Nach dem Messerangriff eines Schülers auf eine Lehrerin an einem Essener Berufskolleg sieht sich die Stadt Essen in ihrem geplanten Sicherheitskonzept bestärkt. Bis 2030 sollen alle 104 Schulen in kommunaler Trägerschaft zu "sicheren Orten" werden. Das hatte der Rat bereits Anfang Juli beschlossen.
In der aktuellen Ratssitzung am Mittwoch (24. September 2025) wurde nun über die konkrete Umsetzung des Konzepts beraten. Es soll präventiv-pädagogische und baulich-technische Maßnahmen geben, die "unter Vorbehalt der zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen umgesetzt werden" sollen. Das Umsetzungskonzept wurde einstimmig beschlossen.
Die Tür kann erst wieder geöffnet werden, wenn der Drehknebel gelöst, oder von außen ein Generalschlüssel benutzt wird.
Flächendeckend werden pädagogische Projekte gegen Gewalt stattfinden, Lehrkäfte werden in Deeskalationstrainings geschult. Außerdem sollen die Gebäude mehr Schutz gegen Angriffe von außen bieten - etwa durch Sichtschutzfenster und spezielle Schließsysteme an Klassenzimmertüren, um Lehrer und Schüler etwa bei einem Amoklauf vor Eindringlingen zu schützen. Aber auch durch einheitliche Beschilderungen, um Rettungskräften im Notfall eine bessere Orientierung zu ermöglichen.
Schulen brauchen mehr Sozialpädagogen, die eine gute Bindung der Schüler zum Schulpersonal aufbauen. Annette Vogt, Schulleiterin der Gesamtschule Nord in Essen
Mehr Sozialarbeiter für eine gute Beziehungsarbeit
Annette Vogt, Schulleiterin der Gesamtschule Nord in Essen, begrüßt das neue Sicherheitskonzept der Stadt Essen. Allerdings dauere der Einbau der sicheren Schließzylinder viel zu lange. Möglicherweise profitiere ihre Schule erst in fünf Jahren von den Maßnahmen. "Mir ist vor allem die Beziehungsarbeit wichtig. Schulen brauchen mehr Sozialpädagogen, die eine gute Bindung der Schüler zum Schulpersonal aufbauen und Konflikte helfen, gewaltfrei zu lösen".
Besserer Austausch von Lehrkräften
Die Messerattacke eines Schülers gegen eine Lehrerin an einem Essener Berufskolleg am 5. September hat auch Annette Vogt und ihr Kollegium geschockt. "Die Übergabe von weiterführenden Schulen an Berufskollegs müsste besser laufen. Berufskollegs kennen ihre Schüler nicht so gut. Lehrkräfte sollten sich austauschen und frühzeitig auf schwierige Schüler aufmerksam machen".
Wir dürfen nicht alle Schüler mit hohem Förderbedarf an einem Standort sammeln, wir brauchen eine gute Durchmischung. Julia Gajewski, Schulleiterin der Gesamtschule Bockmühle in Essen
Hamburger Stadtteilschulen als Vorbild?
Julia Gajewski, Schulleiterin der Gesamtschule Bockmühle, geht das Sicherheitskonzept nicht weit genug. Sie findet, dass es sogar noch mehr zur Spaltung beitrage. "Langfristig brauchen wir eine neue Schulstruktur." Sie setzt auf Stadtteilschulen wie in Hamburg, die Schüler individuell fördern und ihnen alle Schulabschlüsse anbieten. "Unser Schulsystem führt zu Abschulungen und Chancenungerechtigkeit". An der Gesamtschule Bockmühle haben mehr als 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund, darunter viele Geflüchtete mit schlechten Deutschkenntnissen. "Wir dürfen nicht alle Schüler mit hohem Förderbedarf an einem Standort sammeln, wir brauchen eine gute Durchmischung".
So sieht das auch Achim Elvert, Schulleiter der Gesamtschule Ückendorf in Gelsenkirchen. Viele seiner Schüler leben in sozial prekären Verhältnissen "erfahren zuhause Gewalt", sind gefrustet und wollen sich mit Gewalt profilieren". Etwa einmal im Monat ruft er die Polizei. "Schulfremde, die Stress an seiner Schule machen", seien ein großes Problem.
Unsere Werte werden von einigen Familien nicht mitgetragen. Es gab Eltern, die von der Polizei in Handschellen abgeführt worden sind. Achim Elvert, Schulleiter der Gesamtschule Ückendorf in Gelsenkirchen
"Auch Eltern tragen mit zur Gewalt bei", sagt Achim Elvert. Sie geben ihren Kindern Messer mit, damit diese sich "wehren" können. Seit diesem Schuljahr hat Elvert die Schulordnung verschärft. Bei Verdacht dürfen Lehrkräfte Taschen eigenständig durchsuchen - "zur Entlastung der Polizei". Manche Eltern kommen sogar persönlich an die Schule und bedrohen Schüler oder Lehrkräfte, da "ihr Sohn geschlagen wurde". "Unsere Werte werden von einigen Familien nicht mitgetragen. Es gab Eltern, die von der Polizei in Handschellen abgeführt worden sind".
Schulen rüsten auf
Oberhausener Schulleiterin Erdmute Mondrowski
Auch Oberhausen setzt auf mehr Sicherheit. An allen weiterführenden Schulen soll ein neues Amok-Warnsystem installiert werden, das im Notfall eine bessere Kommunikation der Lehrkräfte untereinander und mit der Polizei ermöglicht. Erdmute Mondrowski ist Schulleiterin der Glück-Auf-Schule in Oberhausen. Sie und ihr Kollegium fühlen sich durch den neuen Alarm-Knopf sicherer.
Das Land NRW setzt in einem neuem Präventionskonzept auf mehr Polizeipräsenz auf Schulhöfen und im Unterricht, um mit Schülern ins Gespräch zu kommen und das Vertrauen in die Polizei zu stärken. Unter den 20 Pilotschulen ist auch eine Schule in Bochum.
Unsere Quellen:
- Reporterin vor Ort
- Stadt Essen
- Interviews mit Schulleitungen