Solaranlage wir dauf ein Dach montiert

Streit um Erneuerbare: Bremst Reiche die Energiewende in NRW?

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Die Landesenergieministerin verschärft den Ton in Richtung Berlin. NRW-Unternehmer warnen vor Rückschlägen für die Energiewende.

Anton Wissing ist Mitgründer eines der größten Photovoltaikunternehmen in NRW, der B&W energy im Münsterland mit 140 Mitarbeitern. Gerade installiert seine Firma bei einem Landwirt in Wadersloh ein sogenanntes Agri-PV-Projekt: eine riesige Solaranlage über Heidelbeerfeldern, die sich über 17 Hektar erstrecken. Durch die Solarpanele werden die Früchte vor Extremwetterereignissen wie Hitze und Hagel geschützt. Gleichzeitig kann Strom erzeugt werden.

Doppelte Ernte in Wadersloh

"Wir verbrauchen nicht zusätzliche Flächen", erklärt Wissing dieses Zukunftsmodell, das die Energiewende voranbringe. Doch nun fürchtet er, dass solche Großanlagen bald nicht mehr gebaut werden könnten, weil sie sich finanziell für die Betreiber nicht mehr lohnen.

Streitpunkt: Entschädigung bei Netzengpässen

Bundesministerin Reiche spricht im Bundeswirtschaftsministerium

Katherina Reiche, Bundeswirtschafts- und Energieministerin

Der Grund sind Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die zum Teil bereits an die Öffentlichkeit gedrungen sind und nach Meinung von Kritikern den Ausbau der Erneuerbaren Energien bremsen könnten. "Wir werden die Entwicklung wieder vom Kopf auf die Füße stellen", hatte Reiche in einer Fragestunde im Bundestag im März angekündigt.

Bislang erhalten Betreiber von Wind- und Solaranlagen eine Entschädigung, wenn ihre Anlagen zeitweise abgeschaltet werden müssen, weil die Stromleitungen überlastet sind. Diese Zahlungen will Reiche nun streichen. Damit sei "die finanzielle Grundlage nicht mehr vorhanden, um ein Projekt zu finanzieren", kritisiert Wissing. Es würde ihn und seine Branche empfindlich treffen und den Ausbau der Erneuerbaren Energien "ausbremsen".

Drei Milliarden Euro? Fachleute widersprechen

Anton Wissing B&W energy steht in einer Anlage. Dort geht es um Anbau von Heidelbeeren unter Solar

Anton Wissing in der Photovoltaikanlage in Wadersloh

Er wirft Reiche außerdem vor, mit falschen Zahlen zu hantieren und damit Stimmung gegen die Erneuerbaren Energien zu machen. So hatte die Wirtschaftsministerin in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) diese Woche behauptet, die Entschädigungen für vorübergehend vom Netz genommene Solaranlagen oder Windräder betrügen drei Milliarden Euro.

Nicht nur Wissing, auch die Zahlen der Bundesnetzagentur widersprechen dieser Darstellung. Nach deren Berechnungen entfällt nur ein kleinerer Teil der Summe auf die Entschädigung der Erneuerbaren, der größere Teil auf die der fossilen Kraftwerke.

Insofern sei die Argumentation der Ministerin irreführend. Wenn die Pläne umgesetzt werden, befürchtet Wissing, dass die Abhängigkeit von fossilen Energien in Zeiten geopolitischer Krisen nicht verringert werden kann, dass die Klimaziele nicht erreicht werden, die Wirtschaft leidet und dass seine Generation eine Welt hinterlässt, "die ich meinen Enkelkindern nicht wünsche."

Rechtliche Bedenken: Juristen befürchten Klagen

Auch die Wirtschaftskanzlei Görg in Köln, die viele Unternehmer aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien berät und vor Gericht vertritt, sieht die Pläne der Ministerin auf Anfrage von Westpol kritisch und möglicherweise "nicht vereinbar mit europarechtlichen Vorgaben." Hier erwartet man "bei Inkrafttreten der Gesetze in der aktuellen Form Klagen betroffener Unternehmen."

Noch schwerwiegender sei aber der "Vertrauensschaden". Unternehmer müssten sich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren Energien verlassen können, denn sonst besteht die Gefahr, dass sie ihre Investitionen zurückstellen oder ins Ausland gehen.

Höhere Kosten - weniger Investitionen

Beim Landesverband für Erneuerbare Energien (LEE) läuten die Alarmglocken. Geschäftsführer Christian Vossler befürchtet, dass die Kosten für die Industrie und Privathaushalte ganz erheblich steigen würden. Das verunsichere Unternehmen und führe zu Investitionszurückhaltung. "Aus unserer Sicht gefährden die Pläne von Frau Reiche außerdem Arbeitsplätze", so Vossler.

Wirtschaftswachstum wird gebremst

Sorgen gibt es deshalb auch in anderen Branchen und im Handwerk. Martin Böhm hat einen Elektrobetrieb im rheinischen Troisdorf. Er setzt voll auf Nachhaltigkeit, hat sich auf alles, was mit Energiewende zu tun hat spezialisiert. Böhm baut mit 30 Beschäftigten PV-Anlagen für seine Kunden aufs Dach, installiert Wärmepumpen und Ladesäulen für Elektroautos.

Doch seit die Pläne von Reiche bekannt sind, brechen ihm die Aufträge weg, weil die Kunden versunsichert seien. Der Schaden sei schon jetzt da, so Böhm. Deshalb könne er nicht ausschließen, dass "auch über die Personalstärke nachgedacht werden muss." Damit werde das Wirtschaftswachstum ausgebremst.

Widerstand gegen Reiche wächst

Zu sehen ist Elektromeister Martin Böhm aus Troisdorf (links) mit seinem Kunden Deniz Keskin (rechts)

Elektromeister Martin Böhm im Gespräch mit einem Kunden

Martin Böhm ist seit fast 28 Jahren Mitglied der CDU. Dennoch hat er jetzt auch einen Wirtschaftsappell unterzeichnet, der von den Grünen initiiert wurde. Gemeinsam mit mehr als 5.500 Unternehmen und betroffenen Menschen will er ein Zeichen gegen die Pläne der Bundeswirtschaftsministerin setzen. Denn was Reiche vorhabe sei katastrophal, so der Handwerksmeister.

Scharfe Kritik auch von NRW-Wirtschaftsministerin

"Wer auf Bundesebene jetzt Fragezeichen hinter bewährte Förderinstrumente setzt, gefährdet genau die Investitionssicherheit, die wir für den kontinuierlichen Ausbau der Erneuerbaren dringend brauchen", schreibt Mona Neubaur (B'90/Grüne) in dieser Woche dem WDR-Magazin Westpol. Die NRW-Wirtschaftsministerin hat ihre Kritik gegenüber Reiche damit nochmal verschärft.

Neubaur verschärft Kritik an Kurs von Reiche

WDR Studios NRW 10.04.2026 00:48 Min. Verfügbar bis 09.04.2028 WDR Online

Neubaur sieht zwar Reformbedarf beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), will aber, dass die Energiewende auf keinen Fall ausgebremst wird. Sie erwarte jetzt klare Signale aus Berlin: "Keine Verwässerung des EEG, kein Zurückrudern bei den Ausbaupfaden, keine neuen Unsicherheiten für die Branche."

Unsere Quellen:

  • Anton Wissing von B&W energy
  • Martin Böhm von Böhm Elektrobau
  • NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur
  • Fragestunde im Deutschen Bundestag
  • Wirtschaftskanzlei Görg
  • Landesverband Erneuerbare Energien
  • Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in der FAZ
  • Offener Brief aller grünen Energieminister an Reiche
  • WDR-Reporterinnen vor Ort
  • Bundesnetzagentur
  • Eigene Recherchen

Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 12.04.2026, 19.30 Uhr
WDR.de, Neubar verschärft Kritik am Kurs von Reiche, 10.04.2026, 13.50 Uhr

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