Samira verfolgt die Nachrichten aus Europa nur selten. Die 31-Jährige lebt heute im Iran. In ihrem Heimatland Afghanistan hat sie Chemie studiert und von einer akademischen Laufbahn geträumt. Doch seit der Machtübernahme der Taliban 2021 ist ihr Leben ein anderes.
Sicher fühlt sie sich im Iran auch nicht. Ihr Studium konnte sie nicht fortsetzen. Dazu kommt die ständige Sorge, nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Wenn sie die Möglichkeit hätte, sagt Samira, würde sie nach Deutschland gehen.
"Die Situation in Afghanistan ist so schlimm, besonders für Frauen und Mädchen, dass sie ihr Leben riskieren und auf jedem Weg versuchen, das Land zu verlassen. Ich würde das auf jeden Fall machen, damit ich Sicherheit finde." Samira
Schnellere Verfahren an EU-Außengrenzen
Seit heute gelten in der Europäischen Union (EU) neue Asylregeln. Mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) sollen Asylverfahren an den EU-Außengrenzen schneller bearbeitet werden. Menschen mit geringen Aussichten auf Schutz sollen bereits dort ein beschleunigtes Verfahren durchlaufen.
Gleichzeitig sollen die EU-Staaten bei der Aufnahme und Verteilung von Geflüchteten stärker zusammenarbeiten. Doch welche Rolle spielen solche Regelungen für Menschen, die über eine Flucht nach Europa nachdenken?
Samira etwa sagt, dass sie mitbekommen habe, dass es einige Einschränkungen geben soll. Genaue Details der neuen GEAS-Regeln kennt sie aber nicht. Dass die Reform Menschen von einer Flucht abhalten wird, glaubt sie nicht. Die Verzweiflung vieler Menschen in Afghanistan ist zu groß.
"Die Menschen nehmen jedes Risiko in Kauf"
Auch Soheila weiß aus eigener Erfahrung, was Flucht bedeutet. Seit einem Jahr lebt die Afghanin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Deutschland. Insgesamt war die Familie 14 Monate unterwegs. Soheila studierte Jura, als die Taliban die Macht in Afghanistan übernahmen. Als sie ihr Studium nicht mehr fortsetzen konnte, entschied sie sich, das Land zu verlassen. Dass strengere Asylregeln Menschen grundsätzlich von einer Flucht abhalten könnten, bezweifelt auch sie.
"Die Flucht nach Europa war schon immer teuer, gefährlich und schwierig. Trotzdem sind die Menschen bereit, alles in Kauf zu nehmen." Soheila
Von der europäischen Asylreform hatte auch sie bisher nichts gehört. Als sie von den neuen Regelungen erfährt, denkt sie vor allem an die vielen Afghaninnen und Afghanen, die derzeit im Iran, der Türkei oder anderen Ländern leben und auf eine Zukunft in Europa hoffen. "Diese Regelung macht ihnen den Weg noch schwerer und sorgt für mehr Druck."
Wirkung auf Menschen aus sicheren Herkunftsländern?
Für die Entscheidung zur Flucht seien meist nicht die Asylregeln ausschlaggebend, sagt Soheila. Wichtiger sind Krieg, Verfolgung, Unterdrückung und fehlende Sicherheit in den Herkunftsländern. "Menschen verlassen ihre Heimat nicht einfach so. Wenn sie sich in Gefahr befinden und Schutz suchen, werden neue Regelungen sie kaum davon abhalten. Sie wollen sich retten."
Eine gewisse Wirkung könnte die Reform möglicherweise auf Menschen aus sicheren Herkunftsländern haben, meint sie. Wer aber vor Krieg oder Verfolgung fliehen will, lässt sich davon wohl kaum abschrecken. Soheila denkt, am Ende kommt es auf die Umsetzung an. "In manchen Fällen könnte es dazu führen, dass sie sich dann vielleicht zweimal überlegen, ob sie dieses große Risiko überhaupt eingehen, wenn am Ende nicht klar ist, ob sie Schutz bekommen."
Reform in Afghanistan kaum bekannt
Dass die Reform in Afghanistan selbst kaum bekannt ist, bestätigt auch Ali aus der west-afghanischen Stadt Herat. Der 25-Jährige betreibt dort einen Laden. Herat gilt als wichtiger Ausgangspunkt für viele Menschen, die über den Iran weiterziehen wollen. Von GEAS hat er bisher nichts gehört - weder in den Medien, noch in Gesprächen, sagt er. Doch er ist überzeugt, dass strengere Regeln vor allem dazu führen, dass der Druck auf die Menschen wächst:
"Ich denke, die Menschen suchen dann andere Möglichkeiten. Es ist sehr schwer zu sagen, dass es weniger wird. Denn wenn jemand sich in Gefahr befindet, will er sich retten und um jeden Preis." Ali
Fluchtgründe stärker als neue Regeln
Für viele Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg, Verfolgung oder existenzieller Not verlassen, sind die Fluchtgründe weiterhin ausschlaggebend. Änderungen im europäischen Asylsystem scheinen ihre Entscheidung bislang kaum zu beeinflussen. Welche Auswirkungen die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems tatsächlich auf Fluchtbewegungen haben wird, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Menschen in Afghanistan, im Iran und in Deutschland
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 12.06.2026, 6:05 Uhr