Inside Klassenchats
Doku & Reportage . 18.03.2026. 31:25 Min.. UT. Verfügbar bis 18.03.2027. WDR. Von Susanna Zdrzalek; Katharina Spreier.
"Wollte nicht mehr zur Schule": So erleben Schüler Hass im Klassenchat
Stand:
Viele Schüler machen in Klassenchats bei WhatsApp und anderen Plattformen belastende Erfahrungen. Sie erleben Mobbing, sehen Gewaltdarstellungen und bekommen rechtsextreme Sticker geschickt - Hier schildern Schüler, was das mit ihnen macht.
Manchmal kämen ihr die Erlebnisse von damals wieder in den Kopf, erzählt eine Fünftklässlerin in Kreuztal im Siegerland. In der Grundschulzeit wurde sie im Klassenchat gemobbt. Was genau sie dort erlebte, erzählt sie nicht. Aber es habe ihr schwer zu schaffen gemacht:
"Ich wollte irgendwann auch nicht mehr in die Schule gehen deswegen." Eine Fünftklässlerin
Jeder Sechste im Klassenchat erfährt Mobbing
Jeder dritte Schüler im Alter von 10 bis 16 Jahren bekommt in Klassenchats bei WhatsApp und anderen Plattformen Unangenehmes oder Belastendes mit. Jeder Sechste hat dort schon selbst Mobbing erfahren. Das sind zwei Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zu Klassenchats von Infratest dimap im Auftrag des WDR.
Bei unseren Recherchen zu den Problemen mit Klassenchats haben wir mit zahlreichen Kindern und Jugendlichen in NRW gesprochen. Viele erzählen von Beleidigungen und Ausgrenzung. Die Dokumentation könnt ihr euch auch auf dem WDR-YouTube-Kanal angucken.
Auch eine Siebtklässlerin berichtet, dass es im Klassenchat, in dem sie früher Mitglied war, immer wieder Mobbing gegeben habe - so als wäre das ganz normal.
"Die haben auch viele Morddrohungen reingeschickt." Eine Siebtklässlerin
Als sie die Drohungen schrieben, hätten sie vermutlich "nicht wirklich drüber nachgedacht", sagt das Mädchen. Wer aber solche Drohungen erhält und das Ziel von Mobbing ist, der denke ganz sicher darüber nach.
Das kennt sie auch aus eigener Erfahrung. "Anfang des Jahres wurde ich gemobbt", sagt die Schülerin. Ein, zwei Monate habe das gedauert - sowohl im Klassenchat als auch in der Schule. Dann trat sie aus dem Gruppenchat aus. "Ich war sehr froh, als ich den Klassenchat verlassen hab."
Sticker, die in Klassenchats genutzt wurden: Auf eine Frau wird eine Waffe gerichtet - und auf zwei sich paarende Esel wurden Köpfe von Schülern montiert.
Gemobbt wurde sie dort trotzdem noch: Jemand postete ein KI-Bild, das sie flirtend mit einem Jungen zeigte, wie sie von anderen erfuhr. "Es war halt bedrückend", erzählt sie über diese Zeit. "Ich wollte auch nicht wirklich drüber reden mit meiner Familie - eher so mit Freunden", sagt sie.
"Ja, es ist halt anstrengend, damit umzugehen." Siebstklässlerin über Mobbing-Erfahrung
Die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern zeigen: Es sind nicht nur schlimme Mobbing-Erfahrungen durch die Klassenchats, die sich bei ihnen einprägen. Nicht selten sind es einfach die Bilder, die sie nicht mehr aus ihren Köpfen bekommen.
Bilder von abgehackten Körperteilen
Eine andere Siebtklässlerin erzählt von "ganz vielen Stickern" mit abgehackten Körperteilen, die Mitschüler im Klassenchat teilten. "Ich war sehr schockiert, dass das von meiner eigenen Klasse kam", sagt sie. Da wollte sie die Gruppe "einfach nur noch verlassen".
Ein Fünftklässler erzählt von Nacktbildern, die ihm unangenehm waren. "Das war das allererste Mal, dass ich Nacktbilder von anderen Leuten gesehen habe", sagt er. "Blöd" sei das gewesen. Er habe nicht schlafen können und versucht, "das irgendwie aus meinem Kopf rauszupressen".
Ein anderer Junge erzählt von einem Bild mit einem Monster aus einem Horrorfilm. Das hätte er lieber nicht gesehen.
Was ihn aber ebenso belastet, das ist die große Menge an Nachrichten im Klassenchat. Es seien Hunderte, jeden Tag. "Wenn man dann schlafen will und das Handy die ganze Zeit Geräusche macht, dann ist das schon ein bisschen nervig." Er selbst lese die Nachrichten vom späten Abend daher nur noch am nächsten Morgen.
Manchmal sind es auch nicht die Inhalte in den Klassenchats, mit denen die Schüler sich schwertun. Belasten kann schon, wenn man ausgeschlossen wird und nicht Mitglied sein darf im Gruppenchat. Jemand habe sie "einfach rausgeschmissen", erzählt eine Schülerin. Warum, das frage sie sich bis heute.
Als 14-Jähriger teilte er im Chat rechtsextreme Sticker
Nicht selten kursiert in den Klassenchats Verbotenes: zum Beispiel kinderpornografische, jugendpornografische oder rechtsextremistische Inhalte. Vor fünf Jahren habe er im Klassenchat rechtsextreme Sticker gepostet, erzählt uns ein 19-Jähriger. Es sei "nie wirklich ernst gemeint" gewesen.
"Ich bin ja nicht irgendwie rechtsradikal oder so. Wir haben das einfach aus Spaß einander geschickt." 19-Jähriger, der früher Rechtsextremes postete
"Manche waren auch echt lustig", sagt er über die Sticker mit Hitler und anderen Motiven. "Manche waren übertrieben, muss ich sagen. Und dann ist die Polizei eines Tages bei mir angekommen."
Hitler macht das Herz-Handzeichen: Ein fragwürdiger WhatsApp-Sticker aus einem Klassenchat, der aber nicht verfassungswidrig ist.
Um 7 Uhr morgens klingelte es an der Tür. Vor der Tür standen zwei Polizisten. "Dann saßen wir im Wohnzimmer", erinnert er sich. Und der eine "hat mich die ganze Zeit angeschaut. Und ja, ich hatte so ein bisschen Herzrasen, muss ich sagen, so total unter Schock."
Später habe er vielen Leuten vom Besuch der Polizei erzählt. "Und ich glaube, davon wurden die auch schon so abgeschreckt." Rechtsextreme Inhalte habe es danach im Klassenchat nicht mehr gegeben.
Der Besuch der Polizei "hat mir ein bisschen so die Augen geöffnet, glaube ich, und mich dazu gebracht, so ein bisschen reifer zu denken", sagt der junge Mann.
Dass die Polizei wegen Klassenchat-Inhalten plötzlich vor der Haustür steht, kommt immer wieder mal vor in Deutschland. Trotzdem bleibt es eine Ausnahme. Das meiste, was in Klassenchats passiert, bleibt für Außenstehende verborgen.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräche mit Schülerinnen und Schülern in NRW
- WDR-Umfrage zu Klassenchats von Infratest dimap
Sendung: WDR.de, 0630 - der News-Podcast, 18.03.2026, 6.30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 18.03.2026, 12:45 Uhr
