Zu viele junge Menschen sterben im Auto auf Landstraßen

Aktuelle Stunde 18.08.2025 31:37 Min. Verfügbar bis 18.08.2027 WDR Von Thomas Kramer

Sicher nach der Party: Wie Jugendliche auf dem Land besser heimkommen

Stand:

Ein Autounfall mit vier toten Jugendlichen in Kürten im Rheinisch-Bergischen Kreis entfacht eine alte Diskussion: Wie lässt sich die Mobilität von jungen Menschen, besonders im ländlichen Raum, verbessern? Wie kommen Jugendliche nach Partys sicher nach Hause? In einigen Regionen gibt es Lösungsideen.

Von Stefan Erdmann

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Sven ist 17, Lisa 18 - beide wohnen mit ihren Familien im Ennepe-Ruhr-Kreis. Beide heißen anders, wollen hier aber nicht ihre echten Namen lesen. Der Kreis zählt zwar auf dem Papier zum Ruhrgebiet, aber ein Blick in die Landschaft zeigt: Hier kommt bald das Bergische Land, es wird grüner und hügeliger.

Beide Jugendliche merken das auch bei ihrer Anbindung. "Bei uns im Dorf ist die Busanbindung einigermaßen. Man kommt von A nach B, aber es gibt manche Buslinien, die fahren nur einmal am Tag", erzählt Sven.

Immer abhängig vom "Mutti-Taxi"

Und Lisa: "Für mich ist es noch schwieriger, überhaupt von meinem Dorf zu Bus oder Bahn zu gelangen. Ich komme also nicht gut weg ohne Mutti-Taxi. Und wenn ich dann dahin gefahren werde, bin ich immer an Zeiten gebunden."

Je kleiner der Wohnort, desto unzufriedener sind junge Menschen mit dem ÖPNV-Angebot, besonders nachts und am Wochenende. Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 15- bis 25-Jährigen, die der ADAC Anfang 2025 erhoben hat.

Führerschein für viele Junge essentiell

Führerschein

Der Führerschein hat besonders für junge Menschen auf dem Land eine wichtige Rolle.

Der Führerschein und meist auch ein eigenes Auto ist für viele junge Menschen ein Muss. Die Umfrage zeigt: Fast alle jungen Menschen wollen einen Führerschein machen oder haben ihn bereits. Und ebenso fast alle wollen sich auch ein eigenes Auto anschaffen.

Viele von Lisas Freunden sind schon 18, einige haben auch schon einen Führerschein. Eine von ihnen ist besonders oft als Fahrerin für die anderen im Einsatz: "Sie trinkt sowieso sehr wenig, verzichtet dann ganz auf den Alkohol und fährt uns nach Hause", erzählt Lisa. Aber auch von den Eltern gibt es eine klare Ansage: "Mama und Papa sagen immer: Ruft mich einfach an, ich hole euch egal wann ab."

"Sobald meine Freunde einen Schluck Alkohol getrunken haben, setzt sich keiner mehr ins Auto - höchstens noch aufs Fahrrad." Sven (Name geändert)

Weil das nicht bei allen jungen Menschen so reibungslos klappt, gibt es verschiedene Ansätze, die für mehr Mobilität auf dem Land sorgen sollen:

Shuttle-Busse für sicheren Heimweg am Wochenende

Bushaltestellenschild

In vielen Regionen fahren am Wochenende spezielle Nachtbusse.

In einigen Regionen in NRW setzen die Verkehrsbetriebe zusätzliche Busse in den Nachtstunden am Wochenende ein. Das soll mit dazu beitragen, schwere Unfälle durch Alkoholfahrten zu verhindern.

Im Kreis Herford heißen diese Linien vielsagend "Discobus", im Hochsauerland schlicht "Nachtbus". Und beispielsweise auch in Dormagen und Grevenbroich sind in Wochenend-Nächten zusätzliche Busse im Einsatz, um die teils abgelegenen und beschaulichen Ortsteile anzubinden. So wie Dormagen-Broich: Knapp 140 Einwohner, mit dem Auto braucht man von hier zum Bahnhof Dormagen knapp 14-18 Minuten.

Mit Disco-Licht und Nebelmaschine zur Party

Kerstin Schulz-Höfel sitzt im Party-Shuttle und schaut aus dem Fenster. Neben dem Fenster steht ihr Sohn Sam. Beide lächeln.

Sohn Sam begleitet Kerstin Schulz-Höfel bei vielen Fahrten

Im Kreis Herford ist ein Kleinbus mit Disco-Beleuchtung und Nebelmaschine unterwegs. Er fährt Jugendliche zu Partys und anschließend nach Hause. Ein Privatprojekt von Kerstin Schulz-Höfel.

"Ich glaube, so bringt niemand die Jugendlichen zur Party." Kerstin Schulz-Höfel

Die Idee kam ihr, als sie von einem Vorfall im Bekanntenkreis ihres 16-jährigen Sohnes hörte:

Zwei Jugendliche seien bei einem fremden Fahrer eingestiegen, um nach Hause zu kommen. Hinterher habe sich herausgestellt, dass der noch gar nicht fahren durfte. Weil er zu schnell war, kam es zum Unfall. Zum Glück seien alle unverletzt geblieben.

In ihrem Disco-Bus ist Schulz-Höfel freitags und samstags unterwegs. Bisher ist das Angebot kostenlos. Sie will erst einmal schauen, wie die Jugendlichen ihr Angebot nutzen.

Fahrlehrer fordert PS-Grenze für junge Fahrer

Alexander Trapp betreibt Fahrschulen in Bochum und Hattingen. Auch er erlebt bei seinen Schülern, dass der Führerschein im ländlicheren Hattingen einen größeren Stellenwert hat als in der Großstadt Bochum.

Trapp führt das zum einen auf die unterschiedliche ÖPNV-Anbindung zurück. Er merkt aber auch, dass der Führerschein in vielen Ausbildungen relevant ist - selbst beim Metzger, der zwischen mehreren Filialen seines Betriebs pendeln können muss.

Sein Vorschlag für mehr Sicherheit unter jungen Fahrern: Die Fahrzeug-Leistung für Fahranfänger zu beschränken. "Wie kann es sein, dass man immer wieder von Unfällen junger Fahrer mit 400-PS-Autos liest? Das zu reglementieren fänd ich eine gute Sache."

ADAC-Vorschlag: Früher fahren - und länger lernen

Thomas Müther vom ADAC

ADAC-Sprecher Thomas Müther

Der ADAC ergänzt diesen Vorschlag um zwei Punkte: Er fordert zum einen, das begleitete Fahren, das derzeit ab 17 Jahren möglich ist, um ein Jahr zu erweitern. Jugendliche könnten dann schon ab 16 in Begleitung fahren - und so ein Jahr länger begleitete Fahrpraxis sammeln.

Zum anderen schlägt der ADAC vor, die Fahrausbildung hinten raus um ein zusätzliche Trainingsstunde zu verlängern, wenn man den Führerschein schon eine Zeit lang in der Tasche hat:

"Vielleicht ein Fahrsicherheitstraining machen, und dann wirklich nochmal ganz klar aufzeigen, was ist die reale Fahrkompetenz, was ist nicht möglich in puncto Geschwindigkeit, in puncto Kurvenfahren", so Thomas Müther vom ADAC Nordrhein. Das könne Fahranfänger nochmal gezielt auf Gefahren aufmerksam machen.

Jugendliches Gehirn entwickelt sich bis 25

In den seltensten Fällen dürften PS-starke Boliden vor den Elternhäusern stehen, wenn Fahranfänger zum ersten Mal alleine unterwegs sind. Trotzdem sollten die Spielregeln dafür geklärt sein, meint der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Dr. Christian Lüdke.

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke aus Lünen

Kinder- und Jugendpsychologe Christian Lüdke rät zu Absprachen auf Augenhöhe in der Familie.

Das Gehirn von Jugendlichen und jungen Erwachsenen befinde sich bis zum 25. Lebensjahr noch in der Entwicklung, insbesondere der Bereich für Risikoeinschätzung und Impulskontrolle. "Deshalb werden Müdigkeit oder die Wirkung von Alkohol oft unterschätzt." Hinzu komme das Gefühl von Unverwundbarkeit: "Ich bin unbesiegbar, mir passiert schon nichts - eine typische jugendliche Denkweise", so Lüdke.

Klare Absprachen in der Familie treffen

Tanzende Menschen in einem Nachtclub.

Viele junge Menschen schätzen ihren Alkohol-Pegel nach dem Feiern falsch ein.

Er schlägt vor, dann nicht auf Verbote zu setzen, sondern auf Absprachen auf Augenhöhe: "Wenn Eltern erklären, warum eine Regel wichtig ist und Jugendliche sich ernstgenommen fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Regeln auch eingehalten werden", sagt Lüdke mit Blick auf Alkoholfahrten.

Gleichzeitig warnt er vor dem Gruppendruck, der unter jugendlichen Freunden auftreten kann. Der Wunsch, Freunde nicht im Stich zu lassen, sei in dieser Altersphase enorm stark.

"Für viele zählt in diesem Moment mehr, wie sie in der Gruppe wirken, als die eigene Sicherheit." Kinder- und Jugendpsychotherapeut Dr. Christian Lüdke

Deshalb empfiehlt Lüdke ein Abkommen, das auch bei den Familien von Sven und Lisa besteht: Das Angebot, als Notfalloption jederzeit von den Eltern abgeholt zu werden. "Das fördert zunächst Sicherheit und schafft Vertrauen. Wichtig ist aber, dass daraus keine dauerhafte Abhängigkeit entsteht." Gleichzeitig sollten Eltern mit den Jugendlichen Wege entwickeln, wie sie zunehmend selbst Verantwortung übernehmen können.

Unsere Quellen:

Hinweis der Redaktion: In einer vorigen Version wurde Dr. Lüdke als Psychologe bezeichnet, das ist nicht zutreffend. Wir haben die Bezeichnung darum nachträglich korrigiert.

Kommentare zum Thema

2 Kommentare

  • 2 M. 19.08.2025, 15:25 Uhr

    Das ist doch kein neues Problem! Das Thema gibt es doch seit Jahrzehnten.In den 70ern und 80ern trampten viele, wenn es Strecken waren die mit dem Rad zu weit waren. Als Jugendliche auf dem Land in den 90ern hatte man uns eingebläut, auf keinen Fall zu trampen. Zu den Partys, damals Feten genannt, gehörte der Gang zur nächsten Telefonzelle - die mitunter auch mal weiter weg war - dazu. Nie ging man allein irgendwo hin, wir Mädels waren immer zusammen unterwegs..es fuhr auch keiner allein nach Hause. Das hatte man uns auch eingebläut. Allenfalls teilte man sich mit Bekannten aus demselbem Dorf das Großraumtaxi. Taxigeld war wichtig. Das kriegten wir von unseren Eltern. Und wenn gar nichts ging, dann riefen wir zuhause an mit schlechtem Gewissen. Einen Partybus gab es erst Anfang der 00er Jahre. Aber der fuhr nicht durch unser Dorf. Wir Mädels wurden mit 17 Jahren von unseren Eltern gefahren. Es gab eine feste Uhrzeit, wann wir alle (!) abgeholt wurden. Mit 18 fuhren wir dann selbst,rei

  • 1 Brigitta S. 19.08.2025, 14:18 Uhr

    Mama sagt, ich hole euch ab“. Dann muss man sich halt an die Zeiten halten die das Mutti-Taxi plant, wenn Mutti schon fährt. Von Vater ist nicht die Rede, er liegt schon im Bett? Die Mutter als Frau soll sehr spät in der Nacht ihre noch sehr junge Tochter von Partys oder Disko abholen? Die werden doch nicht jeden Abend zu einer Party unterwegs sein? Die Jugendlichen haben eine Abholzeit „als Danke dafür“ zu respektieren. Ich finde auch, Absprachen auf Augenhöhe in der Familie haben ihren Sinn und Zweck, wobei Vernunft darin enthalten sein muss. Verbote erzeugen nur Wut und Zorn und schon fließt der Alkohol bei Frust mit den Freunden. Bei einer Heimfahrt setzt oft das Hirn aus in dieser Altersphase. „Im Kreis Herford ist ein Kleinbus mit Disco-Beleuchtung und Nebelmaschine unterwegs, er fährt Jugendliche zu Partys und anschließend nach Hause“? Ich hoffe die Nebelmaschine vernebelt mit Alkohol nicht noch mehr die Gäste. Das löst bei Jugendliche auf dem Land ihr Fahr- Probleme?

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