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Die Pläne der Bundesregierung, in den kommenden Jahren 30 bis 40 neue Gaskraftwerke zu errichten, sind offenbar deutlich überdimensioniert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Wirtschaftsberatung "Frontier Economics", die am Donnerstag erscheint. Sie liegt dem WDR vor.
Anstatt wie von CDU und SPD geplant neue Gaskraftwerke mit bis zu 20 Gigawatt (GW) Leistung bis 2030 zu bauen, sind demnach schon fünf bis zehn Gigawatt Zubau für die Stromversorgung ausreichend - und zudem wirtschaftlich sinnvoller.
Versorgungssicherheit trotz Dunkelflaute
Die Kurzstudie untersucht auf 25 Seiten die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung und konzentriert sich insbesondere auf die Frage, wie viel Stromerzeugung durch Erdgas in den so genannten Dunkelflauten notwendig ist. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, plant Deutschland die Stromerzeugung in den kommenden 20 Jahren weiter umzustellen, vor allem auf Sonnen- und Windenergie.
Die sind aber nicht immer verfügbar. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, muss der Strom woanders herkommen. 20 GW Leistung aus klimaschädlichen Erdgaskraftwerken seien dazu aber gar nicht nötig, so die Verfasser der Studie. Zu im Kern ähnlichen Ergebnissen waren in den vergangenen Wochen bereits Studien der Denkfabrik Epico oder im Auftrag der "Klimaunion" innerhalb der CDU gekommen.
NRW besonders betroffen
Die Pläne des Bundes betreffen Nordrhein-Westfalen besonders stark: Es ist das mit Abstand stromhungrigste Bundesland, auch wegen der energieintensiven Metall- und Chemieindustrie an Rhein und Ruhr. Die Landesregierung beziffert den Bedarf an Gaskraftwerken für NRW auf rund fünf Gigawatt.
Ein Sprecher von NRW-Wirtschaftsministerium von Mona Neubaur (Grüne) forderte nach WDR-Anfrage, dass für die Gaskraftwerke "der Gesetzgebungsprozess schnellstmöglich eingeleitet wird und die Bundesregierung nun schnell Planungssicherheit und Anreizmechanismen für Investitionen in gesicherte Leistung schafft". Der Handlungsdruck werde "immer dringlicher". Er betonte, dass diese "wasserstofffähig und damit zukunftsfähig" sein sollten. Genau das ist in den Plänen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nicht vorgesehen.
Die nun vorliegende, neue Studie hat der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE NRW) in Auftrag gegeben, er vertritt die Interessen der Firmen in der Erneuerbare-Energien-Branche in NRW. Die Berater von "Frontier Economics" gelten tendenziell als wirtschaftsnah.
"Technologieneutralität" statt "Vorfestlegung auf Gaskraftwerke"
Sie kritisieren in dem Papier eine "Vorfestlegung der Bundesregierung auf Gaskraftwerke" und plädieren stattdessen für "Technologieneutralität als Leitprinzip". Das biete "die Chance, das Potenzial unterschiedlicher Technologien besser auszuschöpfen". Denn jede biete Vor- und Nachteile. Es gebe nicht die eine, große Lösung, "um die Versorgungssicherheit in einem klimakompatiblen Stromsystem sowohl zuverlässig als auch wirtschaftlich abzusichern."
Dabei sprechen sich die Autorinnen nicht grundsätzlich gegen Gastkraftwerke aus. Denn die seien "eine bewährte Technologie und können flexibel große Energiemengen auch über längere Zeiträume bereitstellen". Sie in Zukunft vom klimaschädlichen Erdgas auf klimafreundliche Energieträger wie grünen Wasserstoff oder Biomethan umzustellen, sei jedoch teuer. Das Gleiche gelte für das Verpressen von klimaschädlichem CO2 im Boden mittels CCS-Technik (Carbon Capture and Storage).
Autoren sehen großes Biogas-Potenzial
Deshalb plädieren die Macher der Studie dafür, neben einigen Erdgas-Kraftwerken auch auf die besonders effiziente Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) mittels Blockheizkraftwerken (BHKW) zu setzen – vorzugsweise angetrieben durch klimafreundliches Biogas und in Verbindung mit Wärmespeichern. Durch zusätzliche Turbinen lasse sich bei den schon jetzt bestehenden Biogas-Anlagen "ein signifikanter Leistungszuwachs von sechs bis 24 GW erzielen", rechnet die Studie vor – und zwar "ohne dass dafür zusätzlicher Biomasseeinsatz erforderlich wäre".
Überschüssige Energie speichern
Außerdem solle überschüssige Erneuerbare Energie, wie sie an besonders sonnigen und windigen Tagen schon jetzt immer wieder zur Verfügung steht, in Form von klimafreundlichen Gasen gespeichert werden – beispielsweise als grüner Wasserstoff oder synthetisches Methan.
Für das kurzfristige Speichern von überschüssigem Strom in Batterien und für ein gezieltes Strom-Nachfrage-Management sehen die Autoren ebenfalls ein gewisses Potenzial, jedoch "vor allem im Stunden- bis Tagesbereich", und nicht bei längeren Dunkelflauten.
Unterm Strich sprechen sich die Verfasserinnen dafür aus, bis 2030 lediglich Erdgaskraftwerke mit fünf bis zehn Gigawatt Leistung an den Start zu bringen. Das sei im Sinne der kurzfristigen Versorgungssicherheit "plausibel und sachlich begründbar" - und mit Blick auf EU-Recht mit einiger Wahrscheinlichkeit erlaubt.
"Ausbau erneuerbarer Energien ist zentral"
"Eine darüberhinausgehende Vorfestlegung auf Gaskraftwerke sollte jedoch vermieden werden", heißt es. Keine Zweifel lassen die Experten am Bedarf an mehr Ökostrom: "Der fortgesetzte Ausbau erneuerbarer Energien ist zentral für die Dekarbonisierung des Energiesystems".
Christian Vossler (LEE NRW)
Angesichts der Studienergebnisse kritisiert der LEE NRW die Gas-Pläne der Bundesregierung als "überteuert und langwierig, zumal das Bundeswirtschaftsministerium bewährte, schneller verfügbare und nachhaltigere Alternativen außen vorlässt", so Geschäftsführer Christian Vossler. "Steckt die heimische Energieversorgung erst einmal in dieser Sackgasse, ist es zukünftig aufgrund der hohen Kosten für Großkraftwerke nicht mehr möglich, dynamisch auf Entwicklungen bei der Stromnachfrage, der Verfügbarkeit von Brennstoffen, Technologiekosten und Innovationen zu reagieren. Die Bundesregierung legt sich selbst Fesseln an", so Vossler weiter.
"Energiewende-Monitoring" erwartet
Unsere Quellen:
- Studie von "Frontier Economics"
- Studien von Epico und für Klimaunion in der CDU
- Satements NRW-Wirtschaftsministerium
- Statements Christian Vossler (LEE)
- Eigene Recherche
Über dieses Thema berichten wir am 21. August 2025 auch im WDR Radio: In den Nachrichten von "WDR aktuell" ab 6.00 Uhr.
