Ein bis zwei Beschwerden gehen demnach wöchentlich bei der so genannten Ombudsstelle der Ärztekammer Westfalen-Lippe ein. Das zu veröffentlichen, fiel den Verantwortlichen schwer. Um das Vertrauen der Betroffenen nicht zu zerstören, seien die Zahlen bisher unter Verschluss gehalten worden, heißt es auf WDR-Anfrage.
Seit 2024 gibt es diese unabhängige Einrichtung. Der Vorteil sei, dass die Ombudspersonen nicht sofort zu juristischem Handeln verpflichtet seien. Etwas, das leider viele Betroffene scheuen würden, schreibt die Ärztekammer dem WDR. Dennoch spiegeln auch diese Zahlen nur einen Bruchteil dessen wider, was hinter den Kulissen in Kliniken passiert, sagen Betroffene und Experten.
Machtmissbrauch in Kliniken
WDR Studios NRW. 21.06.2026. 00:47 Min.. Verfügbar bis 20.06.2028. WDR Online.
Viele haben Angst, Fälle zu melden
Viele hätten Angst vor drohenden Konsequenzen, wenn sie einen Fall melden würden, sagt Dersim Dağdeviren. Sie arbeitet seit 20 Jahren in Kliniken im Ruhrgebiet und kennt die Sorgen: Die Karriere könnte beschnitten werden, in der Weiterbildung (wie die Facharztausbildung offiziell heißt) könnten Schwierigkeiten auftreten.
Hinzu käme, dass viele nicht daran glauben, dass eine Meldung überhaupt Konsequenzen hätte. Dersim Dağdeviren ist inzwischen leitende Oberärztin in der Pädiatrie und im Betriebsrat. Sie versucht Betroffene, zu ermutigen, Vorfälle zu melden.
Sexualisierte Belästigung, Einschüchterungen und Mobbing
Besonders betroffen sind Frauen. Das fängt schon mit Benachteiligung gegenüber männlichen Kollegen an. „Also, dass Ärzte doch schneller vielleicht an komplizierte Operationen herangelassen werden, auch mal etwas mehr Verantwortung in diesen Operationen übernehmen dürfen als jetzt Frauen“, so Dağdeviren. Das klinge vielleicht harmlos, zeige aber wie stark Abhängigkeiten sind.
Nach einer aktuellen Umfrage des Marburger Bundes haben 49 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte im vergangenen Jahr Machtmissbrauch erlebt. 13 Prozent der Frauen sexuelle Belästigung durch ärztliche Beschäftigte.
Medizinstudierende machen Belästigungen öffentlich
Cecilia Correa studiert in Münster Medizin im achten Semester. Sie hat mehrfach übergriffiges Verhalten durch männliche Vorgesetzte erlebt.
"Es gab eine Situation, wo ich mal ein Praktikum in der Chirurgie gemacht habe. Pflichtpraktikum und mal ein Arzt mich angeschrien hat, ich soll eben doch irgendeine Schraube bringen und ich meinte, ich weiß nicht, wo die Schrauben sind, das ist mein erster und einziger Tag hier und mir dann gesagt wurde, ich soll nicht so frech sein, denn freche Mädchen würden es zu nichts bringen."
Mitte Mai war sie für die Bundesvertretung der Medizinstudierenden beim Deutschen Ärztetag. Alle fünf Frauen der Delegation hätten vor Ort sexualisierte Gewalt erlebt. "Wir wurden sehr viel einfach gestreichelt, umarmt und am Gesäß berührt", berichtet die Studentin.
"Mit tieferem Ausschnitt würden eure Anträge besser laufen." Cecilia Correa über Aussagen auf dem Ärztetag
Es habe Einladungen auf Hotelzimmer gegeben. Das haben die Studentinnen noch auf dem Kongress öffentlich gemacht und dafür viel Beifall erhalten. Allerdings hätten auch die Täter mitgeklatscht, so Cecilia Correa.
Ärztekammern versprechen Konsequenzen
Die Ärztekammer Nordrhein plant nun einen Ad-hoc-Ausschuss zum Thema Grenzverletzungen einzurichten, wie eine Sprecherin dem WDR mitgeteilt hat. Ziel sei, die bestehenden Angebote zu überprüfen und gegebenenfalls zu erweitern. Bei der Ärztekammer Nordrhein gibt es bereits seit Dezember 2020 eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Dort wurden bisher zwei Fälle registriert. Bei der Anlaufstelle für Mobbing würden jährlich zwischen 12 und 18 Fälle zur Kenntnis gegeben.
Machtmissbrauch in Kliniken
WDR Studios NRW. 21.06.2026. 00:47 Min.. Verfügbar bis 20.06.2028. WDR Online.
Leider immer noch zu wenig, meint Christiane Groß. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie war lange Ansprechpartnerin der Ombudsstelle. Sie glaubt, dass es hilfreich wäre, wenn mehr Frauen in Führungspositionen kämen, weil die eher hinschauen würden.
Überholte hierarchische Strukturen in Kliniken
Machtmissbrauch in Krankenhäusern, den will auch Professor Alexander Friedrich, ärztlicher Direktor am Uniklinikum Münster, nicht mehr akzeptieren. Er sieht ein strukturelles Problem. Die hierarchischen Strukturen würden zu Abhängigkeiten führen. Alles, was die Karriere beeinflusst, sei in wenige Hände gegeben. Heißt: Wer Facharzt werden will, ist vom Chefarzt abhängig. Diese Machtanhäufung will Friedrich reduzieren.
Alex Friedrich, Ärztliche Direktor der Uniklinik Münster, zu Machtmissbrauch im Krankenhaus
WDR. 22.06.2026. 00:52 Min.. Verfügbar bis 21.06.2028.
Er hat lange in den Niederlanden gearbeitet. Dort erlebte er Gleichberechtigung unter den Ärzten, flachere Hierarchien. Die versucht er jetzt auch in seiner Klinik einzuführen. Erste Schritte sind eine Weiterbildungskommission für die Facharztausbildung und eine neue Kommunikation im OP. Da tragen alle jetzt Schilder mit Vornamen, damit sich der Nachwuchs auch traut, den Chef was zu fragen. Friedrich weiß aber, dass die Veränderungen Jahre dauern werden.
Ärztemangel könnte noch größer werden
Doch die junge Generation will nicht mehr warten. Zwei Drittel der Medizinstudierenden sind weiblich. Viele wollen nach dem Studium nicht im Krankenhaus arbeiten.
"Das kann ich absolut nachvollziehen, dass Frauen sagen, ich möchte mich nicht diesem System hingeben, ich möchte mich nicht irgendwie auf Biegen und Brechen darauf einlassen und ich möchte mich nicht brechen lassen durch das Verhalten anderer.“ Cecilia Correa, Medizinstudentin
Cecilia Correa wollte schon immer Hausärztin werden. Nach ihren ersten Erfahrungen in Kliniken und OPs erst recht. Denn angehende junge Ärztinnen wie sie, sind nicht mehr bereit, grenzverletzendes Verhalten von Männern zu akzeptieren.
Unsere Quellen:
- Ärztekammer Westfalen-Lippe und Nordrhein
- Marbuger Bund
- Uniklink Münster
- Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.
- eigene Recherchen und Reporter vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 21.06.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Machtmissbrauch in NRW-Kliniken, 21.06.2026, 5:00 Uhr.
Sendung: WDR 2 Münsterland, Lokalzeit, 22.06.2026, 06:31 Uhr.