Ehemaliger Glücksspielsüchtiger: "Irgendwann war ich völlig allein"
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Heute ist der bundesweite Aktionstag gegen Glücksspielsucht. Wir haben mit Autor und Content Creator Thomas Melchior gesprochen, den die Sucht sogar ins Gefängnis gebracht hat. Wie er auf die Gefahren von Glücksspielsucht aufmerksam macht und welche Hilfsangebote es für Betroffene gibt.
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Jetzt mitdiskutierenIn Deutschland sind rund 1,3 Millionen Erwachsene glücksspielsüchtig, sagt der Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU) anlässlich des bundesweiten Aktionstages gegen Glücksspielsucht. "Glücksspielstörung ist eine der häufigsten Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland - mit gravierenden Folgen für Gesundheit, Beziehungen und die finanzielle Existenz."
800.000 Euro bei Sportwetten verloren
Einer, der diese Folgen am eigenen Leib erfahren hat, ist Thomas Melchior. Er kämpfte lange mit seiner Glücksspielsucht und verlor mit Sportwetten nach eigenen Angaben 800.000 Euro. Heute ist er Autor und macht auf Instagram als "sportwettensheriff" mit seinen Videos auf die Problematik aufmerksam.
Mit einem Schild mit der Aufschrift "Wette verloren" zeigt er sich beispielsweise im Dortmund-Trikot vor der Arena auf Schalke oder im Münster-Trikot in Bielefeld.
"Im Prinzip geht es darum, insbesondere für Kinder und Jugendliche die Folgen von Spielsucht greifbar zu machen", sagt Melchior dem WDR. "Der Punkt ist, eine Situation zu erschaffen, wo wir ins Gespräch kommen."
"Ich habe Dinge getan, die sehr schlimm sind"
Denn für Außenstehende sei es schwer zu verstehen, was Glücksspielsucht mit einem Menschen anstellen könne. "Ich habe Dinge getan, um spielen zu können, die wirklich sehr, sehr schlimm sind. Ich habe meine Familie belogen und betrogen, mein ganzes Umfeld nach Geld gefragt."
Nach einem Jahr habe Melchior seinen Job verloren, dann seine Wohnung und nach und nach immer mehr Menschen in seinem Umfeld. "Irgendwann war ich völlig allein und trotzdem immer noch der Meinung, dass ich es alleine da raus schaffen kann."
Kein Schutz durch die Spiel- und Wettanbieter
Die Sportwetten-Anbieter bestärkten ihn sogar noch in seiner Sucht. "Obwohl ich schon sechsstellige Schulden hatte, obwohl ich fünfstellige Beträge im Monat verloren habe, hat mich der Wettanbieter nicht gesperrt, sondern mir als Belohnung eine VIP-Betreuerin zur Seite gestellt."
Um die immensen Geldbeträge für seine Spielsucht aufzutreiben, begeht Melchior schließlich zahlreiche Straftaten und wird zu über fünf Jahren Haft verurteilt. Aus heutiger Sicht sei das seine Rettung gewesen. "Im Moment meiner Festnahme habe ich mich seit meiner allerersten Wette, das erste mal wieder frei gefühlt."
Im Gefängnis beschloss er dann, sein Leben neu zu gestalten, und sagt, dass er ohne die Haftstrafe heute nicht das machen würde, was er tut - und zwar aufklären und die Gefahren von Sportwetten und Glücksspiel beleuchten. Was Melchior mit seinen Videos vor allem jungen Menschen mitgeben wolle: "Redet mit jemandem, offenbart euch, das ist der erste Schritt zur Besserung."
Aktionstag gegen Glücksspielsucht auch in NRW
Mit anderen Menschen reden, ins Gespräch kommen und aufklären - genau darum geht es auch beim Aktionstag gegen Glücksspielsucht. In NRW gibt es zahlreiche Veranstaltungen in verschiedenen Städten:
"Glücksspiel ist eine unsichtbare Sucht"
Jeder Vierte, der an schnellen Glücksspielen wie Automaten in Spielhallen oder virtuelle Automaten im Netz teilnimmt, entwickele Probleme, sagt Verena Küpperbusch, Leiterin der Landesfachstelle Glücksspielsucht in NRW im Gespräch mit dem WDR.
"Rund 30 Prozent der Bevölkerung nehmen an Glücksspielen teil." Verena Küpperbusch, Leiterin der Landesfachstelle Glücksspielsucht
Verena Küpperbusch ist Leiterin der Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW
Glücksspiel sei eine unsichtbare Sucht. "Man sieht keine körperliche Begleiterscheinung und kann das sehr lange geheim halten." Auch viele Angehörige erzählten in den Beratungsstellen oder am Hilfetelefon, dass sie häufig nichts bei Betroffenen bemerkt hätten.
Welche Hilfsangebote gibt es?
In NRW gibt es Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige. "Viele Beratungsstellen bieten auch direkt eine ambulante Rehabilitation an", sagt Küpperbusch. Es gebe aber auch Kliniken, die eine stationäre Reha anböten.
Neben Beratungsstellen vor Ort gibt es zum Beispiel auch solche, die anonym in Anspruch genommen werden können. Dort brauche man seinen Namen nicht nennen, so Küppersbusch. Beispiele sind das Hilfetelefon Glückspielsucht oder die Onlineberatung "DigiSucht". Darüber hinaus gibt es viele Selbsthilfegruppen, die Unterstützung anbieten.
Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie glücksspielsüchtig sind, können einen Selbsttest im Internet machen - zum Beispiel den Test "Check dein Spiel".
Verdient der Staat Geld mit Glücksspiel?
Die Landesstelle Glückspielsucht wird vom NRW-Gesundheitsministerium gefördert - um etwas zu bekämpfen, womit der Staat sehr viel Geld verdient. Das klingt nach einem Widerspruch.
"Das Geschäft ist kein Gutes für den Staat." Expertin Verena Küpperbusch
Den Vorwurf kennt auch Verena Küpperbusch und sagt: "Die Einnahmen decken längst nicht die Ausgaben." Der Staat mache "eher Miese, weil die Unterstützung und Hilfe, die notwendig wird, deutlich teurer ist." Und damit seien nicht nur Beratungen gemeint, sondern auch Folgeschäden, wie Arbeitslosigkeit oder eine spätere Schuldnerberatung.
Unsere Quellen:
- Interview mit Thomas Melchior bei WDR 2 am 24. September
- Interview mit Verena Küpperbusch, Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW im WDR 5-Morgenecho am 24. September 2025
- Nachrichtenagenturen dpa und KNA
2 Kommentare
Kommentar 2: Franziska 1 schreibt am 24.09.2025, 20:26 Uhr :
Ich überlege gerade, soll ich Mitleid haben mit Melchior wegen sein Leben, als er die Spielsucht hatte und erst durch die Haftstrafe zu einen anderen Menschen wurde? Müssen erst so viele schlechte Taten gemacht werden und dann das "Aufwachen" erst durch eine Haft erlebt? Wie viele Nachahmer werden ihm folgen? Jede Sucht hat Mal einen Anfang, der man ausweichen könnte, indem man Mal eine Hilfe sucht. Der Wettanbieter wird vom ihm beschuldigt, er wäre mitschuld daran? Als Sportwettensheriff will er jetzt Aufklärungsarbeit machen? Sorry, mir schaut das nach Karrieremacherei aus, wobei er nach der Haft nichts anderes tut, als die Hilfeberatungen in seiner Spielzeit und das waren nicht wenige um "Aufzuwachen"! Er hat andere durch seine Schuld sehr geschädigt, ich habe nirgends gelesen, dass er sich dafür öffentlich entschuldigt hat.
Kommentar 1: Brigitta S. schreibt am 24.09.2025, 17:08 Uhr :
Zur früheren Spielsucht hat die Digitalisierung noch mehr Süchtige geschaffen. Brachte Fluch, keinen Segen. Die Welt der Smartphones u.a. hat die große Spielsucht noch mehr in die Höhe getrieben, nicht die gewohnten Spielhöllen und Spiel-Casinos. Klein fängt der Spielende an, wen er ständig sein Handy zückt um eine Wartezeit hinter sich bringen zu müssen. Die Möglichkeit das es zu Sucht werden kann ist gegeben, weil man sie zuhause wegen Digital noch mehr frönen kann durch techn. Geräte. Das in Ballungsgebiete die Sucht zum Spielen sehr groß sich zeigt, dass wundert einem nicht mehr. Soziale Tatsachen spielen da eine große Rolle. Zum Bsp. Die Enge der Städte, Stress, Depression, finanzielle, berufliche Probleme, und das Gefühl (verarmt) vereinsamt zu sein. Sie verfallen immer mehr dem Suchtrausch, es setzt ihnen Glückshormone frei. Kinder bedürfen Rücksicht, aber wie, wenn alles nur noch digital in ihren Leben abläuft? Politik lässt alles laufen, schon ab den Kindesalter bei Digital.