Landgericht Siegen

Das Landgericht Siegen hat die Mutter und die Großeltern des Mädchens verurteilt

Richterin: "Sie war keine Monstermutter" Urteile im Fall des eingesperrten Mädchens in Attendorn

Stand:

Jahrelang wurde ein Mädchen in Attendorn eingesperrt. Jetzt sind die Urteile gefallen. Ihre Mutter soll für fünf Jahre in Haft. Dennoch sei sie keine "Monstermutter", so die Richterin.

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Mike Külpmann
,
Susanne Schoeppner
Susanne Schoeppner
und Andreas Poulakos

Im Fall um ein mehr als sieben Jahre lang eingesperrtes Mädchen in Attendorn im Sauerland hat das Landgericht Siegen am Montag das Urteil verkündet. Die 49 Jahre alte Mutter des Kindes muss für fünf Jahre in Haft. Das Gericht verurteilte die Mutter unter anderem wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Freiheitsberaubung und Verletzung von Erziehungspflichten.

Mutter lächelt bei Urteilsverkündung

Als das Gericht das Urteil bekannt gab, lächelte die Mutter. Sie schien das Urteil scheinbar entspannt aufzunehmen.

Auch die Großeltern, die das Handeln ihrer Tochter gedeckt hatten, wurden verurteilt: Die Großmutter wurde zu zwei Jahren, der Großvater zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt - die Strafen der Großeltern wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Richterin: "Keine Monstermutter"

In seiner Urteilsbegründung hatte das Gericht festgestellt, dass das Mädchen durch die lange Isolation um ihre Kindheit gebracht wurde. Das jetzt 12-jährige Mädchen ist in einer Pflegefamilie untergebracht. Laut Staatsanwaltschaft hatte die Mutter ihr Kind versteckt, um es dem getrennt lebenden Vater vorzuenthalten.

Die Richterin hat zudem gesagt, dass die Mutter "keine Monstermutter" gewesen sei. Das Mädchen sei nicht misshandelt worden. Auch Geburtstage, Ostern und Weihnachten wären gefeiert worden.

Der Prozess war Anfang des Jahres mit vielen Verzögerungen gestartet. Zunächst fehlte der Großvater. Dann sagte die Richterin den zweiten Verhandlungstag ab, weil die Mutter offenbar versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Seitdem war die Öffentlichkeit vom Verfahren ausgeschlossen.

Urteile im Fall eingesperrtes Mädchen in Attendorn

WDR 04.05.2026 00:43 Min. Verfügbar bis 03.05.2028

Download

Ein Blick nach Attendorn

Blick durch Gebüsch auf ein Einfamilienhaus.

Attendorn ist eine gemütliche Stadt. Die Fußgängerzone ist gepflegt, Menschen begegnen, grüßen und unterhalten sich. Viele Brunnen an unterschiedlichen Plätzen plätschern für eine entspannende Atmosphäre. Genau in dieser beschaulichen Stadt wird ein Mädchen mehrere Jahre lang eingesperrt. Isoliert vom Stadtleben und der Gesellschaft.

Die Passanten stellen sich einhellig die Frage, wie hier so etwas passieren kann. Man kenne sich, sagt Sina Haberkamp. "Attendorn ist eher ein Dorf. Unglaublich, dass das nicht aufgefallen ist. Die Familie des Mädchens hat ja am Leben hier teilgenommen." 

Warum hat niemand etwas mitbekommen?, fragen sich die Attendorner

Attendorn sei vom Klientel her eigentlich eine gehobenere Stadt, meint Carmen Berger. "Ich war schon sehr erschrocken, dass hier so etwas passieren kann. Das Kind wird wahrscheinlich sein Leben lang nicht mehr das aufholen können, was es verpasst hat. Es ist unfassbar."

Warum haben Nachbarn nichts mitbekommen, wundert sich nicht nur Berger. Auch Martin Untern beschreibt: "Dass so etwas so lange unentdeckt bleibt, das macht fassungslos." Er atmet tief durch.

"Das erschreckt. So wie früher, dass man in der Nachbarschaft aufeinander achtet, das ist wohl nicht mehr gegeben."  Martin Untern, Attendorner

Mitgefühl für Mädchen groß

Die Gedanken an das Mädchen und wie es ihm wohl gerade gehe, belegt Celina Plaßmann ein wenig die Stimme. "Man kann gar nicht einschätzen, was auch aus psychologischer Sicht passiert. Es war nicht anwesend im Kindergarten, In der Schule. Freunde, Familie, alle sozialen Kontakte fehlen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das Kind überhaupt nun leben oder sich an die Realität gewöhnen kann."

"Das Versagen sehe ich auch drum herum: Kindergärten, Jugendämter, Schulen, im Rathaus. Irgendwo hätte man doch etwas mitbekommen müssen?", fragt sich Carmen Berger. 

Dass diese Tat hart bestraft werden muss, findet Dietmar Lorbach unumgänglich. Besonders schlimm findet er die Tatsache, dass auch Oma und Opa beteiligt waren. "Das Handeln der Großeltern kann ich überhaupt nicht verstehen." Das Gericht hat die Strafen der Großeltern zur Bewährung ausgesetzt.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen der WDR-Reporter vor Ort
  • Staatsanwaltschaft Siegen
  • Interviews in Attendorn
  • Bisherige Berichterstattung

Sendung: WDR 2 Südwestfalen, Lokalzeit, 05.04.2026, 15.31 Uhr

Weitere Beiträge aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein

1 / 2