Soziologe Dr. Joris Steg im Interview | Aktuelle Stunde
03:19 Min.. Verfügbar bis 05.02.2028.
Nach Angriff auf Zugbegleiter: Soziologe sieht Verrohungstrend
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Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz sorgt auch in NRW für Entsetzen. Ein Soziologe spricht im WDR von einem "gesamtgesellschaftlichen Verrohungstrend", der sich immer mehr in Gewalt entlade.
Am Montagabend war auf der Fahrt von Landstuhl nach Homburg ein 36-jähriger Zugbegleiter so schwer verprügelt worden, dass er an seinen Kopfverletzungen starb. Immer wieder werden Fälle von Gewalt gegen Zugpersonal gemeldet - zuletzt etwa aus Lüdenscheid. Wir haben über das Thema mit dem Soziologen Joris Steg gesprochen. Er forscht an der Uni Wuppertal unter anderem zu Gewalt gegen Amtspersonen.
WDR: Warum nimmt Gewalt gegen Einsatzkräfte, Zugbegleiter, Mitarbeiter in Jobcentern und Menschen in der Politik zu?
Joris Steg im WDR-Interview
Joris Steg: Was wir erleben, ist leider ein übergreifender Trend. Wir erleben ein zunehmendes Aggressionslevel, eine zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber vielfältigen Berufen des öffentlichen Bereiches. Es trifft leider nicht nur Bahnmitarbeiter, es trifft auch Krankenhauspersonal, es trifft Journalist*innen, Lehrer*innen, Einsatzkräfte, Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr. Und wir erleben einen gesamtgesellschaftlichen Verrohungstrend, der sich immer mehr in Gewalt entlädt.
WDR: Das sind ja alles irgendwie Vertreter des Staates.
Joris Steg: Genau, es sind alles Vertreter des Staates, alles sind Berufsgruppen, die etwas dafür tun, dass diese Gesellschaft am Laufen bleibt, dass die Gesellschaft funktioniert. Und diese Gruppen werden leider Gottes angegriffen, sodass eine sorgenfreie Tätigkeitsweise für wirklich gesellschaftlich notwendige Arbeiten nicht mehr so leicht möglich ist.
WDR: Hat das auch was mit der Gesamtgemengelage zu tun? Also, wir erleben, dass Donald Trump und andere in der Welt das Recht des Stärkeren leben und nicht mehr aufs Völkerrecht setzen.
Joris Steg: Natürlich gibt es da keinen unmittelbaren Zusammenhang, aber wir erleben global auch, dass sich eben das Recht des Stärkeren durchsetzt, dass sich Gewaltbereitschaft, auch die Bereitschaft zu Kriegen durchsetzt.
Und in den Gesellschaften erleben wir eben vor allem zunächst einmal eine Enthemmung der Sprache, gerade im digitalen Raum: dass Respektlosigkeiten, Unflätigkeiten, Beleidigungen, Bedrohungen gerade im Internet zunehmen. Und wenn sich Grenzen des Sagbaren verschieben, verschieben sich auch irgendwann Grenzen der als legitim angesehenen Handlungen - und dass sich eben sprachliche Gewalt sogar in rohe physische Gewalt übersetzen kann.
WDR: Hat das irgendwas mit Macho-Kultur zu tun? Gefühlt sind das immer Männer. Aber hat das auch etwas mit dem kulturellen Hintergrund zu tun?
Joris Steg: Das kann ich so nicht bestätigen und das zeigt die Forschung auch nicht. Was wir in der Tat erleben, ist, dass fast alle Täter männlich sind, also gerade bei roher physischer Gewalt. Aber wenn wir uns zum Beispiel angucken, wenn Gewalt gegen Polizist*innen ausgeübt wird, da sind meistens Alkohol oder Drogen im Spiel und da spielt die Herkunft oder der kulturelle Hintergrund keine große Rolle.
Auch bei der Gewalt gegen Politiker*innen geht es eher um die politische Richtung, aus der die Täter entstammen und ich kann nicht bestätigen, dass kultureller Hintergrund oder Herkunft da entscheidend sind.
WDR: Und wenn wir nach vorne blicken, scheint klar: Wir können da keine Toleranz zeigen. Wir dürfen uns an so etwas nicht gewöhnen.
Joris Steg: Nein, wir dürfen uns an so etwas auf gar keinen Fall gewöhnen. Gewalt darf nicht normaler Teil der Berufsausübung sein. Wir müssen jeder Normalisierung und Bagatellisierung dieser Gewalt entgegenwirken und das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der Politik und auch Gesellschaft gefordert sind.
Hinweis der Redaktion: Das Gespräch führte WDR-Moderatorin Susanne Wieseler in der "Aktuellen Stunde". Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview an mehreren Stellen leicht angepasst.
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.02.2026, 18:45 Uhr.