In seiner Backstube verziert Nils Thiede Pralinen und Törtchen
Süßes Handwerk, harter Alltag: Wie ein 25‑Jähriger seinen Traum lebt
Stand:
Wenn Konditormeister Nils Thiede in seiner Backstube Pralinen und Törtchen verziert, erinnert es an Malerei in einem Atelier. Hier noch ein paar Tropfen rote Kirschglasur, da noch eine Prise Mandelsplitter. Ob der 25-Jährige mit viel Liebe für sein Handwerk auf dem Wochenmarkt im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück bestehen kann?
Die Nacht war kurz. Nils Thiedes Augen sind noch ein bisschen verschlafen, als er sein kleines Verkaufszelt auf dem Wochenmarkt in Wiedenbrück aufbaut. Es ist 6 Uhr. Bis tief in die Nacht hat er in seiner Küche im Keller des Elternhauses an den Produkten gefeilt. Jetzt glänzen rote Törtchen, gelbe Macarons und fein gearbeitete Schokopralinen im trüben Morgenlicht. "Markt steht für Frische und da ist so ein Stand wie meiner, glaube ich, eine coole Ergänzung", sagt der 25-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht.
Der Markttag verspricht, ein anstrengender zu werden. Die Luft ist frostig. Möglicherweise soll es noch regnen. Thiede ist dick eingepackt. Mit Schal und Wollmütze. Bei schlechtem Wetter verirren sich nicht so viele Menschen auf den Markt. Er versucht, gelassen zu bleiben. "Letzten Endes muss man immer das Beste daraus machen und freut sich umso mehr, wenn die Leute sich raustrauen."
Heimatfutter: Ein Leben für die Bonbons: Die eigene Produktion
Lokalzeit OWL. 02.03.2026. 04:04 Min.. Verfügbar bis 02.03.2028. WDR. Von Christian Saftig.
Liebe für das Handwerk
Nils Thiede ist gelernter Bäcker- und Konditormeister. Ihn fasziniert die Arbeit mit dem Rohstoff Zucker. Vielfältigkeit und Kreativität sind ihm wichtig. "Backen fand ich schon immer gut, schon als kleines Kind in meiner Spielküche", erzählt er.
Seine Leidenschaft hat er zum Beruf gemacht. Dafür ist Nils Thiede viel auf Achse. Unter der Woche lebt er in Berlin. Dort arbeitet er in einer inklusiven Bonbon-Manufaktur mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Donnerstags reist er mit dem Zug zurück in die Heimat: Rheda-Wiedenbrück. Freitags steht er in seiner Backstube und bereitet seine Ware für den Markt vor. Die Zeit zum Durchatmen ist knapp.
Süßigkeiten sind keine Selbstläufer
An seinem Verkaufsstand hat Thiede heute viel zu tun. Denn langsam schiebt sich die Sonne durch die Wolken. Der Regen zieht an Wiedenbrück vorbei und die ersten Menschen schlendern gemütlich über den kleinen Marktplatz im Schatten einer großen Kirche. Aber in der ostwestfälischen Kleinstadt sind selbstgemachte Pralinen, Törtchen und Macarons keine Selbstläufer. "Der Druck ist natürlich immer da, denn wenn man Dinge nicht verkauft, kommen auch Zweifel auf. Aber dann muss man stark bleiben und an das glauben, was man tut", sagt Thiede.
Seit drei Jahren steht er in den kalten Monaten auf dem Markt. Im Sommer kann er seine Produkte hier nicht verkaufen. Sie würden schmelzen. Für seine Pralinen nimmt er 1,40 Euro. Ein Törtchen kostet zwischen 5 und 7 Euro. Je nach Aufwand. Manchmal kommen Sprüche wie: "Das ist aber ganz schön teuer." Solche Sätze treffen Nils Thiede und hallen nach. "Gutes Handwerk kostet auch Geld", sagt er. Und es ist ihm wichtig zu betonen, dass er den Menschen nicht das Geld aus der Tasche ziehen möchte.
Törtchen, Macarons und Pralinen kommen auf den Wiedenbrücker Wochenmarkt
Die meisten Kundinnen und Kunden schätzen seine Arbeit und machen ihm Komplimente. Auch heute wieder. "Natürlich ist das auch eine Erfüllung, wenn man nette Worte bekommt und Anerkennung für das, was man tut. Viel mehr Lob gibt es da gar nicht", sagt Thiede.
Nach knapp sechs Stunden baut er seinen Marktstand wieder ab. Der Tag ist bislang gut gelaufen, aber noch lange nicht vorbei. Jetzt heißt es: Schnell nach Hause, durchatmen. Denn am Nachmittag gibt Nils Thiede ein Pralinenseminar für Frauen aus einem Schützenverein. Ein Leben für die Süßigkeiten.
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ostwestfalen, 02.03.2026, 19.30 Uhr.
