Anschlagsgefahr: Warum eine 13-Jährige in Paderborn überwacht wird

Lokalzeit OWL 25.06.2025 02:43 Min. Verfügbar bis 25.06.2027 WDR Von Fynn David Just

Anschlagsgefahr: Warum eine 13-Jährige in Paderborn überwacht wird

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Es ist ein Fall, der auf den ersten Blick unfassbar scheint: Im Kreis Paderborn muss die Polizei ein erst 13 Jahre altes Mädchen rund um die Uhr überwachen. Offenbar gibt es konkrete Hinweise, dass das Mädchen einen Anschlag auf Polizisten plant. Der WDR hat mit dem Kriminologen Manuel Heinemann gesprochen, wie und warum es überhaupt zu Radikalisierungen von Kindern und Jugendlichen kommt.

Wenig ist in diesem Fall bekannt. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick. Vieles muss im Unklaren bleiben, denn das Mädchen, um das es hier geht, ist erst 13 Jahre alt und damit minderjährig. Von der Polizei gibt es keine detaillierten Informationen, in erster Linie, um das Mädchen zu schützen.

Rehabilitation des Mädchens

Die Polizei und zivile Einrichtungen arbeiten im Moment intensiv daran, das Mädchen zu deradikalisieren, ihr Handlungsoptionen aufzuzeigen und sie von Extremismus- und Gewaltvorstellungen abzubringen.

Um ihr eine Rehabilitation in der Gesellschaft zu ermöglichen, hat sich der WDR entschieden, nur auf öffentliche Informationen einzugehen und stets die Anonymität des Mädchens zu wahren.

Was zu dem Fall bekannt ist

Das Westfalenblatt hatte am Wochenende zuerst über den Fall berichtet. Demnach soll sich das Mädchen im Internet islamistisch radikalisiert und einen Anschlag gegen Polizisten geplant haben.

Wie der WDR aus Polizeikreisen erfuhr, wurde das Mädchen an einem Ort im Kreis Paderborn sowohl von Sozialarbeitern als auch von Polizisten rund um die Uhr überwacht. "Eine 13-Jährige, die sich in der Betreuung des Jugendamts Paderborn befindet, hält sich derzeit in einer ostwestfälischen Gemeinde auf", sagte ein Polizeisprecher am Montag (25.6.) auf Nachfrage des WDR.

Neue Details: Unterbringung in Psychiatrie

Am Mittwochmorgen (25.6.) sind neue Details bekannt geworden. Aus Polizeikreisen heißt es, dass das Mädchen in der Nacht zu Dienstag geflohen sein soll - die Polizei konnte es aber über eine Fußfessel orten und festnehmen. Dabei habe sich die 13-Jährige gewehrt und einen Beamten körperlich attackiert.

Sie soll sich jetzt in einer geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie befinden.

Konkretere Angaben könnten nicht gemacht werden, weil es sich um ein Kind handelt und außerdem keine Erkenntnisse zu Straftaten vorliegen würden. Auch das Innenministerium NRW war mit dem Fall betraut, wird aber auch nicht konkreter.

Kein Kind werde als Terrorist geboren

Manuel Heinemann ist Kriminologe und erklärt im Gespräch mit dem WDR, warum Situationen wie diese alles andere als einfach sind: "Die Polizei ist in einem Spannungsfeld, es auf der einen Seite nicht schlimmer zu machen und auf der anderen Seite aber auch nicht dann erst einzugreifen, wenn es schon einen Schaden gegeben hat. Sie hat eigentlich nicht den Auftrag der sozialpsychologischen Versorgung, sondern soll in erster Linie schützen."

Der Kriminologe Manuel Heinemann

Kriminologe Manuel Heinemann

Warum sich das Mädchen radikalisiert hat, was ihr mögliches Motiv ist und welche anderen Faktoren womöglich eine Rolle spielen, ist unklar. Radikalisierung sei in der Regel ein Symptom von Unzufriedenheit, sagt Heinemann. Kein Kind werde als Terrorist geboren.

"Taten sind oftmals Teil von Lösungsstrategien und Gewalt eigentlich ein Ausdruck von Machtlosigkeit." Manuel Heinemann, Kriminologe

Gewalt gebe Kindern oder auch Tätern allgemein das Gefühl, Kontrolle ausüben zu können. Jeder dieser Fälle müsse individuell betrachtet werden, fordert er.

Fälle verhindern, bevor sie passieren

Um zu verhindern, dass Menschen wirklich Gewalttaten begehen, sei das Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren und Institutionen wichtig. Und dazu zählen nicht nur Polizei und Jugendamt.

So gibt es zum Beispiel das Projekt "Wegweiser", ein Präventionsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen. Es soll den Einstieg junger Menschen in den Islamismus verhindern. Dafür werden Gespräche mit den Minderjährigen geführt, noch bevor sie sich radikalisieren.

Gefahr der sozialen Medien

"Immer häufiger kommen schon Kinder und Jugendliche über Livestreams auf TikTok und Instagram mit religiösem oder politischem Extremismus in Kontakt und werden aktiv angeworben", sagt ein Berater des Projekts, der zu seinem Schutz anonym bleiben muss.

Auch Kriminologe Heinemann lobt solche Projekte und betont die Verantwortung der Gesellschaft.

"Was kann gesellschaftlich geschehen? Wie können wir besser aufeinander achten?" Manuel Heinemann, Kriminologe

Überall in der Gesellschaft gebe es gerade einfach zu viel Druck, insbesondere auf Social Media. Das Vergleichen mit anderen auf den Plattformen führe zu Unzufriedenheit. Manche sähen dadurch am Ende nur noch Gewalt als Lösungsstrategie.

Das Heruntersetzen der Strafmündigkeit, wie zuletzt häufiger gefordert, würde nach Ansicht von Heinemann nichts bewirken: "Kein Kind denkt: 'Ah, ich bin noch unter 14, ich bin straffrei'".

Polizei und Jugendamt überwachen 13-Jährige im Kreis Paderborn

WDR Studios NRW 23.06.2025 00:47 Min. Verfügbar bis 23.06.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Innenministerium NRW
  • Kreisjugendamt Paderborn
  • Polizei Bielefeld
  • WDR-Reporter vor Ort

Über dieses Thema berichtet die Lokalzeit OWL auch am 25.06.2025 um 19:30 Uhr im WDR-Fernsehen.

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