Russland verklagt Karnevalswagenbauer Jacques Tilly | Aktuelle Stunde

01:31 Min. Verfügbar bis 18.12.2027

Russland verklagt Jacques Tilly: Welche Taktik dahinter steckt

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Ein russisches Gericht leitet gegen den Karnevalswagenbauer Tilly ein Strafverfahren ein. Ein Einschüchterungsversuch, offenbar mit System. Was dahinter steckt.

Von Nina Magoley

Er habe zunächst an einen Scherz geglaubt, sagt der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly: Am Mittwochabend habe der putinkritische Verein "Freies Russland NRW" angerufen und ihn über ein Strafverfahren gegen ihn in Moskau informiert. "Ich hab erstmal gegrinst von einem Ohr zum anderen", sagte Tilly dem WDR. Doch am Donnerstag habe sich die Geschichte dann als real erwiesen – "als Realsatire", wie der 62-Jährige ergänzt.

Das russischsprachige Nachrichtenportal "Ostorozhno, Novosti" hatte auf Telegram gemeldet, dass gegen den deutschen Künstler ein Verfahren wegen "Fälschungen über die Armee" eingeleitet worden sei. Grund seien "Arbeiten, die Putin beleidigen". Tilly werde beschuldigt, "aus eigennützigen Motiven und mit politischem Hass Fälschungen über die Armee zu verbreiten".

Laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa ist der Fall am 15. Dezember bei Gericht eingereicht worden, die erste Anhörung für den 24. Dezember angesetzt. So steht es demnach auf der Internetseite des Moskauer Basman-Gerichts. Inzwischen haben auch zahlreiche größere Medien in Russland die Nachricht übernommen, sagt Yuri Nikitin, Vorstandsvorsitzender von "Freies Russland NRW", dem WDR am Donnerstag.

Neuer Artikel im russischen Strafgesetz

Im März 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, war ins russische Strafgesetzbuch der neue Artikel 207.3 aufgenommen worden, die Grundlage für die Entscheidung des Gerichts. Demnach sollen "wissentlich falsche Informationen über den Einsatz der Streitkräfte der Russischen Föderation" bestraft werden. In einem Interview mit der russischen Nachrichtenagentur Tass im März 2025 hatte der Vorsitzende des russischen Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, erklärt, dass mittlerweile über 600 Strafverfahren "wegen der Verbreitung von Falschnachrichten und der Verunglimpfung der Streitkräfte" eingeleitet worden seien. 113 Personen seien bereits vor Gericht gestellt worden.

Der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa blickt zu Beginn der Sitzung der FDP-Bundestagsfraktion in die Kamera des Fotografen (2020).

Der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa

Zu den bekannteren Fällen aus Russland gehört nach WDR-Informationen der russisch-britische Journalist Vladimir Kara-Mursa, der im April 2023 wegen Hochverrats zu 25 Jahren Strafkolonie verurteilt wurde. Auch ihm wurde die Verbreitung von "Falschinformationen über die Armee" nach Artikel 207.3 vorgeworfen. Kara-Mursa hatte kritisch über das Vorgehen Russlands im Ukraine-Krieg berichtet.

Verein: Auch Studentin aus Bonn betroffen

Allerdings reiche der Arm des russischen Gesetzes längst auch bis nach NRW, sagt Yuri Nikitin vom Verein "Freies Russland NRW": So wurde eine Studentin aus Bonn, ebenfalls Vereinsmitglied, in Abwesenheit zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatte in ihrem Telegramkanal ein russlandkritisches Video gepostet.

Ziel: Einschüchterung

Das Vorgehen sei Teil einer Taktik, um auch hierzulande Menschen einzuschüchtern und daran zu hindern, sich gegen Russland zu solidarisieren, sagt Nikitin. Das sei bereits im Verein spürbar: Manche Menschen müssten sich beispielsweise die Möglichkeit offenhalten, nach Russland einreisen zu können. Wenn man erstmal auf dem Radar der russischen Behörden sei, gehe das nicht mehr, ohne ein großes Risiko einzugehen.  

Mai, 2024: Der deutsche Karnevalswagenbauer Jacques Tilly mit seinem Putin-Wagen während einer Protestaktion vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Putin-Figur vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag

Jetzt traf es den Düsseldorfer Jacques Tilly. Schon mehrfach hat Tilly für den Düsseldorfer Rosenmontagszug Wagen entworfen, die Putin als blutrünstigen Kriegstreiber darstellen. Im Mai 2024 hatte er im Auftrag des Vereins "Freies Russland NRW" einen Pappmaché-Putin in Handschellen gebaut und die Figur nach Den Haag vor das Gebäude des Internationalen Gerichtshofs gestellt.

Tilly: Die Geschichte am "Rosenmontag irgendwie verwursten"

Jacques Tilly

Tilly: "Völlig unangemessen und lächerlich"

Der Düsseldorfer Satirekünstler nimmt die russische Strafanzeige gegen ihn bislang gelassen: Ihm sei schon lange klar, "dass Russland kein Rechtsstaat ist", so Tilly gegenüber dem WDR. "Wenn die Regierung kriminell ist und sich die Gerichte dem unterworfen haben, dann ist natürlich auch die Gerichtsbarkeit kriminell." Deswegen nehme er das Ganze nicht ernst, und werde die Geschichte "selbstverständlich Rosenmontag in irgendeiner Weise verwursten".

Satirische Kunst vor Gericht zu bringen, halte er für "völlig unangemessen und einfach lächerlich". Sie sollte "auf der Straße wirken, die Leute wütend machen, zum Lachen bringen". Angst habe er keine, sagt Tilly: "Es ist immer eine gefährliche Sache wenn Despoten, Demagogen und Diktatoren die Narren kurz vor Rosenmontag reizen. Das sollte man nicht machen."

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Jacques Tilly
  • WDR-Interview mit Yuri Nikitin vom Verein "Freies Russland NRW"
  • Nachrichtenagentur dpa
  • WDR-Informationen
  • Russisches Nachrichtenportal Ostorozhno Novosti
  • Russische Nachrichtenagentur Tass

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 18.12.2025, 18.45 Uhr

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