Sperrung Nordbrücke in Bonn - Auswirkungen & Ausblick

Aktuelle Stunde 04.06.2026 32:28 Min. UT Verfügbar bis 04.06.2028 WDR Von Christian von Stülpnagel

Experte zu Sperrung der Bonner Nordbrücke "Jedes Fahrzeug eine Belastung"

Stand:

Die wichtigste Brücke und gleichzeitig ein Hauptverkehrsknotenpunkt in Bonn ist dicht - plötzlich und auf unbestimmte Zeit gesperrt wegen gravierender Schäden. Viele Brücken in NRW seien Intensivpatienten, sagt Brückenexperte Heinrich Bökamp und erklärt, warum jetzt so viele Bauwerke versagen.

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Katja Goebel

Die Nachricht traf die Menschen in der Region völlig unvorbereitet: Am Mittwochnachmittag teilte die Autobahn GmbH mit, dass man bei der Bonner Nordbrücke "strukturelle Schäden am Tragwerk" festgestellt habe. Eine Stunde später war die Brücke auf der A565 dann dicht - und das bis auf Weiteres. Auswirkungen gibt es nicht nur für Autofahrer, sondern auch für Fußgänger und Radfahrer, denn auch der Rad- und Gehweg entlang der Rheinbrücke Bonn-Nord ist zur Sicherheit erstmal gesperrt.

Heinrich Bökamp ist Chef der Ingenieurskammer NRW und Prüfingenieur für Baustatik. Mit ihm haben wir über Brückensperrungen, Multiorganversagen und Lastspiele gesprochen.

Die Brückensperrung war ein Schock für Anwohner und Pendler. Ein Hauptverkehrsknotenpunkt in der Stadt Bonn ist von jetzt auf gleich dicht. Hat Sie das auch so überrascht?

Portät von Heinrich Bökamp, Präsident der IK-Bau NRW

Heinrich Bökamp, Chef der Ingenieurskammer NRW

Heinrich Bökamp: Bei der konkreten Brücke hat mich das schon überrascht. Dass da jetzt immer die eine oder andere kommt, überrascht mich eigentlich nicht mehr. Man hat viele Jahre zu wenig gemacht, hat immer gedacht, es wird schon gut gehen und jetzt kommt man nicht mehr vor das Problem. Das Sperren ist die allerletzte Maßnahme, die man trifft. Da hat man vorher schon allerhand gesehen. Man kriegt das Problem nur noch in den Griff, indem man saniert oder neu baut.

Können Sie das mal für uns einordnen: Hat man vorher nicht so genau hingeschaut?

Bökamp: Doch, man wird hingeschaut haben. Brücken gehören zu den am besten überwachten Ingenieursbauwerken. Da gibt es alle drei Jahre die Brückenprüfung, wo man sieht, wie sich die Brücke verändert. Da wird man über die Jahre sehr genau gewusst haben, was mit der Brücke los ist. Der Punkt ist: Wann macht man was, wann geht man hin und sagt: "Die Brücke müssen wir ersetzen, die werden wir nicht mehr retten können." Da tut sich natürlich jeder schwer mit und das schiebt man vor sich her.

Bei den Schäden um die Bonner Brücke spricht man jetzt sogar von "Multiorganversagen". Das klingt richtig ernst. Was könnte denn schlimmstenfalls passieren?

Bökamp: Man guckt sich an, wie die Brücke reagiert: Gibt es Risse? Werden die Risse größer, werden sie länger? Das beobachtet man über mehrere Jahre. Wenn sie die Brücke jetzt gesperrt haben, dann befürchten sie tatsächlich, dass ein Versagen der Brücke nicht ausgeschlossen werden kann - dass sie wirklich zusammenbricht. So wie wir das in Dresden gehabt haben. (Anm. der Redaktion: In Dresden war am 11. September 2024 die Carolabrücke teilweise eingestürzt.)

Die eingestürzte Carolabrücke in Dresden liegt in der Elbe.

Die Carolabrücke in Dresden war 2024 teilweise eingestürzt.

Seit Februar war die Brücke schon für Lastwagen über 7,5 Tonnen gesperrt. Bis dahin fuhren rund 100.000 Fahrzeuge darüber. Was macht so ein riesiges Verkehrsaufkommen mit dem Bauwerk?

Bökamp: Jedes Fahrzeug, das über die Brücke fährt, ist eine Belastung. Wir sprechen da von einem Lastspiel. Je schwerer das Fahrzeug ist, desto mehr muss die Brücke leisten. Wenn jemand über eine Brücke fährt, dann fängt sie an, sich ganz leicht zu durchzubiegen. Wenn das Fahrzeug runterfährt, kommt die Brücke wieder hoch. Wenn die Brücke jetzt Risse hat, dann gehen die bei jeder Überfahrt auf und zu. Das kann kein Material haben.

Wenn Sie ein Gummiband vorsichtig 100-mal ziehen, dann reißt das auch durch, wenn Sie gar keine Kraft in das Band gebracht haben. Nicht das Gewicht ist das Problem, sondern die Zahl der Überfahrten. Früher hat man immer gesagt, zwei Millionen Mal darf so ein Lastspiel für das Material in Anspruch genommen werden und dann ist Schluss. Jetzt haben wir da Lastspiele drin, die liegen bei 10 Millionen. Die Brücken sind ziemlich am Ende, aber man kann nicht sagen: "Nächste Woche machen wir da eine neue Brücke hin."

Luftaufnahme der leeren Nordbrücke in Bonn

Die leere Nordbrücke in Bonn

Die Bonner Brücke ist aus den 60er Jahren. Was ist das Problem bei Bauwerken aus dieser Zeit?

Bökamp: Das größte Problem sind die Lkw-Lasten. Man hat nicht damit gerechnet, dass so viele kommen. Und das nimmt ja noch zu. Man geht davon aus, dass der Lastwagenverkehr noch um 30 oder 40 Prozent ansteigt. Dafür sind die Brücken nicht ausgelegt.

Für die Belastung gibt es Warnzeichen, aber man kann ja nicht in eine Brücke hineingucken, oder?

Bökamp: Doch, man sieht eine ganze Menge. Die großen Brücken sind meistens Hohlkästen, da kann man durchlaufen und innen Rissbildungen oder Verformungen sehen. Wir haben aber auch Intensivpatienten, die versagen ohne Vorankündigung. Das ist wie im Krankenhaus - da weiß man nicht, wie das nächste Woche weitergeht. Das sind zum Teil Spannbetonbrücken. Da kommt nicht erst ein Riss, die brechen sofort zusammen.

Und wie viele gibt es davon in NRW?

Bökamp: Wir haben um die 10.000 Brücken. Davon wissen wir, dass ein Drittel zu den Patienten gehört und von denen sind sicherlich 10 Prozent Intensivpatienten. Das sind 'ne ganze Menge. Dass solche großen Brücken wie die in Bonn gesperrt werden, wird in den nächsten Jahren zunehmen.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Heinrich Bökamp
  • Nachrichtenagentur dpa

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 04.06.2026, 18:45 Uhr

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