MONITOR am 26.03.2026 : Katherina Reiche: Energiewende rückwärts?
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant bei der Energiewende einen radikalen Kurswechsel: Künftig sollen nicht mehr Sonne, Wind und der Anlagenausbau den Takt bei der Energiewende vorgeben, sondern die Netzbetreiber. Sie könnten den Anschluss neuer Anlagen nach neuen Plänen der Bundesregierung deutlich erschweren. Profitieren könnte davon ausgerechnet der ehemalige Arbeitgeber von Katherina Reiche.
Von Lutz Polanz, Samira El Hattab
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KommentierenGeorg Restle: "Zu wenig Fach- und Arbeitskräfte, das ist eine der Ursachen für die wachsende Krise in diesem Land. Eine andere hat viel mit dem Krieg im Mittleren Osten zu tun, auf dessen Öl und Gas wir nach wie vor dringend angewiesen sind. Dutzende Energieanlagen wurden durch iranische Angriffe schwer beschädigt, so wie hier in Kuwait. Und Erinnerungen werden wach an die Ölschocks der 70er Jahre und autofreie Sonntage. Doch die heutige Krise könnte noch viel schlimmer werden, meint der Chef der Internationalen Energieagentur."
Fatih Birol, Vorsitzender der Internationalen Energieagentur, 23.03.2026 (Übersetzung MONITOR): „In den Ölkrisen der 70er Jahre haben wir jeweils rund 5 Millionen Barrel Öl pro Tag verloren. Und allein heute waren es 11 Millionen Barrel. Also mehr als zwei große Ölschocks zusammen."
Georg Restle: "Eine Krise, die Deutschland auch jetzt schon hart trifft, weil auch wir nach wie vor auf Öl- und Gasimporte aus der Region angewiesen ist. Genau davon wollte Deutschland unabhängiger werden. Genau deshalb wollte man in diesem Land auch den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreiben; insbesondere der Windenergie. Genau so hat es die deutsche Bundeswirtschaftsministerin erst diese Woche wieder versprochen:
Katherina Reiche (CDU), Wirtschaftsministerin, 24.03.2026: "Wir stehen zu den Ausbauzielen der erneuerbaren Energien. Und wir geben Wind an Land einen zusätzlichen Boost bis 2030 bis zu 12 Giga-Watt mehr auszubauen."
Das klingt nach jeder Menge, doch gleichzeitig scheint dieselbe Ministerin genau das Gegenteil davon vorzuhaben. Ein neuer Gesetzentwurf aus ihrem Hause könnte dramatische Folgen für die Wind- und Solarenergie haben, befürchtet die Branche. Und uns alle am Ende womöglich sehr teuer zu stehen kommen. Lutz Polanz und Samira El Hattab.
Unterwegs mit Windparkbetreiber Steffen Lackmann im Paderborner Land. Gerade erst hat er hier viel Geld investiert, 20 Millionen Euro für zwei neue Windräder. Die sollen doppelt so viel Strom produzieren wie die alten. Zwei weitere sind noch geplant, doch die stünden jetzt vor dem Aus, sagt er.
Steffen Lackmann, Geschäftsführer HellwegWind: "Wenn die Pläne, die im Bundeswirtschaftsministerium aktuell diskutiert werden, so umgesetzt werden, dann bedeutet das für uns konkret, dass wir keine Vorhaben mehr umsetzen können, weil wir sie nicht finanzieren können."
Pläne von ihr, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Seit gut einem Jahr ist die frühere e.on-Managerin im Amt. Seitdem kennt sie vor allem ein Ziel: Aufräumen mit der Energiewende.
Katherina Reiche (CDU), Bundeswirtschaftsministerin, 18.03.2026: "Die Akzeptanz der Energiewende wird entscheidend daran hängen, ob sie bezahlbar bleibt."
Und laut Katherina Reiche sind für steigende Strompreise nicht etwa teure Gas- oder Kohlekraftwerke verantwortlich, sondern vor allem der Strom aus Wind und Sonne. Deshalb soll ein neues Gesetz her.
Katherina Reiche (CDU), Bundeswirtschaftsministerin, 18.03.2026: "Wir werden hier sozusagen die Entwicklung wieder vom Kopf auf die Füße stellen."
Moment, vom Kopf auf die Füße? Was soll das bedeuten? Der Zuwachs von Windkraft und Sonnenenergie ging zuletzt zügig voran. Das Problem, bei den Stromnetzen kommt der Ausbau viel zu langsam hinterher, erklärt Windkraftbetreiber Steffen Lackmann.
Steffen Lackmann, Geschäftsführer HellwegWind: "Wir brauchen inzwischen von der Antragstellung bis zur Inbetriebnahme einer Windkraftanlage etwa drei bis vier Jahre. Für den Netzausbau brauchen die Netzbetreiber 10 bis 15 Jahre. Das heißt, wir haben eine massive Diskrepanz zwischen Realisierung von Windparks und dem Netzausbau, der uns jetzt natürlich auf die Füße fällt."
Zum Verständnis, im Alltag speisen Erneuerbare den Strom ganz normal ins Netz und er wird verkauft. Wenn in Spitzenzeiten die Netze nicht ausreichen, müssen Anlagen vom Netz. Für diesen Ausfall bekommen Betreiber eine Entschädigung. Geld, das Katherina Reiche einsparen will.
Katherina Reiche (CDU), Bundeswirtschaftsministerin, 18.03.2026: "Das können wir uns nicht mehr leisten!"
Anfang Februar drang dieser Gesetzentwurf aus ihrem Ministerium. Danach würden neue Anlagen - etwa in windreichen Gegenden wie hier - kein Geld mehr als Entschädigung bekommen. Bis zu zehn Jahre lang. Für Steffen Lackmann ein Riesenproblem. Neue Windräder wären wohl passé.
Steffen Lackmann, Geschäftsführer HellwegWind: "Das würde eben bedeuten, dass uns keine Bank mehr Geld leiht, um Vorhaben zu finanzieren, weil das eben ein unkalkulierbares Risiko ist. Und das würde eben zum abrupten Ende des Ausbaus der Windenergie führen."
Und das beträfe nicht nur ihn, sondern viele Regionen, wo zu viel Strom aus Sonne und Wind auf schlecht ausgebaute Netze trifft. Besonders betroffen wären die Küstenländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern - und Bayern, wegen seiner vielen Photovoltaik-Anlagen.
Julia Bläsius, Deutschland Direktorin Agora Energiewende: "Man versucht, den erneuerbaren Ausbau auszubremsen und damit den Netzen quasi mehr Luft zu geben. Das verlagert das Risiko einseitig auf die Anlagenbetreiber von erneuerbaren Energien. Das heißt, die tragen das volle Risiko dafür, ob nun der Strom genutzt werden kann oder nicht, haben aber gleichzeitig überhaupt keinen Einfluss darauf, wie sehr das Netz ausgebaut wird."
Ein Paradigmenwechsel. Bislang gilt nämlich: Der Netzausbau folgt dem Ausbau der Erneuerbaren wie Wind- und Sonnenstrom. Das will Katherina Reiche quasi umkehren. Künftig würde der langsame Netzausbau das Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren vorgeben, sagen Kritiker. Also, Energiewende rückwärts?
Nina Scheer (SPD), Energiepolitische Sprecherin: "Das wird zu einem verordneten Stillstand der Energiewende führen, zwangsläufig."
Beim Koalitionspartner SPD ist man über die Reiche-Pläne deshalb schwer verärgert.
Nina Scheer (SPD), Energiepolitische Sprecherin: "Es ist nicht Bestandteil des Koalitionsvertrages zu sagen, wir warten mit den Erneuerbaren auf den Netzausbau. Das haben wir definitiv so nicht vereinbart. Wir brauchen einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren. Wir haben dafür auch klare Zielvorgaben, die wir zurzeit drohen zu unterschreiten."
Katherina Reiche hält trotzdem an ihren Netzplänen fest. Zur Erinnerung, ihr erklärtes Ziel: günstige Strompreise. Doch statt billiger, könnte es mit Reiches Plänen künftig sogar teurer werden; wenn die Energiewende verzögert wird, sagen Fachleute. Denn der Strom aus Sonnen- und Windenergie ist deutlich günstiger als Gas- oder Kohlekraftwerke.
Julia Bläsius, Deutschland Direktorin Agora Energiewende: "Wir sehen eindeutig, erneuerbare Energien machen den Strompreis günstiger, während Gaspreise im Moment - vor allem wenn wir da Spitzen sehen - die Tendenz haben, den Strompreis nach oben zu treiben."
Aber wem nutzen Reiches Pläne dann?
Julia Bläsius, Deutschland Direktorin Agora Energiewende: "Zunächst mal profitieren vor allem die Netzbetreiber davon, weil sozusagen der Druck von ihnen genommen wird, die Netze auszubauen."
Denn aktuell stehen für die Netzbetreiber niedrigere Einnahmen im Raum, wenn sie ihre Netze zu schlecht ausgebaut haben. Aber mit den neuen Plänen der Bundeswirtschaftsministerin wäre das vom Tisch. Besonders davon profitieren könnte e.on. An den Netzen des Essener Konzerns hängt schon jetzt ein großer Teil der deutschen Windräder und Solaranlagen. Ausgerechnet e.on. Da war doch was? Stimmt, bevor sie Bundeswirtschaftsministerin wurde, arbeitete Katherina Reiche als Chefin der Konzerntochter Westenergie. Damals forderte sie als e.on-Managerin genau die Dinge, die sie jetzt als Ministerin umsetzen will. Keine Netzanschlüsse bei Engpässen. Und für neue Anlagen keinen finanziellen Ausgleich mehr. Das zeigt dieser Post, den sie inzwischen gelöscht hat.
Michael Kellner (Bündnis 90/Grüne), Energiepolitischer Sprecher: "Mein Vorwurf ist, dass eine Wirtschaftsministerin, die bei einer e.on-Tochter auch noch gearbeitet hat, dass die auf einmal Politik zugunsten von e.on macht. Es gibt ein Unternehmen, das hat einen Vorschlag, und der findet sich auf einmal 1 zu 1 im Gesetz."
Darüber hätten wir gerne mit Wirtschaftsministerin Reiche gesprochen. Eine Antwort bekommen wir nicht. Und e.on? Der Konzern verweist vor allem auf große Investitionen in seine Netze. Davon spürt Windunternehmer Steffen Lackmann im Paderborner Land wenig. Er ist sich sicher, werden die Pläne von Katherina Reiche tatsächlich so umgesetzt, wird er hier kein Windrad mehr bauen.
Georg Restle: "Und dazu passt, dass die die Bundeswirtschaftsministerin diese Woche das Ziel der EU infrage gestellt hat, bis 2050 klimaneutral zu sein. Von wegen Klimaschutz, von wegen unabhängig von Öl- und Gasimporten."
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