Im Januar 2024 wird die Polizei in eine Einrichtung für Geflüchtete in Mülheim gerufen. Ein Mann soll in seinem Zimmer randaliert haben, der 31-jährige Ibrahima Barry. Er habe sich gewehrt und sei in den Innenhof der Einrichtung geflohen. Einem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes habe er zugerufen „Ich bringe dich um“, Beamte habe er gebissen.
Schließlich fesselten die Polizisten und Polizisten die Hände von Ibrahima Barry auf dem Rücken. Dann verbanden sie auch seine Füße mit Kabelbindern an den Handschellen. Als Barry in einen Rettungswagen gebracht wurde, war kein Puls mehr feststellbar. Laut Staatsanwaltschaft Duisburg trat bei Ibrahima Barry eine Kombination aus einem Herzinfarkt und einem lagebedingten Erstickungstod ein.
Neun Beamte sind angeklagt
Kommenden Mittwoch beginnt am Landgericht Duisburg darum ein Prozess gegen neun Polizistinnen und Polizisten. Die Staatsanwaltschaft Duisburg wirft den neun Angeklagten gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung im Amt vor. Zum Tatzeitpunkt waren sie auf der Wache Mülheim an der Ruhr tätig.
Fall von Polizeigewalt beschäftigt Staatsanwaltschaft Köln
WDR. 21.06.2026. 00:43 Min.. Verfügbar bis 21.06.2028. WDR Online.
Die Risiken für einen lagebedingten Erstickungstod bei Polizeieinsätzen sind seit 30 Jahren bekannt. Sie werden nach Angaben aller Bundesländer in Aus- und Fortbildung regelmäßig thematisiert. Eine lange Fesselung von Menschen in Bauchlage behindert die Atmung. Besonders gefährlich wird es, wenn sie sich vorher gegen die Fesselung gewehrt haben.
Ausatmen wird erschwert, der Körper übersäuert
Bei Ibrahima Barry kamen verschiedene Risikofaktoren zusammen, die einen lagebedingten Erstickungstod auslösen können. Die Polizisten setzen einen Taser gegen ihn ein. Es wurde ihm eine Spuckmaske über den Kopf gezogen. Er war in einem psychischen Ausnahmezustand und hatte eine enorme körperliche Anstrengung hinter sich.
Ibrahima Barry lief nach Angaben des Landgerichts Duisburg während des Polizeieinsatzes in den Innenhof der Einrichtung und wehrte sich dort weiter gegen die Fesselung. Nach extremer körperlicher Anstrengung geben Muskeln große Mengen Milchsäure ins Blut ab. Es droht eine Übersäuerung des Körpers und in der Folge ein Herzstillstand. Um dem entgegenzuwirken, atmen Menschen automatisch große Mengen CO2 ab. Dadurch stellen sie intuitiv wieder einen gesunden pH-Wert im Körper her.
Liegt eine Person aber gefesselt auf dem Bauch, ist das Abatmen von CO2 nicht in ausreichender Menge möglich. Das Eigengewicht verhindert, dass sich der Brustkorb heben und senken und das Zwerchfell richtig arbeiten kann. Dann sammelt sich viel CO2s in der Lunge. Durch die Bauchlage wird zusätzlich auch noch der Blutfluss behindert.
"Thema ist seit 30 Jahren bekannt"
Um einen Herzstillstand zu vermeiden, muss eine Person, die in Bauchlage gefesselt wurde, nach wenigen Minuten aufgerichtet werden, so der Polizeiwissenschaftler Prof. Thomas Feltes. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem so genannten lagebedingten Erstickungstod. Schon in den 90er Jahren arbeitete er an einem Schulungsvideo für die polizeiliche Ausbildung mit. Darin wird ausführlich erklärt, wie das Risiko eines Erstickungstodes minimiert werden kann.
"Das Thema ist nicht neu, sondern seit 30 Jahren bekannt", sagt Feltes. Umso unverständlicher sei es, dass trotzdem immer wieder Polizeieinsätze so ablaufen, dass Personen versterben, die längere Zeit in Bauchlage gefesselt sind.
Während des Prozesses will die Staatsanwaltschaft Duisburg klären, ob die neun Angeklagten den Tod von Ibrahima Barry fahrlässig herbeiführten oder ob sie mit Vorsatz handelten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die beteiligten Beamten und Beamtinnen aufgrund ihrer Ausbildung hätten wissen müssen, dass die Art der Fesselung für Ibrahima Barry lebensgefährlich ist.
Innnenminister verweist auf extra Schulungen der Polizei
Anwältin Andrea Groß-Bölting vertritt die Schwester von Ibrahima Barry. Aus Sicht der Nebenklage könne für Vorsatz sprechen, dass es sehr viel Berichterstattung über die Gefährdung gefesselter Menschen in Bauchlage gegeben habe. Jeder Polizist und jede Polizistin müsse eigentlich darüber Bescheid wissen.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) betont, dass sie auch extra geschult würden, um den lagebedingten Erstickungstod bei Einsätzen zu vermeiden. Im Westpol-Interview sagt Reul, dass die Mitarbeitenden der Polizei NRW auch im Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen kontinuierlich trainiert würden, nicht nur in der Ausbildung, sondern fortlaufend.
Weiterer Fall in Köln: Ein Mann liegt im Koma
Dadurch steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Beamten die trainierten Abläufe im Ernstfall erfolgreich umsetzen. Jeder Fehler, der ein Menschenleben koste, sei einer zu viel, sagt Reul: "Aber man muss damit leben, dass es ab zu Fehler gibt und man muss alles Mögliche tun, um die Fehler zu minimieren. Das tun wir."
Anfang April 2026 eskalierte allerdings auch ein Polizeieinsatz in Köln. Der 30-jährige Pedro Corona liegt seitdem im Koma. Der Mann, der aus Venezuela stammt, hatte offenbar Wahnvorstellungen. Freunde und Angehörige hatten entschieden, dass er in die Psychiatrie eingeliefert werden sollte. Da er nicht einsichtig war, wurde die Polizei hinzugerufen. In seinem Zimmer wehrte Pedro Corona sich heftig.
Staatsanwaltschaft sah zunächst keine Anhaltspunkte für Ermittlungen
Laut Augenzeugen wird er danach von den Polizeikräften in Bauchlage aus dem Haus getragen und auf eine Liege gelegt, eine Spuckmaske über dem Kopf. Freunde bemerken, dass sein Hals blau angelaufen ist. Er muss reanimiert werden und wird ins Krankenhaus eingeliefert und dort in ein künstliches Koma versetzt. Nach Informationen von Westpol wird sich sein Zustand sehr wahrscheinlich nicht wieder verbessern.
Die Staatsanwaltschaft Köln erklärte Mitte Juni zunächst auf Anfrage, es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine übermäßige, nicht vom Gesetz gedeckte Polizeigewalt ergeben. Die Fesselung sei aufgrund der Umstände unvermeidlich gewesen. Polizisten hätten durchgehend darauf geachtet, dass Pedro Corona ausreichend Luft bekomme.
Pedro lag fast 20 Minuten gefesselt in Bauchlage
Doch WDR-Recherchen zeichnen ein anderes Bild. Mehrere Personen gaben an, Pedro Corona habe laut um Hilfe gerufen, als er alleine mit den Polizeikräften im Zimmer war. Das belegt auch ein Video, das Westpol vorliegt. Gefesselt sei er von Polizeibeamten aus dem Haus getragen worden.
Man habe ihn auf dem Bauch auf eine Trage gelegt, ohne, dass jemand seine Vitalfunktionen überprüft habe. Viele Minuten habe Pedro Corona gefesselt und unbeobachtet auf dem Bauch gelegen. Schließlich sei sein Hals blau angelaufen. Insgesamt soll er laut Aufzeichnungen der Polizei sogar fast 20 Minuten dort so in Bauchlage gelegen haben.
Staatsanwaltschaft kannte Krankenhaus-Bericht bisher nicht
Laut einem Krankenhausbericht, der Westpol vorliegt, wurde bei Pedro eine Sauerstoffunterversorgung des Gehirns festgestellt. Die Ärzte gehen davon aus, dass es aufgrund der Fesselung während des Polizeieinsatzes dazu kam. Westpol liegen auch Fotos von Pedro Corona aus dem Krankenhaus vor. Auf ihnen ist zu sehen, dass sein Körper zahlreiche Hämatome aufweist. Laut der Einschätzung von Experten sind diese Hämatome nicht auf die erfolgte Reanimation zurückzuführen.
Mit diesen Rechercheergebnissen konfrontiert, antwortet die Staatsanwaltschaft Köln. dass sie ihre bisherigen Erkenntnisse noch einmal prüfen und mit den neuen, ihr bisher unbekannten Informationen vergleichen möchte. Erstmals wollen sich die Ermittler jetzt auch mit dem Bericht des Krankenhauses, der bei der Einlieferung von Pedro Corona angefertigt wurde, beschäftigen.
"Ich habe etwas dagegen, dass man aus Fehlern von Einzelnen eine Grundsatzdebatte macht", sagt NRW-Innenminister Reul zu den Vorwürfen gegen die Beamten, "wenn Fehler immer wieder passieren und zu oft passieren, ist die Frage sehr berechtigt: Tun wir genug? Tun wir das Richtige?"
Im Fall des verstorbenen Ibrahima Barry beginnt am Mittwoch der Prozess gegen neun Polizistinnen und Polizisten, bei dem genau das Thema sein wird.
Unsere Quellen:
- Anwältin der Nebeklage im Fall Ibrahima Barry
- Landgericht Duisburg
- Anwalt von Pedro Corona
- Zeugen des Polizeieinsatzes in Köln
- Staatsanwaltschaft Köln
- Prof. Thomas Feltes
- eigene Recherchen
Sendung: Westpol, Erstickungstod nach Polizeieinsätzen, 21.06.2026, 19:30 Uhr