AfD lässt Migranten in Gelsenkirchen Straße putzen
WDR. 05:08 Min.. Verfügbar bis 05.06.2028.
Entsetzen über Video : AfD lässt Migranten in Gelsenkirchen putzen
Stand:
Die AfD filmt, wie sie Migranten in Gelsenkirchen die Straße putzen lässt. Ein Pfarrer schlägt Alarm. Mittlerweile hat das Landesnetzwerk der Sinti und Roma gegen Antiziganismus in NRW e.V. Strafanzeige wegen möglicher Volksverhetzung erstattet. So reagieren Betroffene und Anwohner.
"Diese Menschen müssen unsere Stadt verlassen", ruft Enxhi Seli-Zacharias in die Kamera. Dazu dramatische Musik und Aufnahmen von Müllbergen, Schmierereien und mit Holzlatten verrammelten Schaufenstern. So startet das Video, das die AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen kürzlich auf ihrem Instagram-Kanal gepostet hat - und das für Entsetzen in der Stadt sorgt.
In dem Video zieht Seli-Zacharias mit rund zehn weiteren AfD-Politikern - darunter der stellvertretende Bürgermeister Norbert Emmerich - und ausgestattet mit Besen und Kehrblech durch den Stadtteil Ückendorf. Lautstark fordert sie Anwohner mit Migrationshintergrund dazu auf, die Straße zu putzen. Betroffen sind vor allem Sinti und Roma. Einige von ihnen kommen der Aufforderung nach und kehren vor ihrer Haustür.
Mittlerweile hat das Landesnetzwerk der Sinti und Roma gegen Antiziganismus in NRW e.V. Strafanzeige wegen möglicher Volksverhetzung gegen Seli-Zacharias erstattet.
Pfarrer antwortet mit Kritik-Video
Markus Pottbäcker, katholischer Pfarrer aus Gelsenkirchen
Markus Pottbäcker macht das Video fassungslos. Der katholische Pfarrer hat sich nach der Veröffentlichung des AfD-Videos als einer der ersten zu Wort gemeldet und selbst ein Video veröffentlicht, in dem er das Vorgehen der AfD scharf kritisiert. Er sieht einen Tabu-Bruch.
"Es ist eine neue Dimension: In einen Stadtteil zu gehen, Menschen anzugehen, ihnen Reinigungsgeräte in die Hand zu drücken, sie zu duzen, so zu tun, als wäre man die Herrin des Verfahrens. Das halte ich für gefährlich." Markus Pottbäcker, katholischer Pfarrer
Forscher zu AfD-Video: Parallelen zum NS-Regime
Karim Fereidooni, Rassismusforscher an der Ruhr-Universität Bochum, sieht in dem Video eine neue Strategie der AfD: "Bisher war das Teil der Sprache, aber jetzt schreitet man zur Tat und konfrontiert die Menschen da, wo sie wohnen", sagt er.
Fereidooni sieht hier Parallelen zum NS-Regime: "Die öffentliche Demütigung gab es schon mal. Von 1933 bis 1945 wurden etwa Sinti und Roma oder Juden auch gezwungen, vor der Haustür zu kehren und dann wurden sie deportiert. Die Botschaft lautet: 'Ihr seid nirgendwo sicher.'"
Freiwillig geputzt? Betroffene widersprechen AfD-Aussage
Enxhi Seli-Zacharias, AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen
Seli-Zacharias sagt im WDR-Interview, sie habe mit dem Video auf die Lage vor Ort aufmerksam machen und ihre Erwartungen an die Menschen richten wollen. Sie behauptet: "Das hat dazu geführt, dass Menschen aus der Roma-Community sogar freiwillig sauber gemacht haben."
Aber war das wirklich freiwillig? Der WDR spricht mit mehreren Menschen, die gesehen haben, wie die AfD mit über zehn Personen und mit Kamera, Besen und Kehrblech ausgerüstet nach Ückendorf kam. Einige Anwohner, die aus Angst vor der AfD unerkannt bleiben wollen, berichten, dass die betroffenen Menschen von der Gruppe eingeschüchtert gewesen seien und aus Angst zum Besen gegriffen hätten.
Gottesdienst der Sinti und Roma in Gelsenkirchen-Ückendorf
Wir sprechen auch mit der betroffenen Gruppe selbst: den Sinti und Roma. Da viele kaum Deutsch sprechen, hilft eine Übersetzerin bei den Gesprächen. Die meisten wollen aus Angst vor der AfD ebenfalls nicht erkannt werden.
"Ich wollte das nicht machen. Aber die haben gesagt: 'Du musst putzen'", erzählt etwa ein Mädchen, das auch in dem AfD-Video auftaucht. Mehrere weitere Menschen bestätigen uns das am Rande eines Gottesdienstes der Sinti und Roma in Ückendorf. Hier treffen wir Adrian Ion. Er hat den AfD-Dreh miterlebt und ist als einziger dazu bereit, offen über die Erlebnisse zu sprechen.
Sinti und Roma in Gelsenkirchen: Verärgerung über AfD-Video
Adrian Ion, Vertreter der Sinti und Roma in Gelsenkirchen-Ückendorf
"Sie wollten uns beibringen, wie man sauber macht", erzählt Ion. Von Freiwilligkeit könne dabei keine Rede sein: "Sie sind zu uns gekommen und haben uns gezwungen, sauber zu machen", sagt er. Die Sinti-und-Roma-Community habe das verärgert.
"Wir sind doch auch vernünftige Menschen und denken selbst darüber nach, wie wir aufräumen können. Aber genau das ist der Punkt: Sie wollen uns als Dummköpfe hinstellen." Adrian Ion
Stadt versucht gegen Probleme vorzugehen
Beschwerden über Lärm, Dreck und hohe Kriminalität gibt es in Ückendorf immer wieder. Die Stadt hat deshalb vor Ort bereits eine Anlaufstelle von Polizei, Ordnungsamt und Sozialarbeitenden eingerichtet. Ihre Präsenz soll für mehr Sicherheit sorgen und präventiv wirken. Bürgerinnen und Bürger sollen sich auch direkt an die Mitarbeiter wenden können.
Leerstehende und beschmierte Ladenlokale auf der Ückendorfer Straße
Der WDR spricht mit zahlreichen Anwohnern in Ückendorf darüber, wie sie den Zustand ihres Viertels wahrnehmen. Wieder wollen nur wenige offen über ihre Erfahrungen sprechen - die einen aus Angst vor den Migranten, die anderen aus Angst davor, selbst ins Visier der AfD zu geraten.
Anwohner in Ückendorf: Gemischte Erfahrungen mit AfD-Aktion
Einige berichten von Belästigungen und Beschimpfungen durch Sinti und Roma, von viel Dreck auf den Straßen, dass sie sich teils nicht sicher fühlen, eine "Parallelgesellschaft" wahrnehmen. Andere haben keine Probleme und erzählen, dass Sinti und Roma ihnen in schwierigen Situationen aktiv Hilfe angeboten hätten.
AfD-Wähler aus Gelsenkirchen kritisiert AfD-Video
Meik Metzelder, Anwohner aus Gelsenkirchen-Ückendorf
Anwohner Meik Metzelder spricht offen über das Thema. Das Zusammenleben in Ückendorf sei "sehr kompliziert", er berichtet etwa davon, dass Frauen und Mädchen bedrängt worden seien. Er selbst wähle die AfD und kenne auch das Video von Enxhi-Seli Zacharias. Das sieht er mit gemischten Gefühlen.
"Ich finde das auf der einen Seite gut, auf der anderen nicht. Wenn, dann sollte die ganze Bevölkerung hier einbezogen werden und nicht nur einzelne Personengruppen." Meik Metzelder, Anwohner und AfD-Wähler
Auch Pfarrer Markus Pottbäcker sind die Probleme in Ückendorf bewusst. "Es wäre verrückt, das zu leugnen", meint er. Doch das Vorgehen der AfD hält er für falsch. "Ich finde, wir können diese Probleme nicht dadurch lösen, dass wir sagen: ‚Diese Menschen sind allein dafür verantwortlich.‘“
Gelsenkirchens Oberbürgermeisterin äußert sich nicht
Politische Reaktionen auf das AfD-Video bleiben dagegen wochenlang aus. Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD) kann sich auf WDR-Anfrage nach eigenen Angaben aus terminlichen Gründen nicht zum Video äußern. Die Gelsenkirchener SPD veröffentlicht in dieser Woche schließlich ein Video auf Instagram, in dem sie das Vorgehen der AfD verurteilt. Die CDU kritisiert die AfD im WDR-Interview:
"Es gibt Problemstellen in dieser Stadt, denen wir begegnen müssen. Aber hier werden Menschen missbraucht, um politische Botschaften zu übermitteln." Hobie Fischbach, Kreisvorsitzender CDU Gelsenkirchen
AfD reagiert auf Kirchen-Kritik
Auf umso größere Resonanz stieß dagegen Pottbäckers Video bei der AfD. Enxhi Seli-Zacharias veröffentlichte kurz darauf wiederum ein Video. Sie und weitere AfD-Politikerinnen und Politikern stehen vor einer katholischen Kirche in Ückendorf, greifen nun selbst zum Besen und fegen den Boden.
Eine Provokation, die Pottbäcker gelassen nimmt: "Das ist eine Reaktion, die zu erwarten war. Offensichtlich hat es diese Personen im Innersten getriggert, darauf so reagieren zu müssen." Zugleich hat die AfD aber bereits angekündigt, solche Rundgänge wie den in Ückendorf künftig häufiger machen zu wollen.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Markus Pottbäcker, katholischer Pfarrer
- WDR-Interview mit Karim Fereidooni, Rassismusforscher der Ruhr-Universität Bochum
- WDR-Interview mit Enxhi Seli-Zacharias, AfD-Landtagsabgeordnete
- WDR-Interview mit Hobie Fischbach, Kreisvorsitzender der CDU Gelsenkirchen
- WDR-Interview mit Adrian Ion, Vertreter der Sinti und Roma in Gelsenkirchen-Ückendorf
- WDR-Gespräche mit Anwohnerinnen und Anwohnern in Ückendorf
- WDR-Gespräche mit Mitarbeitenden des Ordnungsamtes und der Stadt Gelsenkirchen
- Beobachtungen zweier WDR-Reporter vor Ort
Sendung: WDR.de, AfD lässt Migranten in Gelsenkirchen Straße putzen, 05.06.2026, 11:34 Uhr
Sendung: WDR 2 Rhein und Ruhr, Lokalzeit, 05.06.2026, 07:31 Uhr
