Einsam auf dem Wochenmarkt in Lübbecke

WDR 03:18 Min. Verfügbar bis 01.05.2028

Nur drei Händler übrig Bäcker will Lübbecker Wochenmarkt retten

Stand:

Der Lübbecker Wochenmarkt kämpft ums Überleben. Doch ein Mann will dem Niedergang nicht tatenlos zugucken.

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Luca Peters

An schlechten Tagen steht Bäcker Dominik Stuwe ganz alleine auf dem Lübbecker Marktplatz. Seit Jahren kämpft der Wochenmarkt ums Überleben. Weniger Kunden, noch weniger Händler. Geblieben ist einer, der den Niedergang nicht weiter hinnehmen will.

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Lübbecker Marktplatz ohne Leben

Mittwochmorgen, kurz nach 7 Uhr. Über dem Marktplatz in Lübbecke geht gerade die Sonne auf, als Dominik Stuwe das Verkaufsfenster seines Anhängers nach oben klappt. Das könnte heute endlich mal wieder was werden, sagt er. Immerhin kein Regen. Doch so richtig passt das Wetter nicht zu seiner Stimmung. Stuwe ist wütend.

Seit Jahren muss der Bäcker mit ansehen, wie der Wochenmarkt seiner Heimatstadt in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. "In Lübbecke wohnen 26.000 Menschen und hundert davon gehen auf den Markt. Das gibt es doch nicht." Früher, erzählt er, waren sie hier zu neunt. Ein Blumenhändler, ein Käsewagen, ein Fleischer. Keiner von ihnen ist mehr da. "Manchmal gehe ich mit 100 Euro nach Hause. Da fragt man sich schon, wofür man morgens überhaupt aufgestanden ist."

Lübbecker Wochenmarkt: Aus der Zeit gefallen

In Stuwes altersschwachem Verkaufsanhänger liegt alles bereit für den Kundenansturm. Falls der denn jemals kommen sollte. Graubrot, Schweineohren, Puddingbrezeln. Stuwe lebt für seine Arbeit. Sein Wohnhaus liegt direkt hinter der Backstube im kleinen Dörfchen Gehlenbeck. Hinten wird gebacken, vorne verkauft.

Bäcker Dominik Stuwe vor seiner Backstube

Der Lübbecker Bäcker Dominik Stuwe vor seiner Backstube

Im hart umkämpften Backwarenmarkt ist der 49-Jährige mit seiner einen Filiale kein wirklicher Player, das weiß auch Stuwe. "Aber bei uns gibt es noch echte Handarbeit", meint er.

Hinter dem Tresen seines Wagens hat Stuwe die Übersicht des Lübbecker Wochenmarktes genau im Blick. Links ein 95-Jähriger, der Forellen aus dem Kofferraum seines Bullys verkauft. Auf 12 Uhr drapiert eine ältere Verkäuferin bunt bemalte Hühnereier vor ihrem Wagen. Dabei ist Ostern bereits vorbei.

Ein leerer Platz mit Pflastersteinen, auf dem hinten vereinzelt Transporter und Marktstände stehen.

Wie leergefegt: der Lübbecker Wochenmarkt

Der Lübbecker Wochenmarkt hat, so scheint es jedenfalls, den Anschluss an die Gegenwart verloren. Ein "Trauerspiel" nennt Stuwe das. Aber was kann er schon dagegen tun?

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Wochenmärkte zwischen Erfolg und Krise

Wer sich überzeugen will, wie ein Wochenmarkt auch aussehen kann, braucht dafür nicht weit zu fahren. In Espelkamp, zehn Autominuten von Lübbecke entfernt, findet jeden Freitag der größte Wochenmarkt im nördlichen Ostwestfalen statt. Knapp 20 Händler stehen hier, vom Kleidungsverkäufer bis zum Süßigkeitenstand. "Wahnsinn", findet Stuwe. "Unglaublich, was da abgeht."

Für Olaf Lenz, Vorsitzender beim Bundesverband der Marktkaufleute, ist das weniger unglaublich. Kunden würden es honorieren, sagt der Fischhändler aus Hamburg, wenn sie einen Großteil ihres täglichen Einkaufs direkt auf dem Wochenmarkt erledigen könnten.

Produkte aus der Region vielen Kunden zu teuer

Gut sortierte Wochenmärkte wie in Espelkamp sind Stuwes Vorbild. Irgendwann, so träumt er, soll es auch auf dem Lübbecker Marktplatz wieder so aussehen. Doch das könnte schwierig werden, meint Lenz. Er beobachtet seit Jahren einen Rückgang der Händlerzahl auf deutschen Wochenmärkten. Es fehle an Nachwuchs - und ja, oft auch an Kunden, die bereit seien, für Produkte aus der Region einen Aufpreis zu bezahlen.

Laut Marktforschern der Gesellschaft für Konsumforschung entfielen 2023 lediglich 1,1 Prozent der Verbraucherausgaben bei frischen Lebensmitteln auf Wochenmärkte. Weniger Kunden bedeuteten weniger Händler und weniger Händler wiederum weniger Kunden. "Das ist ein Teufelskreis", meint Lenz.

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Wochenmarkt-Retter zum Mindestlohn

Seit Kurzem hat Bäcker Stuwe bei der Stadt Lübbecke einen Nebenjob. Der Bürgermeister hat ihn hochoffiziell zum "Marktmeister" der Stadt ernannt. Für 603 Euro im Monat soll Stuwe den Lübbecker Wochenmarkt zu längst abhanden gekommener Stärke zurückführen. Eine sowieso schon "sauschwere" Aufgabe, findet Stuwe, die ihm die städtischen Entscheidungsträger nicht gerade einfacher machen.

Während sich der Marktplatz langsam füllt, lässt die Stadt Lübbecke ein paar Meter weiter mit Laubbläsern das Kopfsteinpflaster reinigen. "Ich hatte schon Leute bei mir, die gesagt haben: Auf dem Markt in Lübbecke ist es so laut, wir fahren weiter." Mit dem WDR möchte die Stadt nicht über die Probleme auf dem Wochenmarkt reden. "Datenschutz" heißt es aus dem Ordnungsamt.

Bei Anruf Stuwe

Bäcker Stuwe weiß, wie schlecht es um seinen Wochenmarkt steht. 60 E-Mails hat er in den vergangenen Wochen an Händler verschickt. Einmal hat jemand geantwortet. Doch ans Aufgeben denkt Stuwe nicht. Mit dem Handy am Ohr tigert er über den Lübbecker Marktplatz. Seine neuste Taktik: Kaltakquise am Telefon.

"Die Lübbecker vermissen sie", umgarnt Stuwe einen Feinkosthändler. "Die wollen wieder ihre Oliven kaufen". Einer anderen Verkäuferin fehlt der Verkaufsanhänger, doch ein Spargelhändler aus Rahden kündigt sein Kommen an. Da ist es endlich, Stuwes Erfolgserlebnis. "Es ist nur ein Händler, aber das ist wirklich toll."

Ein paar Brötchen und Kuchen liegen in einer Auslage.

Ein paar Brötchen und Kuchen blieben bei Bäcker Dominik Stuwe übrig

Irgendwann gegen Mittag, da hat der Bäcker gerade Feierabend, schickt Stuwe noch ein Foto auf WhatsApp. Die Überreste eines Tages auf dem Lübbecker Wochenmarkt. Viel ist es nicht, was übrig geblieben ist. Ein paar Brötchen, ein bisschen Kuchen. Über 100 Kunden hat er heute bedient, so viele wie selten. Stuwes Botschaft ist klar: Der Lübbecker Wochenmarkt ist noch nicht am Ende.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
  • Gespräch mit Olaf Lenz, Vorsitzender beim Bundesverband der Marktkaufläute
  • Nachrichtenagentur dpa

Sendung: WDR.de, Einsam auf dem Wochenmarkt in Lübbecke, 01.05.2026, 07:04 Uhr

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