Für vier Minuten konnte Schalke 04 sich Deutscher Meister nennen
WDR. 04:30 Min.. Verfügbar bis 19.05.2028.
Es ist der 19. Mai 2001. Der damals 16-jährige Bernd Schniedermeier ist gemeinsam mit seinem Vater, seinem Bruder und einem Freund im Parkstadion. Schalke führt bereits mit 5 zu 3 gegen die Spielvereinigung Unterhaching. "Plötzlich ploppte im Stadion Jubel auf und einer sagt, der HSV hätte das 1:0 gegen Bayern geschossen", sagt Schniedermeier.
Jubel auf Schalke kannte keine Grenzen
"Da brannte Jubel durch das ganze Stadion. Das Hallen habe ich noch heute im Ohr, das war der Hammer", sagt der heute 41-Jährige. Zu dem Zeitpunkt ist der FC Schalke 04 Deutscher Fußballmeister. "Der Puls war unfassbar hoch und es gab kein Halten mehr".
Schalke-Fan Bernd Schniedermeier mit einem Foto von 2001
Kurz danach wird das eigene Spiel von Schalke 04 gegen Unterhaching abgepfiffen. Dann brechen auf Schalke alle Dämme. Die Tore zum Innenraum werden aufgemacht, Fans strömen auf den Rasen.
Auch Schniedermeier liegt auf dem Spielfeld mit wildfremden Schalke-Fans in den Armen. Schalke-Manager Rudi Assauer ist ebenfalls auf dem Rasen, umgeben von einer Menschentraube. Ein Fernsehreporter teilt ihm mit, das Spiel in Hamburg sei abgepfiffen. Alle liegen sich in den Armen.
Spiel läuft noch auf Leinwand
"Wir haben einfach nur gejubelt und waren Deutscher Meister. Bis mir plötzlich mein Bruder auf die Schulter tippt und auf die Leinwand zeigt", sagt Schniedermeier. Die Blicke gehen hoch und die Fans sehen Szenen vom Fußballspiel aus Hamburg, wo der HSV gegen Bayern München spielt.
Tore wurden geöffnet im Stadion
Die meisten denken, die Bilder sind nicht live, sondern eine Wiederholung. "Als dann ein indirekter Freistoß im Strafraum von Hamburg gepfiffen wird, wurde es plötzlich ruhiger", sagt Schniedermeier.
Viele Fans im Parkstadion haben einen Walkman oder ein Transistorradio dabei, doch bei dem Jubel und Getöse ist es schwierig, die Radioreporter zu verstehen. Nach und nach realisieren die Fans aber, dass das Spiel in Hamburg doch noch nicht zu Ende ist.
Schalke-Legende Olaf Thon erinnert sich
Zu dem Zeitpunkt ist Schalke-Spieler Olaf Thon auf dem Weg in die Kabine. Der 35-Jährige war damals am Ende seiner Karriere und wurde im letzten Saisonspiel eingewechselt. In der Kabine wundert er sich, dass die Bildschirme laufen mit Bildern aus Hamburg.
Olaf Thon erinnert sich an Schalkes Meisterschaft der Herzen
Kabinentür eingetreten
"Wir Spieler haben dann die Arme um die Schultern gelegt und gebannt auf diesen Freistoß geguckt", sagt die Schalke-Legende. In dem Moment ist es totenstill in der Kabine. "Als das Tor gefallen ist, hat irgendeiner die Kabinentür eingetreten. Wir waren alle brutal am Boden zerstört", erzählt er im WDR-Interview.
Große Trauer bei den Anhängern des S04 im Mai 2001
Und auch Schniedermeier ist auf dem Rasen des Parkstadions vor Schock erstarrt. "Als der Ball im Tor war, war die Atmosphäre gespenstisch. Da haben sich erwachsene Männer heulend in den Armen gelegen", erzählt er. Im Hintergrund fliegen Feuerwerkskörper. Fans wissen nicht, wohin mit ihren Emotionen.
Schalke-Trainer muss erst abschalten
Für vier Minuten Meister: Auch der damalige Schalke-Trainer Huub Stevens hat die Bilder noch genau vor Augen. "Ich hab das aber erst viel später realisieren können", erzählt er. "Den Abend habe ich ganz alleine verbracht im Hotelzimmer im Schloss Wittringen. Meine Frau und die Kinder sind nach Hause gefahren".
Brauchte Zeit, um den Tag zu verarbeiten: Huub Stevens
Im Hotelzimmer trinkt er dann ein Glas Weißwein, um runterzukommen. "Dabei sind auch ein paar Tränen geflossen, aber ich war auch stolz auf die Jungs". Noch heute tauschen sich die "Meister der Herzen" in einer Whatsapp-Gruppe regelmäßig aus. Und blicken natürlich auch nach 25 Jahren mit Wehmut auf die Szenen im Parkstadion.
Emotionale Rückfahrt
Schniedermeier ist damals nach dem Spiel mit seinen Jungs im Auto nach Hause gefahren. "Auf der Rückfahrt haben wir mindestens dreißig Mal die Szene besprochen, die zu dem blöden Tor von Bayern geführt hat", erinnert er sich. "Die Bayern geben halt nie auf. Aber Schalke kann es mittlerweile auch besser".
Unsere Quellen:
- Interview mit Schalke-Fan Bernd Schniedermeier
- Interview mit dem ehemaligen Schalke-Spieler Olaf Thon
- Interview mit dem ehemaligen Schalke-Trainer Huub Stevens
Sendung: WDR.de, 25 Jahre Schalke Meister der Herzen, 19.05.2026, 05:01 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 19.05.2026, 19:30 Uhr

