Lehrerverband gegen Verbot von WhatsApp Klassenchats | Aktuelle Stunde

WDR 02:51 Min. Verfügbar bis 20.03.2028

WhatsApp-Verbot für Jüngere: Schüler- und Lehrervertreter skeptisch

Stand:

Die Bundesschülerkonferenz, die Lehrergewerkschaft GEW und der Deutsche Lehrerverband stellen sich gegen die Idee eines WhatsApp-Verbots für Jüngere. Hintergrund sind die WDR-Recherchen zu Problemen in Klassenchats mit Mobbing, Nacktbildern und Nazi-Parolen.

Von Jörn SeidelJörn Seidel

Sollte der Gesetzgeber die Nutzung von WhatsApp und anderen Messengerdiensten für Kinder und Jugendliche strenger regulieren? Braucht es vor dem Hintergrund der massiven Probleme in Klassenchats sogar ein komplettes Verbot von WhatsApp für bestimmte Altersgruppen - so wie ein Social-Media-Verbot, das unter anderem Bundesbildungsministerin Karin Prien und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (beide CDU) fordern?

Die Bundesschülerkonferenz hat sich nun klar dagegen ausgesprochen. Generalsekretärin Amy Kirchhoff sagte dem WDR am Freitag:

"Ein reines, pauschales Verbot von Messengerdiensten greift zu kurz." Amy Kirchhoff, Bundesschülerkonferenz
Porträt von Amy Kirchhoff

Amy Kirchhoff, Bundesschülerkonferenz

"Das wäre nur Symptombehandlung", so Kirchhoff. Statt eines Verbots zum Beispiel für Unter-14-Jährige fordert sie: "Wir müssen das Problem bei der Wurzel packen und die Medienkompetenz stärken." Das sei auch schon im Grundschulalter wichtig.

WDR-Recherchen zu massiven Problemen mit WhatsApp-Klassenchats

Am Mittwoch hatte der WDR seine Recherchen zu den viel genutzten Klassenchats veröffentlicht, die nicht selten massive Probleme mit sich bringen. Gemeint sind Schüler-Gruppenchats, die vor allem privat, ohne Eltern und Lehrer und oftmals auch ohne Regeln stattfinden. 82 Prozent der 10- bis 16-Jährigen nutzen dafür WhatsApp. Häufig läuft das gut. Es kommt aber auch zu Mobbing und dem Austausch strafbarer oder verstörender Inhalte.

Am Mittwochabend reagierte Bundesbildungsministerin Prien auf die Recherchen: "Die Debatte, die wir in Deutschland im Moment führen, ist viel zu stark verengt", sagte sie im WDR-Interview für die "Tagesthemen". Und weiter:

"Ich glaube, wir müssen nicht nur über Social-Media-Regulierung, sondern auch über Messengerdienst-Regulierung sprechen, wenn wir insgesamt über Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt diskutieren." Karin Prien, Bundesbildungsministerin

Aktuell prüft eine von Prien ins Leben gerufene Expertenkommission eine stärkere Social-Media-Regulierung sowie ein Verbot für Jüngere. Dazu zählen unter anderem TikTok, Instagram, Snapchat und Facebook - WhatsApp (noch) nicht.

Auch Lehrerverband gegen WhatsApp-Verbot

Gegen die Idee eines Verbots von WhatsApp für Jüngere stellt sich auch der Deutsche Lehrerverband, dem unter anderem der Philologenverband und der Verband Deutscher Realschullehrer angehören. Präsident Stefan Düll sagte dem WDR am Freitag:

"Das drückt für mich absolute Hilflosigkeit aus." Stefan Düll, Deutscher Lehrerverband
Portrait Stefan Düll

Stefan Düll, Deutscher Lehrerverband

Ein Verbot oder auch eine starke Regulierung von Messengerdiensten wie WhatsApp - "das kann nicht mir nichts dir nichts umgesetzt werden", so Düll. "Das greift zu sehr in das Erziehungsrecht von Eltern ein", ist er überzeugt.

Dienste wie WhatsApp hätten auch für junge Smartphone-Nutzer eine wichtige Funktion, so der Direktor eines bayerischen Gymnasiums: Dort kommunizierten sie mit der Familie, mit Freunden, mit anderen aus dem Sportverein oder eben aus der Klasse. Zwar sollte das Handy in der Schule nicht genutzt werden, aber Eltern könnten am Vormittag eine wichtige Nachricht schreiben, die ihre Kinder dann pünktlich zum Schulschluss lesen.

Gewerkschaft GEW: Klassenchats grundsätzlich gut

Maike Finnern, Vorsitzende und Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW

Maike Finnern, GEW

Auch Maike Finnern, Vorsitzende der Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), teilte auf WDR-Anfrage mit: "Verbote sind kaum durchzusetzen und in aller Regel auch nicht der richtige, erfolgversprechende Weg." Zu Gruppenchats bei Messengern wie WhatsApp sagte sie:

"Klassenchats sind grundsätzlich eine gute Sache, denn sie ermöglichen den Schülerinnen und Schülern, sich auszutauschen." Maike Finnern, GEW

"Allerdings muss sich die Gruppe auf Spielregeln verständigen", so Finnern, "um Auswüchse, wie sie jetzt gerade öffentlich diskutiert werden, wie Mobbing, Bloßstellen oder pornografische Darstellungen zu verhindern."

Nicht nur Kirchhoff, sondern auch Prien, Düll und Finnern sprechen sich für eine bessere Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen aus. Wie das geschehen soll, dazu gibt es allerdings unterschiedliche Vorstellungen.

Mehr Medienkompetenz: Durch Schule oder Eltern?

"Die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu fördern, ist eine Aufgabe der Schule, die immer wichtiger wird", so Finnern von der GEW. "Hierfür ist ein gemeinsamer Prozess mit den Eltern notwendig."

Auch Düll vom Lehrerverband sagte, dass sowohl Eltern als auch Schule die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler stärken müssten. In den Schulen werde aber schon viel getan. Das hatte auch schon NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) im Gespräch mit dem WDR betont.

Medienkompetenz werde in unterschiedlichsten Fächern vermittelt, so Düll. Darüber hinaus gebe es viele Projekte wie zum Beispiel Medienscouts, also Trainings von Schülern für Schüler. Dass aber vor allem Schulen solch ein "gesamtgesellschaftliches Problem" lösen sollen, sei "naiv". Da müssten viele noch mehr in die Pflicht genommen werden - vor allem aber Eltern. "Erziehung ist zuvorderst Elternpflicht", betonte er.

Kirchhoff von der Bundesschülerkonferenz sieht das anders. Zwar betont auch sie, dass Eltern wichtig seien in der Stärkung der Medienkompetenz ihrer Kinder. "Aber viele Eltern haben gar nicht die Kompetenz, das zu vermitteln."

"Bei der Schule ist das besser aufgehoben", so die Schülerin weiter. Lehrkräfte könne man in Medienkompetenz schulen, die das dann fachkundig Kindern und Jugendlichen vermitteln könnten. Gerade an den Schulen müsste in dieser Hinsicht mehr unternommen werden - aber nicht nur an einzelnen, wo es die Ressourcen dafür gebe, so Kirchhoff. "Wir haben das Gefühl, dass noch nicht genug getan wird."

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Amy Kirchhoff, Generalsekretärin Bundesschülerkonferenz
  • WDR-Interview mit Stefan Düll, Präsident Deutscher Lehrerverband
  • WDR-Interview mit Maike Finnern, Vorsitzende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
  • WDR-Interview mit Bildungsministerin Karin Prien
  • WDR-Interview mit NRW-Schulministerin Dorothee Feller
  • Ministerpräsident Hendrik Wüst auf WDR-Anfrage
  • Umfrage von Infratest-Dimap im Auftrag des WDR zu Klassenchats

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 20.03.2026, 18.45 Uhr

Kommentare zum Thema

5 Kommentare

  • 5 Rollgardina Pfefferminz 22.03.2026, 14:00 Uhr

    Wenn wir einen sicheren, gesunden, zweckmäßigen, förderlichen und angenehmen Aufenthaltsort für eine Gruppe Menschen vorbereiten wollen, dann würden wir dazu vermutlich weder auf die Autobahn noch in die Müllverbrennungsanlage gehen. Und in die Sandkiste würden wir auch kein rot-weißes Flatterband spannen, sondern Glasscherben und Katzenkacke entfernen. Wir sollten von den Plattformbetreibern diesen Aufenthaltsort FORDERN(!), nicht die Kinder in Flatterband einsperren oder den Eltern Pflasterstreifen gegen Schnittwunden reichen. Auch für uns Erwachsene wollen wir kein toxisches Umfeld. Das müssen wir als EU mit entsprechenden gesetzlichen und finanziellen Druckmitteln gemeinsam durchsetzen - zur Not auch mit Sperrung. Und eigene Alternativen bauen. "Geht nicht" gibt's nicht.

  • 4 Herbert Runde 21.03.2026, 17:58 Uhr

    „Das wäre nur Symptombehandlung" sagte Amy Kirchhoff (Bundesschülerkonferenz) und das trifft es am besten. Das ist nichts was Grundrechte einschränken auch nur ansatzweise rechtfertigen könnte. Medienkompetenz stärken ist aber auch nur Teil der Wurzel, nicht die gesamte Wurzel. Und dann muss man dabei aufpassen damit bei Stärkung der Medienkompetenz nicht nur in eine andere Richtung indoktriniert werden. Es gibt eine Menge gesellschaftliche Problem und die Ursachen liegen immer ganz woanders. Die Verbots-Apostel verstehen gar nichts davon und nichts von einer freiheitlich demokratischen Grundordnung.

    Antworten (2)
    • @Herbert 21.03.2026, 20:25 Uhr

      Sehen sie doch mal die Seite von Kindern und Jugendlichen. Diese sind zu schützen, da sie die (langfristige) Konsequenz ihres Verhaltens noch nicht gut genug einschätzen können. Und wenn wir uns ehrlich machen, dann wissen wir, dass auch Freiheit Grenzen braucht. Und genau diese verhandeln wir neu.

    • Herbert Runde 23.03.2026, 01:45 Uhr

      @@Herbert, „die Seite von Kindern und Jugendlichen“ verzichtet auf Ihren sogenannten „Schutz“ und meint, „Wir wählen die Freiheit!“ Auch glaube ich nicht, dass Sie in der Lage sind Konsequenzen einschätzen zu können wenn Sie Grundrechte von Kindern ignorieren und „wenn wir uns ehrlich machen“, die freiheitlich demokratische Grundordnung ist nicht „verhandelbar“. „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist, lt. GG Art 20 (4). … und anonym ist ja OK aber legen Sie sich mal einen eigenen brauchbaren Nickname zu.

  • 3 Marc 21.03.2026, 15:48 Uhr

    Es geht nicht um Medienkompetenz, sondern um Werte. Wer beleidigen, bloßstellen oder mobben will, tut dies ja nicht, weil ihm Kompetenz im Umgang mit Medien fehlt. Der Unterschied zu den Beleidigungen, Demütigungen und seelischen Verletzungen im letzten Jahrhundert sind Reichweite und Sichtbarkeit. Die Lehrerverbände sprechen hauptsächlich die Kontrollierbarkeit an, nicht die Notwendigkeit einer Kontrolle. Diese muss durch uns Eltern geschehen, niemand sonst kann das leisten. Ich drücke meinem Kind doch auch keine Waffe in die Hand und hoffe, dass das Kind schon alleine weiß, wie es diese nutzt oder wann die Nutzung unethisch ist. Und ich erwarte nicht von Lehrern, dass sie meinem Kind die Werte beibringen, die es für den Umgang mit den Waffen benötigt, die ich privat angeschafft habe. Das Ignorieren der Nutzungsbedingungen von WhatsApp ist fahrlässig. Ein Verbot ist doch längst da, es wird nur von Eltern und Kindern ignoriert.

    Antworten (1)
    • @Marc 21.03.2026, 18:25 Uhr

      Solange es keine Regeln gibt, die durchgesetzt werden ... solange Fehlverhalten "durchgeht", solange können keine Werte etabliert werden. Ja, wir geben Maschinengewehre mit Zustimmung der Gesellschaft als Normalität an unsere Kinder und wundern uns, dass sie einfach mal (schlechtes) machen, ohne uns vorher zu fragen.

  • 2 sinnvolle grenzen setzen 21.03.2026, 15:29 Uhr

    Wir passen helikopterartig analog auf unsere Kinder auf, aber digital ist alles erlaubt? Die analogen Bedrohungen sind absolut überschätzt gegenüber den digitalen. Dafür braucht es Regeln - klare verbindliche Regeln. Ein Verbot ist eine solche klare Regel. Die Vorschläge des "nur gut genug aufklären, dann wird das schon" sind an der Realität zerschellt. Einzelne Positivbeispiele als Begründung heranzuziehen ist Unfug. Es ist doch längst klar, dass die Waagschale mit den negativen Seiten die viel schwerere ist. Ach ja, Kinder benötigen Begleitung und Leitplanken. Sollen wir wirklich für ein paar wenige positive Beispiele all die schweren Schäden hinnehmen? Ich glaube nein. Wir brauchen keine keine (digitale) Verwahrlosung.

  • 1 Luis 21.03.2026, 14:01 Uhr

    Ich erkenne immer mehr, das wir in Deutschland eher ein Elternproblemhaben. Immer wenn die Jugend ein Problem hat oder macht, soll es die Schule lösen. Das wäre in Ordnung, wenn damit eine verpflichtende Elternschule gemeint wäre. Nur so könnten Eltern die heute erforderlichen Kompetenzen in Sozialverhalten und Digital- / Gesellschaftswissen sowie praktische Begleitung bei der Umsetzung in der Erziehung erhalten. Das das unrealistisch ist, weiss ich auch. Aber heute ist der Wissenstransfer von Eltern zu Kindern bedeutend geringer als noch vor 30-40 Jahren. Bei uns gibt es kaum ein Tag, wo unser Sohn nicht irgendwas Neues, mir Unbekanntes, erzählt und ich dann zum Glück mitlernen darf.

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