Inside Klassenchats

Doku & Reportage 18.03.2026 31:25 Min. UT Verfügbar bis 18.03.2027 WDR Von Susanna Zdrzalek; Katharina Spreier

Was Fachleute fordern, um Klassenchats sicherer zu machen

Stand:

Strengere Regeln, mehr Medienbildung, bessere Schutzangebote für Kinder: Das fordern Fachleute, um Klassenchats sicherer zu machen.

Von Zeynep Çağman

Klassenchats sind ein wichtiger sozialer Raum für Schülerinnen und Schüler - aber auch ein Ort, wo viel digitale Gewalt stattfindet. Würde eine Altersbeschränkung etwas bringen? Und welche Maßnahmen wären darüber hinaus sinnvoll, um Kinder und Jugendliche besser vor problematischen Klassenchats zu schützen? Wir haben Expertinnen und Experten gefragt.

Was bringt eine Altersbegrenzung für Social Media?

Die Debatte um eine verbindliche Altersgrenze für soziale Netzwerke gewinnt in Deutschland an Fahrt. Während Australien bereits 2025 eine Altersgrenze von 16 Jahren eingeführt hat, wird hierzulande noch diskutiert.

Klassenchats spielen sich häufig im Messengerdienst WhatsApp und ähnlichen Apps ab. Messenger gelten zwar aktuell nicht als Social-Media-Plattformen, zumindest WhatsApp könnte aber laut EU-Kommission bald als große Online-Plattform gelten. Damit würde die Plattform auch unter eine mögliche Altersbegrenzung fallen.

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Für eine Altersgrenze: "Kinder sollten nicht unbegleitet in unmoderierten Gruppen sein"

Portrait von Thomas-Gabriel Rüdiger

Thomas-Gabriel Rüdiger, Hochschule der Polizei Brandenburg

"Meiner Meinung nach sollten zehn- und elfjährige Kinder noch nicht unbegleitet in einer unmoderierten Form von Chatgruppen sein." Das sagt Thomas-Gabriel Rüdiger, Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, und er ist mit dieser Meinung nicht allein.

Auch aus der Politik häufen sich derzeit die Stimmen, die sich für eine Social-Media-Altersgrenze aussprechen. Zuletzt sprach sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dafür aus, soziale Medien für Kinder unter 14 Jahren zu begrenzen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) unterstützte diese Forderung. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) könne sich sogar ein Verbot für alle unter 18 Jahren vorstellen.

Portrait von Alexandra Geese

Alexandra Geese, Abgeordnete EU-Parlament (Grüne)

Alexandra Geese ist Grünen-Abgeordnete im EU-Parlament. Ein Social-Media-Verbot sieht sie als Notlösung. Es sei "eine Art Notbremse, weil Social-Media-Plattformen so schlimm geworden sind, dass uns keine andere Lösung mehr einfällt, als zumindest Kinder und Jugendliche davon fernzuhalten. Es löst aber das eigentliche Problem nicht."

Gegen eine Altersgrenze: "Regelung verlagert das Problem"

Das sieht auch Michaela Engelmeier so, Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland. Der Verband halte ein generelles Social-Media-Verbot für bestimmte Altersgruppen für falsch. Der Grund: "Diese Regelung verlagert das Problem dann lediglich auf einen anderen Zeitpunkt, denn die Herausforderungen kommen bei einem Verbot zwar später - sogleich allerdings auch auf eine unvorbereitete Gesellschaft zu."

Wenn man respektvoll mit der Jugend umgehen wolle, könne man ihnen nicht einfach den Riegel vorschieben, so Engelmeier: "Umso wichtiger wäre es aus unserer Sicht, das Schulfach 'Medienkompetenz' einzuführen."

Medienkompetenz: Prävention statt Reaktion

Engelmeier betont, dass nicht Verbote, sondern ein "gemeinsames Erleben in einem geschützten Setting und mit entsprechend pädagogischer und psychologischer Betreuung" entscheidend sei, um gesunde Mediennutzung zu vermitteln.

Portrait von Stefanie Rack

Stefanie Rack, Lehrerin und Medienpädagogin

Auch Stefanie Rack, Lehrerin und Medienpädagogin der EU-Initiative klicksafe, sieht großen Nachholbedarf. Medienkompetenz werde in Deutschland noch immer unterschätzt. Die Vermittlung grundlegender Medienbildung sollte bereits in der Grundschule beginnen, findet Rack.

"Medienkompetenz sollte flächendeckend als Schulfach ab Klasse 5 eingeführt werden." Baden-Württemberg hat mit dem Schulfach "Informatik und Medienbildung" bereits zum Schuljahr 2025/26 vorgelegt.

Reicht es, bei dem Thema digitale Bildung nur auf die Kinder zu schauen? Nein, findet Thomas-Gabriel Rüdiger. Die erste digitale Bildung erfolge meist durch die Eltern - und genau dort müsse angesetzt werden. Erwachsene müssten über grundlegende Risiken im digitalen Raum aufgeklärt werden, um ihre Rolle wahrnehmen zu können.

Rüdiger schlägt zum Beispiel eine Aufklärungskampagne mit kurzen, altersangepassten Videos zu digitalen Gefahren vor - so könnte man auch die Menschen informieren, die man durch klassische Angebote wie Elternabende nicht erreiche. 

Brauchen wir eine Internetwache für Kinder und Jugendliche?

Rüdiger sieht nicht nur in der Aufklärung Nachholbedarf - es gebe auch eine Lücke im Kontakt zwischen Minderjährigen und Sicherheitsbehörden, sagt er. Zwar existieren bereits Onlinewachen der Polizei, doch diese seien "eher Briefkästen", in die man Formulare einwerfe - oft wenig nutzerfreundlich.

"Bisher sind mir keine altersangepassten Angebote bekannt, über die Minderjährige direkt und niedrigschwellig im digitalen Raum mit den Sicherheitsbehörden in Kontakt treten können. Aus meiner Sicht ist das eine klare Schutzlücke." Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe

Eine bundesweite zentrale Kinder-Onlinewache hält er deshalb für sinnvoll. Über das Angebot sollten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit bekommen, im digitalen Raum unkompliziert Hilfe zu finden und Kontakt zu Sicherheitsbehörden aufzunehmen.

Für Jugendliche spiele sich ein großer Teil ihres Lebens online ab - da "halte ich es für angemessen, dass der Staat zumindest ein solch niedrigschwelliges Unterstützungsangebot für Minderjährige bereitstellt", so Rüdiger.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR Mediathek: Inside Klassenchats, 18.03.2026, 5.30 Uhr

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