Spielsüchtig in Zeiten der Fußball WM

Aktuelle Stunde 16.06.2026 11:38 Min. UT Verfügbar bis 16.06.2028 WDR Von Anna Deschke

Betroffener erzählt So groß ist die Gefahr durch Sportwetten zur WM

Stand:

"Ich habe von morgens bis abends geweint." Ali Basboga hat zehn Jahre seines Lebens an die Glücksspielsucht verloren. Jetzt zur Fußball-WM werben Wettanbieter gezielt um die Fußballfans wie ihn.

Von Anna Deschke

Allein in Deutschland sollen während der Fußball-Weltmeisterschaft eine Millarde Euro in Wetteinsätze fließen. Verena Küpperbusch beobachtet das kritisch. Sie leitet die Landesfachstelle Glücksspielsucht in NRW, hier bieten sie Spielsüchtigen Hilfe und Beratung. Schon vor dem Start der WM liefen bei ihnen die Telefone heiß, erzählt Küpperbusch.

Die haben sich bei uns gemeldet und gesagt, ich habe große Angst vor der WM, weil die Spiele sehr im Vordergrund stehen. Ganze Freundeskreise sind nur noch mit Sport, mit dem Sportereignis befasst und viele wetten dann einfach auch. Verena Küpperbusch

Glücksspielsucht betrifft rund 1,3 Millionen Menschen

Porträt von Verena Küpperbusch im WDR-Interview

Verena Küpperbusch von der Landesfachstelle Glücksspielsucht in NRW

Sie beobachtet auch, dass die "Werbung für Sportwetten einfach auch ganz massiv" sei. Für Menschen mit Glücksspielsucht ein Problem. "Gerade wenn ich schon mal Probleme damit entwickelt habe, wenn ich vielleicht sogar eine Glücksspielsucht habe, dann ist das einfach eine Hochrisikophase und sehr, sehr viele Menschen werden in dieser Zeit auch rückfällig."

Deutschlandweit sind schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen glücksspielsüchtig, weitere fünf bis sechs Millionen zeigen laut Küpperbusch ein problematisches Spielverhalten.

Fünf Euro auf ein Fußballspiel

Porträt von Asli Basboga

Asli Basboga

Der 42-jährige Ali Basboga aus Gelsenkirchen lässt sich von Werbung für Sportwetten heute nicht mehr beeindrucken: "Eher lasse ich mir in den Kopf schießen, als das ich noch mal ein Sportwette abgebe." Aber er wisse, wie es sich anfühlt - dieser unbedingte Drang, immer wieder die nächste Wette abzugeben - diese Hoffnung, endlich den großen Gewinn reinzuholen.

Seine Glücksspielsucht beginnt, als er Anfang 20 ist. Mit einer kleinen Wette, so erzählt er: Fünf Euro auf ein Fußballspiel - er verliert. Das spornt ihn aber erst so richtig an. Schließlich wolle er Fußballprofi werden, kenne sich mit dem Sport perfekt aus - natürlich könne er Spielergebnisse richtig vorhersagen. Das will er allen beweisen. Und tippt weiter. Er sagt, dass teilweise sein gesamtes Zivildienst-Gehalt für Sportwetten draufgegangen ist. Statt sich Mittags in der Pause etwas zu essen zu kaufen, habe er lieber eine Sportwette platziert.

Ali kannte niemanden, der nicht getippt hat

In seinem Freundeskreis fällt niemandem auf, dass er in die Sucht abgerutscht ist. Denn dort tippen auch alle, erzählt Ali Basboga:

Am Wochenende, wenn man Bundesliga schaute, da war keiner ohne Wettschein. Die haben alle die Scheine auf den Tisch gelegt und danach hat man dann gehofft, dass irgendeiner von uns gewinnt, damit man abends auf die Piste kann. Ali Basboga

Und weiter: "Und wenn alle verloren haben, dann muss man sich irgendwo Geld leihen, um auf die Piste zu gehen. Und am nächsten Tag, wenn man morgens wach ist, dann schaut man wieder, wo bekomme ich Geld her, um den Sonntag zu bestreiten, damit ich auch weiterspielen kann."

Die große Gefahr: Die Sucht bleibt lange unerkannt

Eine große Gefahr, die Ali in der Spielsucht sieht: Sie bleibt oft unsichtbar. Anders als Drogensucht oder Alkoholabhängigkeit. Betroffene könnten ihre Probleme meist sehr lange vor der Außenwelt verstecken - man werde unglaublich kreativ, was das Erfinden von Ausreden und das Beschaffen von neuem Geld angehe:

Kredite, Dispo, Handy verkauft, Laptop verkauft, alles Mögliche verkauft - und dann irgendwann war das Auto dann auch weg. Ali Basboga

Mit 27 Jahren kam dann der "goldene Schuss", so nennt es Ali Basboga heute. Er habe auf einen Schlag 25.000 Euro gewonnen. Danach sei er nicht mehr zu halten gewesen: Er habe immer größere Summen investiert, der Schuldenberg wurde immer höher. Drei Jahre macht er noch weiter.

Hilfe von außen ist wichtig

Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Schlag. Er wacht morgens auf - und kann nicht aufstehen. Ihm wird ganz plötzlich klar, was für ein riesiges Problem er hat.

Irgendwas läuft hier komplett falsch - und dann habe ich von morgens bis abends geweint. Irgendwann bin ich zu meiner Mama und habe gesagt, ich brauche Hilfe, da geht es so nicht mehr. Und dann habe ich mir psychologische Hilfe geholt -das war meine Rettung. Ali Basboga

Um die Zeit als Spielsüchtiger zu verabeiten, schreibt Ali Basboga ein Buch, spricht in einem Podcast der Landesfachstelle Glücksspielsucht über seine Erfahrungen. Er möchte mit seiner Geschichte anderen Spielsüchtigen Mut machen.

Montage sind die schlimmsten Tage

Sein nächstes Projekt: Er möchte eine Selbsthilfegruppe für Sportwettensüchtige in Gelsenkirchen gründen. Immer Montags will er sich mit Betroffenen und Angehörigen treffen. Den Wochentag hat er sich bewusst ausgesucht. Denn Montage seien die schlimmsten Tage für Spielsüchtige.

Am Wochenende verzockt man alles, was man hat. Und Montag ist immer der bitterste Tag eines Zockers. Denn dann steht man morgens auf und weiß nicht, wie man die Woche bestreiten soll. Ali Basboga

Anmerkung der Redaktion: Glücksspiel kann abhängig machen. Eine Spielsucht kann das Leben der betroffenen Person sowie ihrer Angehörigen schwer beeinträchtigen. Informationen und Hilfsangebote bietet u.a. das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit auf der Internetseite und die Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW auf der Internetseite.

Das Hilfetelefon Glücksspielsucht erreichen Sie kostenfrei und anonym unter 0800 0 77 66 11

Unsere Quellen:

  • Reporterin vor Ort
  • Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW
  • Deutscher Sportwettenverband

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 16.06.2026, 18:45 Uhr

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