Ein Einschüchterungsversuch, offenbar mit System: Ein russisches Gericht hatte gegen Tilly im vergangenen Jahr ein Strafverfahren eingeleitet. Schon mehrfach hatte der Künstler für den Düsseldorfer Rosenmontagszug Wagen entworfen, die Präsident Putin als blutrünstigen Kriegstreiber darstellen. Am Mittwoch wird vor einem Moskauer Gericht verhandelt. Tilly selbst wird aber nicht anwesend sein.
WDR: Herr Tilly, im Dezember hieß es ja eigentlich auch schon, dass der Prozess jetzt losgeht. Was ist denn in der Zwischenzeit passiert?
Jacques Tilly vor Anti-Putin Karnevalswagen
Jacques Tilly: Ich habe bis heute aus Russland überhaupt nichts gehört, noch nicht mal einen Brief oder eine Vorladung oder irgendetwas bekommen. Also, das findet völlig unter ferner liefen statt, dieser Prozess. Und für mich ist die russische Justiz eine Blackbox. Ich weiß nicht, was die machen. Ich weiß nicht, wie in einem Unrechtsstaat die Simulation von Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Ich habe absolut keine Ahnung und bin genauso Zuschauer wie alle anderen auch.
WDR: Was wirft Ihnen Russland vor?
Jacques Tilly: So wie ich das mitbekommen habe, geht es um Falschmeldungen über die russische Armee, was erstmal schon unsinnig ist. Denn ich habe eigentlich eher den obersten Kriegsherrn angeblich diffamiert - natürlich satirisch durch den Kakao gezogen, wie es auch mein Job verlangt. Dann würde ich Hass verbreiten und ich hätte irgendwie eigennützige Motive, was immer man sich darunter vorstellen kann.
Ich denke mal, das sind Standard-Anklagepunkte gegen jeden kritischen Russen oder gegen jeden Russen, der sich irgendwie kritisch über den Krieg geäußert hat. Und das trägt jetzt eben bei mir auch. In Wirklichkeit wird einfach die Möglichkeit der Kritik und der satirischen Kritik an deren geliebtem Zar Putin geahndet. Darum geht es ja.
WDR: Sie werden vom Auswärtigen Amt unterstützt. Also ist das vielleicht doch ein bisschen mehr als nur so ein ferner Prozess in Moskau, der irgendwie stattfindet, aber Sie nicht weiter betrifft?
Jacques Tilly: Das ist schwierig einzuschätzen, was das für Auswirkungen hat. Solange ich nicht in irgendwelche Länder reise, die ein Auslieferungsabkommen mit Moskau haben, passiert erstmal nichts. Oder solange nicht wirklich schlimmere Dinge vom russischen Geheimdienst SFB mir gegenüber geplant sind, betrifft mich das erstmal nur indirekt.
Aber es kann natürlich in vielen Jahren Auswirkungen haben, wenn wir eine andere politische Szene in Deutschland haben, vielleicht die Büchsenspanner Russlands von der AfD hier die Macht ergreifen, dann kann das schon anders aussehen.
Putin-Figur vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag
Im Moment hält sich die Bedrohlichkeit noch in Grenzen, aber ich finde es eigentlich schon ein sehr starkes Stück, was da gerade passiert ist. Es ist jenseits aller Verhältnismäßigkeit. Es ist absolut unsouverän, satirische Pappfiguren vor den Kadi zu zerren, auch für ein Unrechtsregime wie das von Putin. Also, ich bin eigentlich sprachlos, muss ich sagen.
WDR: Wir kennen das aus unserer Berichterstattung: Ukraine und Russland - das sind Themen, wo es manchmal zu hässlichen Kommentaren kommt. Wie ist das bisher für Sie?
Jacques Tilly: Ich bin ja aus bestimmten Gründen schon immer nicht auf Social Media gewesen, weil ich immer dachte: Wenn das mal in falsche Hände kommt. Und im Moment ist es in falschen Händen. Social Media ist im Moment von Hightech-Tycoons beherrscht, die ein autoritäres Weltbild vertreten. Das heißt, man muss mich schon anmailen oder anrufen und da erreicht mich sehr viel Zuspruch aus allen Teilen Deutschlands. Denn das ist ja ein Prozess, der bundesweit in den Medien aufgenommen wurde.
Aber natürlich gibt es auch die üblichen Hater vom rechtsextremen Rand vielleicht oder irgendwelche Paranoiker, die mir noch viel mehr Prozesse an den Hals wünschen und die das alles für richtig halten. Das gibt es natürlich auch. Wir wissen ja, wie gespalten die Gesellschaft in in vielen Fragen ist und und wie sehr sich paranoide Weltbilder oder eben rechtsextreme Narrative durchsetzen in in vielen Köpfen.
WDR: Wie politisch werden denn die Wagen von Jacques Tilly in diesem Jahr? Stoff ist ja reichlich vorhanden - Courage auch, oder?
Jacques Tilly: Natürlich brauchen wir wieder unsere zwölf politischen Wagen. Das ist ja immer unsere Zahl und da müssen wir das weltpolitische und auch bundespolitische Geschehen natürlich närrisch kommentieren. Ich darf aber natürlich nicht sagen, um was es geht, denn wir haben ja in Düsseldorf immer strengste Geheimhaltung. Darum werde ich nicht verraten, ob wir hier einen oder mehrere Putins fahren lassen, welches Thema uns gerade besonders politisch erregt und welches es in eine Pappmaché-Figur bringt. Also, da muss ich leider strengstes Stillschweigen wahren.
WDR: Aber Sie haben auch wahrscheinlich nichts zurückgezogen aufgrund dieser Anklage, oder?
Jacques Tilly: Es ist schon immer die Aufgabe des Narren gewesen, einmal im Jahr der Obrigkeit in die Suppe zu spucken, um das mal deutlich zu sagen. Das ist das jahrhundertealte Privileg und das machen wir natürlich weiterhin und es kriegt natürlich nicht nur Putin einen drüber, sondern alle Despoten, Demagogen und Diktatoren.
Auch bundesdeutsche Politiker, die etwas haben anbrennen lassen oder wo Machtmissbrauch oder Fehlentwicklungen stattfinden, werden bei uns in die Pfanne gehauen. Das wird weiterhin in genau derselben Intensität geschehen, wie die Leute das aus Düsseldorf gewohnt sind. Also da gibt es keine Abstriche.
Das wäre auch noch schöner, wenn wir da irgendwie jetzt kuschen würden. Das ist ja genau das, was die Moskauer Richter oder diejenigen, die den Prozess initiiert haben, vielleicht intendiert haben, dass wir jetzt vorsichtiger sind oder oder was auch immer. Und das wird natürlich, solange es erstmal nur bei einem Strafverfahren bleibt und nichts Schlimmeres passiert, dabei bleiben.
Unsere Quelle:
WDR-Interview mit Jacques Tilly
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 28.01.2026, ab 6 Uhr.
Hinweis der Redaktion: Wir haben das Interview zur besseren Lesbarkeit an mehreren Stellen leicht angepasst. Das Gespräch führte WDR-Moderatorin Andrea Oster.