Ortrun und Michael Dewert und Eva und Axel Maag sitzen in der Föge. Sie sind mit der Marke Herforder Pils aufgewachsen.
Gläser klirren, Menschen reden, Getränke werden ausgeschenkt: Im traditionsreichen Wirtshaus Föge in Herford wird an diesem Abend viel diskutiert, gelacht - und getrauert. Auf den Tischen stehen frisch gezapfte Gläser "Herforder Pils" mit Schaumkrone.
Die Nachricht am 7. Mai vom Produktions-Aus der Herforder Brauerei hat die Region eiskalt erwischt. Im August soll der Betrieb vor Ort eingestellt werden; gebraut wird das Traditionsbier künftig im rund 100 Kilometer entfernten Warstein.
Offene Fragen bleiben
In der Föge feiert an diesem Abend der Kirchenkreis Enger seine verspätete Weihnachtsfeier. Sandra Hartwig erklärt: "Das war schon ein Schock. Das Aus kam sehr überraschend. Und die Leute machen sich Sorgen und haben Fragen: Wie schmeckt es in der Zukunft? Was wird aus dem Gelände?"
Verspätete Weihnachtsfeier der Mitarbeitenden der evangelischen Kirche in Enger
Brigitte Thyen sitzt an einem Tisch ganz hinten, sie spielt mir Freundinnen Doppelkopf. Die Rentnerin kann sich noch an die glorreichen Zeiten bei Herforder Pils erinnern, sie ist in Schweicheln aufgewachsen, ihr Vater hat bei der Brauerei 30 Jahre gearbeitet.
Ist das Etikettenschwindel?
"Ich finde in unserer heutigen Zeit, wo das Herstellen von Lebensmitteln nicht mehr in unseren Köpfen ist, da finde ich es äußerst schade, dass so ein Traditionsunternehmen einfach dicht gemacht wird, das ist ein herber Verlust." Dass Herforder Pils künftig in Warstein gebraut wird, nennt sie "Etikettenschwindel".
Für die Menschen in Ostwestfalen stirbt weit mehr als nur eine lokale Biermarke. Am Stammtisch in der "Föge" sitzt der Frust tief. "Ich kenne Herforder mein Leben lang“, sagt Stammgast Cornelius Raudisch aus Herford. "Aber natürlich, wenn man auf Zahlen guckt und die Zahlen passen nicht und ich trinke Tee und kein Bier, damit geht es ja schon los."
Kneipen-Talk: Was sagen die Herforder?
Kneipentalk zur Brauerei-Schließung in Herford
WDR. 03:45 Min.. Verfügbar bis 11.03.2028.
Auch für die lokale Politik ist der Abzug der Produktion eine Hiobsbotschaft. Die Produktionsgelände befinden sich auf der Fläche der Gemeinde Hiddenhausen. Bürgermeister Andreas Hüffmann (SPD) zeigt sich im WDR-Interview tief besorgt über den Verlust des traditionsreichen Standorts und die Signalwirkung:
„Die Brauerei gehört seit weit über 100 Jahren zu unserer Geschichte. Dass die Produktion nun komplett verlagert wird, ist ein schwerer Verlust - so wie Bielefeld ohne Arminia. Die Menschen sind tief betroffen, da geht es um eine lange Tradition. Ich mag noch gar nicht daran denken, dass da irgendwannn mal etwas anderes stattfinden könnte. Ich wünsche mir, dass da auch in Zukunft gearbeitet wird, dass da Bier gebraut wird, Getränke abgefüllt werden." Andreas Hüffmann (SPD), Bürgermeister Hiddenhausen
Hoffnung für Herforder Pils aus Herford?
Hiddenhausens Bürgermeister hat die Hoffnung also noch nicht aufgegeben, weiß aber auch, dass die Zeit tickt. Man müsse zudem alles daran setzen, die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich aufzufangen. Wie jetzt bekannt wurde, hat Christoph Barre, Chef der Barre-Brauerei in Lübbecke angekündigt, einige Auszubildende zu übernehmen.
Bürgermeister Andreas Hüffmann (SPD) zur Schließung von Herforder Pils
WDR. 01:14 Min.. Verfügbar bis 11.03.2028.
Eva Maag und ihr Mann Axel sitzen mit Freunden zusammen. Sie sagt: "Es fehlt ein großes Stück Geschichte. Ohne Herforder fehlt uns allen ein Stück Feierkultur. Wir haben unsere Abifeiern damit gefeiert, jede Party im Partykeller, Herforder war einfach da - ohne Wenn und Aber. Und das wird jetzt anders, wenn es nicht mehr bei uns gebraut wird."
Ihr Mann ergänzt: "Wenn es soweit ist im August, dann wird es so richtig deutlich und dann schauen wir mal, wie wir uns in die Augen gucken."
Warsteiner Gruppe beruhigt Kunden
Die Warsteiner Gruppe hat in einer Mitteilung bekanntgegeben, dass sich am Geschmack und Aussehen nichts ändert. Davon wollen sich die Kneipengänger aber erst selbst überzeugen. Mirco Hartwig, Küster aus Enger hat eine klare Meinung: "Ich glaube das Bier schmeckt dann nicht mehr so, wie wenn es mit Herforder Wasser gebraut wird."
Getrunken wird das Herforder Pils hier auch weiterhin - doch an diesem Abend schwingt bei jedem Zuprosten die Gewissheit mit, dass die Tage des echten Bieres aus der Heimat unaufhaltsam gezählt sind.
Unsere Quellen:
- Gespräche mit Gästen im Wirtshaus Föge in Herford
- Interview mit Bürgermeister Andreas Hüffmann (SPD)
- Pressemitteilungen Warsteiner Gruppe
Sendung: WDR.de, Was das Aus der Herforder Brauerei für die Menschen bedeutet, 27.05.2026, 05:03 Uhr
