Lagebild Clankriminalität NRW
Aktuelle Stunde . 10.12.2025. 37:43 Min.. Verfügbar bis 10.12.2027. WDR. Von Timucin Tim Köksalan.
Lagebild Clankriminalität: Weniger Straftaten, mehr Verdächtige
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2024 haben sogenannte Clanmitglieder in NRW 6.700 Straftaten verübt - etwas weniger als im Vorjahr. Dennoch beschäftigen ihre Aktivitäten die Polizei weiter, denn die Zahl der Verdächtigen ist gestiegen. Das zeigt das neue "Lagebild Clankriminalität".
Außerdem gab es weniger Tumultlagen, mehr Razzien und es wurde mehr Vermögen vorläufig gesichert. Das sind die wichtigsten Infos aus dem neuen "Lagebild Clankriminalität", das NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellt hat.
Rund 6.700 Straftaten von kriminellen Clanangehörigen hat die Polizei demnach 2024 erfasst - etwa 300 weniger als im Jahr davor. Dieser Rückgang sei aber vor allem auf die Lockerungen beim Cannabiskonsum-Gesetz zurückzuführen, sagte Reul. Laut Bericht gab es 2023 insgesamt 579 Ermittlungsverfahren wegen Rauschgiftkonsum gegen Clan-Angehörige. 2024, nach der Teillegalisierung von Cannabis, waren es nur noch 337 Verfahren.
Vermögenswerte beschlagnahmt
Bei rund 700 Razzien seien etwa 1.700 Objekte überprüft worden. Dabei seien Vermögenswerte in Höhe von etwa 1,75 Millionen Euro sichergestellt worden - darunter Immobilien, Autos, Bargeld, Uhren und Schmuck. Eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr, als sich die beschlagnahmten Werte noch auf 960.000 Euro summierten.
Geld, das den Kriminellen nun fehle, um ihre Aktivitäten zu organisieren und "Leute durchs Land zu fahren", sagte Reul. "Diese Erfolge schwächen nicht nur die kriminellen Netzwerke finanziell, sondern hindern sie auch daran, weiterhin illegale Geschäfte zu betreiben."
Erst am Dienstag hatte die Landesregierung eine Bundesratsinitiative angekündigt, die zum Ziel hat, Geld, das illegal eingenommen worden ist, künftig leichter einziehen zu können. Dafür fordert NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU), die Beweislast bei bestimmten Delikten umzukehren: Anstatt dass die Behörden zum Beispiel beweisen müssen, dass ein teures Auto von illegalem Geld gekauft wurde, müsse dann der Autobesitzer nachweisen, dass er sein Fahrzeug legal finanziert habe.
Weniger Tumulte
Als "positiv" wertet das Innenministerium, dass es im vergangenen Jahr nur noch eine sogenannte Tumultlage mit Bezug zur Clankriminalität gab. 2019 waren es noch 12 gewesen.
In Duisburg beschlagnahmte Gegenstände
Im Bereich der Organisierten Kriminalität war die Polizei im Jahr 2024 mit 82 Ermittlungsverfahren befasst, neun mehr als im Vorjahr. Sechs davon betrafen Gruppierungen, die von Angehörigen türkisch-arabischstämmiger Großfamilien dominiert wurden, so der Bericht. Aus den 82 Ermittlungsverfahren ergaben sich zehn Haftbefehle.
Zentrum der Aktivitäten dieser Clans ist laut Landeskriminalamt das Ruhrgebiet. Die meisten Straftaten wurden demnach in Essen, Recklinghausen, Bochum und Gelsenkirchen registriert.
Mehr Tatverdächtige
Gleichzeitig stieg die Zahl der Tatverdächtigen leicht an: Waren es im Jahr 2023 noch 4.213, registrierte die Polizei 2024 schon 4.282 Personen. Um kriminelle Clanangehörige identifizieren zu können, werden regelmäßig die Familiennamen der Tatverdächtigen gespeichert.
Diese Liste relevanter Familiennamen sei im vergangenen Jahr um vier neue Namen ergänzt worden. Vier andere Namen seien aber auch aus der Liste entfernt worden, "da keine Straftaten mehr von diesen Tatverdächtigen begangen wurden". Insgesamt führt die Liste 118 Familiennamen.
Im Bereich der organisierten Kriminalität war die Mehrzahl der Tatverdächtigen "ungeklärter" Nationalität, gefolgt von Deutschen, Libanesen und Syrern. Allerdings gebe es bislang keine Hinweise auf clankriminelle Strukturen unter Syrern in Deutschland, sagte Achim Schmitz, Abteilungsleiter im LKA.
Strategie der "gezielten Nadelstiche"
"Bleiben dran": NRW-Innenminister Reul
"Clankriminalität hat in Nordrhein-Westfalen keinen Platz", versicherte Innenminister Reul. Die schon seit sieben Jahren verfolgte Strategie der "gezielten Nadelstiche" solle kriminellen Clanangehörigen "das Spielfeld nehmen". Der Kampf sei noch nicht gewonnen, räumte Reul ein, "aber wir bleiben dran und setzen alles daran, Clankriminalität weiter zu bekämpfen".
Wenig euphorisch klang auch Achim Schmitz, Abteilungsleiter im LKA: Bei den Summen der beschlagnahmten Vermögenswerte gebe es Verbesserungsbedarf, sagte er, "die Zahlen sind nicht zufriedenstellend". Wenn die Bundesratsinitiative aus NRW erfolgreich sein sollte und demnächst die Beweislast über den Erwerb teurer Autos oder Häuser bei den Verdächtigten läge, könne der Staat illegales Vermögen schneller sicherstellen.
Verbesserungsbedarf gebe es auch beim Datenaustausch unter Behörden, etwa zu Betrügereien bei Sozialleistungen. Bislang können viele Behörden ihre Daten nicht miteinander abgleichen, weil Datenschutzgesetze dagegen stehen.
Ob die in NRW verfolgte "Strategie der tausend Nadelstiche" der richtige Weg sei, wisse er nicht, räumte Minister Reul ein. Eine Alternative sehe er aber auch nicht. Außer in Berlin habe kein anderes Bundesland das Problem der Clankriminalität. "Und aus Berlin schauen sie auf uns."
Reul: "Ein paar Oberbosse erwischt"
Im Mai hatte Reul im WDR-Interview gesagt, man habe immerhin "ein paar Oberbosse" erwischt, außerdem ein Senioren-Betrugssystem aus der Türkei entlarvt. Im Bereich Kindergeld-Betrug hätten die Ermittler "einen riesigen Durchbruch erzielt".
Im jährlich erstellten "Lagebild" werden kriminelle Angehörige türkisch-arabischer Großfamilien erfasst, sofern sie Bezüge zum Libanon oder zur Bevölkerungsgruppe der Mhallamiye haben.
Opposition fordert mehr Jugendarbeit
"Abgestimmtes Vorgehen": Marcel Hafke (FDP)
Kritik kam von der FDP-Landtagsfraktion: Die Tatsache, dass ein vergleichsweiser kleiner Teil der Tatverdächtigen einen großen Anteil der Straftaten begeht, unterstreiche, "wie verfestigt und professionell Clanstrukturen in unserem Land agieren", sagte Marcel Hafke. Die bisherige Strategie sei ein richtiger Ansatz, erreiche aber mittlerweile ihre Grenzen. Statt "öffentlichkeitswirksamer Razzien" brauche es "ein modernes, nachhaltiges und landesweit abgestimmtes Vorgehen gegen die Hintermänner der Organisierten Kriminalität".
Auch die SPD im Landtag erklärte, von einer Trendwende könne keine Rede sein. "Die Zahl der Straftaten verharrt auf einem hohen Niveau, nachdem es bereits in den vergangenen zwei Jahren zu erheblichen Anstiegen kam", sagte Christina Kampmann, innenpolitische Fraktionssprecherin. Nötig seien "frühzeitige Ansätze, um Kinder und Jugendliche aus Clanfamilien in positive Lebenswege zu begleiten, konsequente Abschöpfung krimineller Gewinne, um den finanziellen Anreiz zu entziehen und eine enge Zusammenarbeit von Polizei, Justiz und Kommunen, um abgeschottete Strukturen wirksam aufzubrechen".
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz des NRW-Innenministeriums zum Lagebild Clankriminalität
- Bericht "Lagebild Clankriminalität"
- Statement SPD-Landtagsfraktion
- Statement FDP-Landtagsfraktion
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 10.12.2025, 18:45 Uhr