Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden, so steht es im Bundes-Klimaschutzgesetz. Dafür braucht Deutschland jede Menge Ökostrom. Wind- und Solarenergie haben hierzulande das mit Abstand größte Potenzial. Aber wie weit sind wir bei dieser Umstellung? WDR und BR schauen genauer hin und vergleichen die bevölkerungsreichsten Bundesländer: Bayern und NRW.
Warum vergleichen wir Bayern und NRW?
Deshalb vergleichen wir NRW und Bayern
Bayern und Nordrhein-Westfalen sind die beiden größten Bundesländer, seit Jahrzehnten politisch tonangebend, wirtschaftlich dominant und kulturell durchaus unterschiedlich. In München wie in Düsseldorf schaut man gern auf den jeweils anderen und nimmt an ihm Maß. Dabei ist das Verhältnis immer wieder von einer freundlichen Rivalität geprägt.
Mehr zum Hintergrund: Deshalb beleuchten die landespolitischen Fachredaktionen unregelmäßig die Politik in beiden Ländern.
Konkurrenzlose Wind-Dynamik im Westen
In Sachen grüner Strom stellt sich Bayern öffentlich gern als Spitzenreiter dar. Doch ein genauerer Blick zeigt: Bei der Windenergie liegt Nordrhein-Westfalen klar vorn. Denn obwohl Bayern das Bundesland mit der größten Fläche ist, liegt es bei der Anzahl von Windrädern im bundesweiten Vergleich nur auf Platz neun. Das nur halb so große Nordrhein-Westfalen dagegen belegt Platz drei. Das zeigt eine Auswertung des Marktstammdatenregisters.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei den Windrädern von morgen, hier zeigt NRW eine konkurrenzlose Dynamik: 1.309 Windräder sind hier in Planung, weit mehr als in jedem anderen Bundesland. In Bayern dagegen sind es nur 195.
Abstandsregel bremst(e) Ausbau
Dahinter stecken politische Entscheidungen: In Bayern wurden Windräder jahrelang durch die so genannte 10H-Abstandsregel verhindert. Sie schrieb große Mindestabstände zu Wohngebieten vor (zehnfache Höhe des Windrads).
Doch diese 10H-Regel wurde 2022 durch das Wind-an-Land-Gesetz des Bundes weitgehend ausgehebelt. Dadurch gelten auch in Bayern inzwischen Mindestabstände von nur noch 800 bis 1.000 Metern. Weil Planung und Bau eines Windrads dort aber fünf bis sechs Jahre dauern, zeigt sich das noch nicht in den Zahlen der fertig gebauten Anlagen.
Gegen- und Rückenwind in NRW
Auch in NRW hatte es die Windenergie in den vergangenen Jahren nicht immer leicht: Zum Beispiel beschloss die CDU/FDP-Landesregierung den Tausend-Meter-Mindestabstand zwischen Windrädern und selbst kleinen Wohnsiedlungen. Schwarz-Gelb räumte den Kommunen und Bezirksregierungen auch mehr Möglichkeiten ein, Genehmigungen aufzuschieben oder zu versagen.
Vossler: "Politischer Rückenwind seit Schwarz-Grün"
Das hat sich mit der neuen Landesregierung geändert. "Der politische Rückenwind ist seit Amtsantritt der schwarz-grünen Landesregierung für den Ausbau erneuerbarer Energien wesentlich größer als unter der Söder/Aiwanger-Staatsregierung", findet Christian Vossler, Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE NRW). Sein Verband vertritt die Interessen der Unternehmen in der Erneuerbare-Energien-Branche.
NRW-Landesregierung macht Tempo
2023 wurde in NRW die Tausend-Meter-Abstandsregel abgeschafft. Und das vom Bund vorgegebene Ziel von ausgewiesenen Windkraftgebieten auf 1,8 Prozent der Landesfläche will NRW schon Ende dieses Jahres erreichen, sieben Jahre vor der gesetzlich vorgegebenen Frist.
Bürgerbeteiligungsgesetz in Bayern stockt
In NRW ist auch, anders als in Bayern, seit Ende 2023 ein Landesgesetz zur Bürgerbeteiligung an Windenergie in Kraft. Investoren müssen Anwohnern und Kommunen verpflichtend einen Anteil an den Erlösen eines Windparks abgeben. Das bedeutet einen finanziellen Vorteil für die jeweilige Region in der Größenordnung von 20.000 bis 30.000 Euro jährlich pro Windrad.
Dieses Bürgerenergiegesetz soll die Akzeptanz bei den Anwohnern erhöhen - Geld gegen Zustimmung, sozusagen.
"Früher hatte Pech, wer eine Windenergieanlage vor die Nase gesetzt bekam. Heute werden Bürgerinnen und Bürger sogar verpflichtend an den Gewinnen beteiligt." Christian Vossler (LEE NRW)
In Bayern ist ein vergleichbares Beteiligungsgesetz zuletzt im Landtag gescheitert. Der schleppende Ausbau in Bayern sorgt auch in NRW für Kritik. "Die Windkraftblockade im Süden ist nicht nur energiepolitisch eine Geisterfahrt, sondern auch im föderalen System grob unsolidarisch", teilt die Düsseldorfer SPD-Fraktion mit. Nun müssten noch mehr Leitungen und Gaskraftwerke im Süden gebaut werden, "weil Söder seine Hausaufgaben nicht gemacht hat."
In NRW weht mehr Wind
Zur Wahrheit gehört: NRW hat im Vergleich zu Bayern einen natürlichen Vorteil. Denn hier gibt es den stärkeren Wind. Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für die Jahre 1991 bis 2020 bläst der Wind in NRW in 100 Meter Höhe mit durchschnittlich 6,2 Metern pro Sekunde, in Bayern nur mit 4,7 Metern. Prinzipiell gilt: Mehr Wind bedeutet mehr erzeugten Strom, und damit macht der Betreiber sein Geld. Der Bau von Windrädern lohnt sich in NRW dadurch tendenziell eher als in Bayern.
Trotzdem: Laut Bundesverband Windenergie ist ein rentabler Bau von Windrädern auch in weiten Teilen Bayerns machbar. Auch weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Einnahmen-Unterschiede, zu denen die unterschiedlichen Windgeschwindigkeiten führen, teilweise ausgleicht: Schwächere Standorte bekommen pro Kilowattstunde Strom mehr Geld - so will die Bundesregierung eine gleichmäßigere Verteilung der Windkraft in ganz Deutschland erreichen. Das dient auch der Stabilität des Stromnetzes.
Marode Brücken bremsen in NRW Energiewende aus
Allerdings nutzt der stärkere Wind in NRW nichts, wenn die entsprechenden Anlagen nicht gebaut werden können. Ausgebremst wird der Bau in NRW oft durch marode Brücken und Autobahnen, die den Transport der teils riesigen Windrad-Teile erschweren. Hinzu kommen komplizierte Genehmigungsverfahren für diese Transporte. "Zukünftige Betreiber müssen immer wieder riesige Umwege in Kauf nehmen, um die Komponenten zum vorgesehenen Bauplatz zu bringen, was Zeit, Geld und Nerven kostet", kritisiert Christian Vossler.
Das NRW-Verkehrsministerium hat zwar im vergangenen Sommer eine Stabsstelle Windenergie geschaffen, um diese Probleme zu lösen. Doch Vosslers Fazit fällt nüchtern aus: "Der Wille ist da, aber es gibt noch Luft nach oben."
Bei Solarzellen liegt Bayern vorn
Bei der Windenergie ist die Sache also klar: NRW schlägt Bayern deutlich. Bei den Solarzellen dagegen ist die Lage genau umgekehrt: Hier hängt Bayern alle anderen Bundesländer ab, darunter NRW.
Auch hier spielt das Wetter wieder eine Rolle: Im Süden scheint häufiger die Sonne als im Westen. Laut DWD strahlt die Sonne auf Bayern im langjährigen Mittel (1991 bis 2020) mit 1.150 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter. Für NRW sind es nur 1.035 Kilowattstunden. "Statistisch können Anlagen im Süden über das Jahr rund zehn Prozent mehr Strom erzeugen als in NRW", erklärt Christian Vossler vom LEE NRW.
Prinzipiell hat Bayern auch mehr Platz für Solarzellen, es ist das Bundesland mit der größten Fläche. Das allein ist jedoch nicht der Grund für den Vorsprung: Auch, wenn man die Photovoltaikleistung pro Quadratkilometer ansieht, liegt Bayern vor NRW.
Politische Entscheidungen sind auch bei Solarzellen ein Grund dafür, dass gebaut wird. "Was in Bayern zweifellos besser läuft, ist die Errichtung von solaren Freiflächenanlagen. Gerade in diesem Segment hat NRW einen großen Nachholbedarf", meint Christian Vossler. Bei diesen Freiflächen-Anlagen werden die Solarzellen nicht auf Dächern, sondern mit Hilfe von Ständern am Boden installiert. Diese Solarparks haben wegen ihrer Größe wesentlich mehr Stromerzeugungs-Leistung. Zugleich sind sie billiger zu bauen als Dachanlagen. Deshalb ist der Strom daraus besonders günstig.
Bayern öffnete Äcker konsequent für Solarparks
Eine Zahl macht den Unterschied bei den Freiflächen-Anlagen besonders deutlich: Fast die Hälfte der neu installierten Solarzellen (48,4 Prozent) wurde in Bayern im vergangenen Jahr auf Freiflächen installiert. In NRW betrug der Freiflächenanteil nur 7,5 Prozent.
Auch grundsätzlich verfolgt Bayern schon seit vielen Jahren eine Politik pro Solarzelle. "Bayern ist Sonnenland", betont Ministerpräsident Markus Söder (CSU) regelmäßig. In Bayern gingen im vergangenen Jahr 3,996 Mio. kW Solarenergie neu ans Netz, in NRW waren es 2,185 Mio. kW.
Deutlich mehr Freiflächen-PV-Anlagen in Bayern
Doch NRW will jetzt aufholen: 2022 nutzte das Land die Öffnungsklausel für Photovoltaik auf Freiflächen in bestimmten Gebieten. Mit einer Änderung des Landesentwicklungsplans hat die Landesregierung seit Mai 2024 die Regeln noch einmal gelockert. Seitdem kann Photovoltaik (PV) auf wesentlich mehr Flächen gebaut werden, etwa auf Flächen entlang von Straßen und Schienen, aber auch auf landwirtschaftlichen Flächen ("Agri-PV").
Doch die Landesregierung könne hier noch mehr tun, meint die SPD-Opposition - etwa PV-Anlagen auf versiegelten Flächen wie Parkplätzen vorschreiben oder "Floating-PV" auf Seen mehr unterstützen.
Balkonkraftwerke als Baustein der Energiewende
Balkonkraftwerke: beliebt und leicht installierbar
Noch sind NRWs Photovoltaikanlagen ganz überwiegend auf Gebäuden installiert, von denen es im bevölkerungsreichsten Bundesland auch mehr gibt als in Bayern. Und auch die Zahl der Balkonkraftwerke ist in NRW am höchsten: Hier sind über 192.000 Anlagen installiert, in Bayern hingegen nur 145.000. Diese Anlagen seien für viele Verbraucher auch der Einstieg in die Elektromobilität, erklärt LEE-Geschäftsführer Christian Vossler - und ergänzt: "Wenn es die Balkonkraftwerke nicht schon gäbe, müssten sie erfunden werden."
Fazit: Beide Länder wollen aufholen
Unterm Strich zeigt sich: Ökostrom gibt es in beiden Ländern, doch die Art der Erzeugung unterscheidet sich deutlich. Während Bayern sich zu Recht als "Sonnenland" bezeichnen kann, boomt in NRW derzeit die Windenergie. Doch beide Landesregierungen wollen dort aufholen, wo sie derzeit noch nicht gut dastehen: Bayern bei der Windenergie, NRW bei Solarzellen auf der Freifläche. Denn am Ziel sind sie noch nicht: Beide Bundesländer brauchen in Zukunft noch wesentlich mehr Ökostrom.
Unsere Quellen:
- Marktstammdatenregister (MaStR)
- Bundesnetzagentur
- Statistisches Bundesamt (Destatis)
- Christian Vossler (Landesverband Erneuerbare Energien - LEE NRW)
- SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag
- Deutscher Wetterdienst
- Bayerischer Rundfunk
