Es gab so einige öffentliche Fotos der AfD Fraktion im NRW-Landtag, die im Prinzip das Gleiche zeigen: Im Zentrum der Landeschef Martin Vincentz. Die Abgeordneten hinter oder neben ihm. Die Botschaft klar: Geschlossenheit. Doch nun kommen, kurz vor den Kommunalwahlen im Land, aus seiner eigenen Fraktion schwerwiegende Vorwürfe, und zwar ausgerechnet gegen den Mann, der ihm strategisch und politisch am nächsten steht: seinen Pressesprecher Kris Schnappertz.
In einem Brief an die Fraktion und den Bundesvorstand schreibt ausgerechnet der Vize-Chef der NRW-Fraktion Sven Tritschler: "Jede Vertrauensgrundlage für eine weitere Zusammenarbeit mit unserem Pressesprecher ist zerstört." Das vollständige Schreiben liegt dem WDR vor. Darüber hinaus fordert Tritschler seine Fraktionskollegen auf, seine Forderung zu unterstützen, dass Schnappertz nicht mehr in seinem Namen mit der Presse sprechen dürfe.
Parteiausschluss für AfDler an Ukraine-Front
Im Kern drehen sich die Vorwürfe um den AfD-Kommunalpolitiker Tim Schramm aus Wuppertal, einem Mitarbeiter von Tritschler im Landtag. Der Abgeordnete beschreibt in dem siebenseitigen Dokument, wie Schnappertz zusammen mit weiteren Parteimitgliedern versucht haben soll, durch Schramm an schädigendes Material über Tritschler heranzukommen: "Mit der Aussicht auf hoch dotierte Jobs wurde Herr Schramm massiv unter Druck gesetzt, um kompromittierende Informationen gegen mich zu beschaffen."
Schramm war im Frühling nach eigenen Angaben einige Monate freiwillig – und ohne Wissen der Partei – in die Ukraine gefahren, um dort als Soldat gegen Russland zu kämpfen. Nachdem er später nicht zusichern wollte, dies künftig zu unterlassen oder öffentlich darüber zu sprechen, leitete die Partei ein Ausschlussverfahren ein. Die "Welt" hatte zuerst berichtet.
Hierbei stimmte Tritschler wohl jedoch gegen das Ausschlussverfahren. "Ich habe aus mehreren Gesprächen den Eindruck, dass man mir verübelt, dass ich mich nicht dem ‚Dschihad‘ gegen Teile der Partei anschließe, der unseren Landesverband seit Monaten lähmt und zerstört", so Tritschler, und offenbart so einen tiefen Riss, der durch die bemüht harmonisch wirkende AfD-Fraktion und Partei im Land geht.
Der von Tritschler beschuldigte Kris Schnappertz teilte dem WDR auf Anfrage mit: "Ich weise die Anwürfe zurück und äußere mich nicht weiter. Wir werden das intern besprechen." Wie sich dieser Konflikt nun fortsetzt, bleibt also erst einmal unklar. Doch der Schaden ist längst da.
Fraktionschef (noch) nicht in der Schusslinie?
Das Ganze ist nämlich ein Dilemma für den Fraktions- und Parteichef Martin Vincentz. Kris Schnappertz ist einer seiner engsten Vertrauten. Ob parteiintern in der Zusammenarbeit oder beim Auftritt nach außen. Die beiden wirken im politischen Alltag eigentlich immer auf einer Linie, verstehen sich gut und sprechen sich gegenseitig volles Vertrauen aus. Aber auch Tritschler und Vincentz hegten keine offenen Konflikte und schienen in politischen Zielen und Zusammenarbeit geeint.
AfD-Landeschef Martin Vincentz
Eine Auflösung der Situation könnte allerdings etwas dauern, da sich Tritschler am Ende seines Schreibens vorerst einige Tage in den Urlaub verabschiedet. Doch ein normales "back to business" wird es in der AfD-Fraktion nach der Sommerpause im Düsseldorfer Landtag wohl kaum geben. Und es stellt sich die Frage, welche Personalien in der Partei verbleiben.
Kein Geräuschloser Start in die Kommunalwahl
Für die AfD ein weiterer Rückschlag kurz vor den NRW-Kommunalwahlen im September. So gab es rund um die Zulassung der Partei beim Kreisverband in Düsseldorf massiven Streit, in den ebenfalls Kris Schnappertz als Kreisverbandsmitglied verwickelt war. Aber auch in Jüchen tritt die AfD wegen eines Formfehlers nicht an.
Auch im ostwestfälischen Lage ist weiterhin nicht klar, ob Uwe Detert – ebenfalls Mitglied im Landesvorstand – als Bürgermeisterkandidat antreten kann. Der dortige Wahlausschuss hatte ihn abgelehnt. Nun muss der Kreis entscheiden, ob er doch antreten darf.
Unsere Quellen
- Schreiben Sven Tritschlers an die Fraktion
- Stellungnahme Kris Schnappertz
- AfD-Fraktionskreise
- Aussagen Tim Schramm in der "WELT", 21.07.25
- Einschätzungen des WDR-Reporters
Über das Thema berichten wir am 22. Juli 2025 auch im Hörfunk: WDR aktuell auf WDR 2 ab 6 Uhr.

