13-Jährige sticht in Psychiatrie zu: Wachmann war abwesend
Lokalzeit OWL. 18.08.2025. 03:19 Min.. Verfügbar bis 18.08.2027. WDR. Von Fynn David Just.
Die 13-Jährige hatte einer Pflegerin am Samstagnachmittag in der Küche ein Messer in den Rücken gestoßen. Die 24-jährige Betreuerin kam zunächst mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus, wo sie notoperiert wurde. "Die Betreuerin befindet sich nicht mehr in Lebensgefahr", sagte eine Sprecherin der Polizei Bielefeld am Sonntag.
Die Attacke habe sich ereignet, als ein Wachmann kurzzeitig abwesend war. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Paderborn. Der Krankenhausdezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Emmanuel Wiggerich, kann das allerdings nicht bestätigen, wie es in einer Mitteilung hieß.
Der Wachdienst war extra eingesetzt, um Übergriffe des Mädchens innerhalb der Klinik zu verhindern. Nach WDR-Informationen hatte die Polizei ausdrücklich davor gewarnt, dass die 13-Jährige solche Situationen nutzen könnte.
Klinik gewarnt - Krankenhausdezernent spricht von "Fehleinschätzung"
Die Ermittler sollen ausdrücklich davor gewarnt haben, dem Mädchen Zugang zur Küche zu ermöglichen. Die Messer dort seien eine Gefahr als Tatwaffe. Die Klinik habe aber an ihrem Vorgehen festgehalten. Auf die Frage, ob die Klinik Warnungen ignoriert habe und gegen Verantwortliche der Einrichtung ermittelt werde, antwortete die Staatsanwaltschaft lediglich, dass die polizeilichen Ermittlungen zu den Umständen, unter denen die 13-Jährige an das Küchenmesser gelangt sei, andauerten. "Auch die Motivlage ist Gegenstand andauernder Prüfung."
Krankenhausdezernent Wiggerich erklärte dazu: "Nach mehrwöchiger Begleitung hatte das betreuende Team entschieden, die Patientin an gemeinsame Mahlzeiten heranzuführen". Dies sei ein normaler Schritt bei erkennbaren Fortschritten von Patienten. Aus heutiger Sicht müsse man aber insgesamt sagen, "dass dies in diesem Fall wohl eine Fehleinschätzung war".
Scharfe Gegenstände wie Küchenmesser sind laut Wiggerich in den Wohnküchen verschlossen aufbewahrt. Wie die Patientin an das Messer kam, könne man im Moment nicht sagen.
Uns interessiert neben der rechtlichen Bewertung vor allem: Was müssen wir besser machen? Wir sind mit dem Team der Klinik im Gespräch, wie wir für die Zukunft solche Situationen verhindern können. Emmanuel Wiggerich, Krankenhausdezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
Jugendliche gilt als islamistische Gefährderin
Die Psychiatrie, in der die 13 Jährige untergebracht ist
Der Nachrichtenagentur dpa wurde aus Polizeikreisen bestätigt, dass die 13-Jährige bereits seit Monaten als islamistische Gefährderin im Fokus der Behörden steht. Wie der WDR von einer mit dem Fall vertrauten Person erfuhr, war das Mädchen Ende Dezember in einem TikTok-Livestream aufgefallen. Darin kündigte es an, im Januar einen Anschlag in Berlin verüben zu wollen.
Sie wurde von der Polizei identifiziert und kam zunächst in eine Klinik. Eine Gefährdungseinschätzung Mitte Januar ergab demnach, dass bei ihr extremistische Handlungen im Bereich des Möglichen, wenn nicht sogar des Wahrscheinlichen seien. Daraufhin wurde vom Amtsgericht eine Observation des Mädchens angeordnet.
Im März besuchte sie mit einem Nikab, einem von manchen muslimischen Frauen getragenen Gesichtsschleier, ein Mittelalterfest in Hameln. Sie verfolgte Polizisten und versuchte immer wieder, sich auffällig mit beiden Händen in der Tasche den Beamten zu nähern. Dabei äußerte sie den Angaben zufolge auch die Drohung "Ich will euch den Kopf abhacken." Die Polizei entdeckte bei ihr Stichwaffen.
Anschlagspläne und Enthauptungs-Szenen
Die Deutsche Presse-Agentur schreibt, das Mädchen lebte zuletzt in einer Wohnung, in der sie pädagogisch betreut wurde und 24 Stunden am Tag unter Polizeiüberwachung stand. Bei einem Fluchtversuch im Juli habe die Jugendliche unter anderem einen Polizisten verletzt.
Die 13-Jährige wurde daraufhin in der Psychiatrie untergebracht. Bei einer späteren Zimmerdurchsuchung wurden nach WDR-Informationen Anschlagspläne und kindlich gemalte Skizzen von Enthauptungs-Szenen gefunden. Die waren offenbar bereits während des Klinikaufenthalts im Januar entstanden.
Keine Untersuchungshaft für 13-Jährige
Nach dem Vorfall am Samstag befand sich das Mädchen in Polizeigewahrsam. Die 13-Jährige wird nun in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Das teilten die Staatsanwaltschaft Paderborn und die Polizei Bielefeld am Sonntagabend gemeinsam mit. Strafprozessuale Maßnahmen wie Untersuchungshaft kommen wegen ihres jungen Alters nicht in Betracht.
NRW-Innenminister zeigt sich schockiert
"Dass ein Kind zu so einer Tat fähig ist, schockiert mich. Besonders bedrückend ist, dass das Mädchen ausgerechnet die Frau angreift, die ihr helfen will und sich um sie bemüht", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gegenüber dem WDR. Die Bielefelder Mordkommission setzte alles daran, das Motiv zu klären, so Reul weiter. "Wir müssen nun die weiteren Ermittlungen abwarten. Wichtig ist heute vor allem die hoffnungsvolle Nachricht, dass die Betreuerin nicht mehr in Lebensgefahr schwebt.“
Mädchen hatte sich über das Internet selbst radikalisiert
Das Motiv der Tatverdächtigen ist derzeit unklar, die Ermittlungen hierzu laufen. Weitere Auskünfte, auch darüber, ob eventuell eine politische Motivation vorlag, gab die Polizei nicht bekannt. Das Mädchen ist deutsch und ist nicht in einer muslimischen Familie aufgewachsen, sondern hat sich nach WDR-Informationen im Internet selbst radikalisiert.
Unsere Quellen:
- Pressemitteilung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL)
- Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Paderborn und der Polizei Bielefeld
- WDR-Reporter
- Interview mit einer mit dem Fall vertrauten Person, die anonym bleiben möchte
- Nachrichtenagentur dpa