkstättenbesuch für alle Schülerinnen und Schüler Pflicht sein sollte.

Besuch von NS-Gedenkstätten in Bayern und im Saarland Pflicht

In Hamburg überlegt die Regierung derzeit, ob solche Besuche Pflicht werden sollen. In Bayern steht der verpflichtende Besuch einer KZ-Gedenkstätte oder eines Erinnerungsortes für die Jahrgangsstufe 9 an Gymnasien und Realschule sogar fest im Lehrplan. Und auch im Saarland hat der Landtag im letzten Dezember beschlossen, dass alle Schülerinnen und Schüler mindestens einmal eine Gedenkstätte oder ein Konzentrationslager im Laufe ihrer Schulzeit besuchen sollen.

Die schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Franziska Müller-Rech fordert dies nun auch für NRW. "Der Ministerpräsident darf nicht nur Versprechen abgeben, er muss sie auch einlösen. Für die Schulen bedeutet das: Gedenkstättenfahrten ohne bürokratische Hürden und mit ausreichender Finanzierung. Die Zeit drängt!"

Künftigen Geschichtslehrkräfte wird Besuch von NS-Gedenkstätten in NRW ermöglicht

Frank Schweppenstette unterrichtet nicht nur am Gymnasium in Köln, sondern bildet auch zukünftige Lehrkräfte für das Fach Geschichte aus. Mit 15 dieser Referendare war er im April erst im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar (Thüringen). Das sei privat über eine Stiftung finanziert worden, so Schweppenstette. Für die Gruppe von doppelter Bedeutung.

Geschichtslehrer Frank Schweppenstette im Interview

Geschichtslehrer Frank Schweppenstette

Carolin Wäschenbach zum Beispiel war zum ersten Mal überhaupt in einem ehemaligen KZ. Sie sei froh und dankbar, dass erstmal ohne Schülerinnen und Schüler zu erleben. "Man kennt die Fakten, aber selbst dort zu sein, ist etwas anderes", so die künftige Geschichtslehrerin. Der Besuch ist auch für angehende Lehrkräfte ein emotionaler Moment. Für Cynthia Knakowski war es daher hilfreich zu lernen, wie man so einen Besuch vorbereiten und nachbereiten muss und welche Angebote die Gedenkstätten machen. "Wenn ich eine Gedenkstättenfahrt planen sollte, weiß ich jetzt wie es geht", sagt Cynthia Knakowski.

Die Landesregierung finanziert immerhin seit diesem Jahr solche Bildungsfahrten - zumindest zu den 32 NS-Gedenkstätten in NRW. Carolin Wäschenbach findet dieses Programm super, Cynthia Knakowski dagegen glaubt, dass Geschichtslehrkräfte unabhängig von solchen Programmen auch selbstständig in entferntere Gedenkstätten, wie zum Beispiel Buchenwald fahren sollten.

Unsere Quellen:

  • Schulministerium NRW
  • Verband der Geschichtslehrerinnen und -leher Deutschlands e.V. (VGD)
  • Geschichtslehrerverband NRW
  • Schülerinterviews vor Ort
  • Kultusministerien Bayern und Saarland

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Darüber berichtet der WDR auch im Hörfunk, in der Sendung Westblick, WDR 5 am 8.5.2025, ab 17:05 Uhr sowie im Fernsehen, in der Sendung Westpol, am 11.5.2025, ab 19:30 Uhr.

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