Kriminalität und Migration: Welche Rolle die Herkunft spielt
Aktuelle Stunde . 01.10.2025. 20:51 Min.. UT. Verfügbar bis 01.10.2027. WDR. Von Henry Bischoff.
Kriminalität und Migration: Welche Rolle die Herkunft spielt
Stand:
Als erstes Bundesland will NRW in der Kriminalstatistik angeben, ob deutsche Tatverdächtige noch weitere Staatsbürgerschaften haben. Was steckt dahinter? Sind Menschen mit Migrationsgeschichte häufiger kriminell als ohne? Welche Straftaten betrifft das? Fakten und Erklärungen.
In Essen verliert ein junger Mann am helllichten Tag bei einer Schlägerei beinahe sein Leben. Die Polizei nimmt wenig später einen jungen Syrer und einen jugendlichen Afghanen fest. In Köln wird eine junge Frau hinter einen Container gezerrt und vergewaltigt. Mithilfe von Videoaufnahmen ermittelt die Polizei einen jungen Algerier. In Detmold kommt es zu einer Auseinandersetzung mehrerer junger Männer. Ein Deutsch-Türke wird mit einem Messer verletzt, danach erschießt er einen Syrer.
Messeranschlag und Silvester-Übergriffe
Delikte wie diese kommen nicht selten vor in NRW. Und manchmal kommt die Gewalt einiger Migranten auch noch erschütternder daher: etwa beim Messeranschlag von Solingen inmitten eines Stadtfestes im vergangenen Jahr oder bei den massenhaften Übergriffen sexualisierter Gewalt in der Silvesternacht vor zehn Jahren in Köln.
Barbesitzer in Minden: Die Stadt ist unsicherer geworden
Fabio, Barbesitzer in Minden
Aus Sicht des Mindener Barbesitzers Fabio ist es merklich unsicherer geworden in seiner Stadt: Durch die Fenster seines Lokals beobachte er immer wieder Raub, Schlägereien und mehr, berichtet er dem WDR. Die Kundschaft bleibe ihm weg. "Man hört oft: Die haben Angst."
Ein guter Freund von ihm sei im vergangenen Jahr von mehreren Migranten brutal zusammengeschlagen und verletzt worden. "So schwer, dass er nicht mehr normal leben kann, nicht mehr normal gehen kann, teilweise gelähmt ist", sagt Fabio.
Kellnerin in Köln: Von mehreren Männern verfolgt
Sandra, Kellnerin in Köln
Die Kölner Kellnerin Sandra kam bislang glimpflich davon. Bedrohliche Situationen kennt auch sie. "Letztes Jahr wollte mir einer zwei Stühle überm Kopf zerschlagen", erzählt sie dem WDR. Ein anderes Mal seien ihr mehrere ausländisch aussehende Männer am helllichten Tag hinterhergelaufen, "dass ich wirklich Angst bekommen habe". Sie konnte sich ins Auto flüchten und rief dann per Telefon um Hilfe.
In Düsseldorf berichtet eine junge Frau auf der Straße, wie sie in einem Club von einem Mann unangemessen berührt worden sei. Sie habe gerade getanzt "und da kam halt einer von hinten", erzählt sie dem WDR.
Zwei Freundinnen in Düsseldorf
"Ich glaube", sagt die Freundin neben ihr, "das liegt eher am Geschlecht und nicht an der Herkunft." Die beiden sind sich einig und lachen. Aber auch darin sind sie sich einig: Es fehle heutzutage häufig an Respekt.
Landrat Ali Doğan: Das Thema kam lange Zeit zu kurz
Die Zusammenhänge zwischen Migration und Kriminalität werden in der Wissenschaft schon seit Jahrzehnten untersucht. In der Öffentlichkeit aber sei das Thema lange Zeit zu kurz gekommen, findet Ali Doğan (SPD), Landrat des Kreises Minden-Lübbecke.
Ali Doğan (SPD), Landrat des Kreises Minden-Lübbecke
"Es war ein Fehler", sagt er dem WDR, "dass man diese gesamte Thematik extremistischen Kräften in der Politik hinterlassen hat, sodass das in der Bevölkerung angekommen ist, dass die demokratische Mitte nicht über dieses Thema sprechen wollte." Das schafft Misstrauen, findet Landrat Doğan.
Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bereitet dieses Misstrauen in der Bevölkerung Sorge:
"Wir haben einen Vertrauensverlust in den Staat, der ist dramatisch." Herbert Reul, NRW-Innenminister
Ein Grund dafür sei, so Reul, dass viele Menschen überzeugt seien: "Die sagen uns nicht die ganze Wahrheit." Dem will er sich entgegenstellen - mit zusätzlicher Transparenz.
Herbert Reul (CDU), NRW-Innenminister
Schon im vergangenen Jahr ordnete Reul an, dass die Polizei in ihren Pressemitteilungen stets die Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen nennen soll. In diesem Sommer hat er nachgelegt und einen neuen Erlass herausgegeben: Es geht um deutsche Tatverdächtige, die noch weitere Staatsangehörigkeiten haben. In Zukunft sollen sie in der Kriminalstatistik für NRW mit allen Nationalitäten aufgelistet werden. Dasselbe gilt für die Opfer.
"Wer die Realität sehen will, muss sie auch messen", begründete Reul diesen Schritt im August. Erkenntnisse aus der neuen Erhebung könne man aber wohl erst nach einem Jahr ziehen, sagt der Minister.
Unsere lange Video-Reportage zum Thema könnt ihr euch hier anschauen:
Statistiken zu Kriminalität und Migration
Von ausländischen Tatverdächtigen wird die Nationalität ohnehin erfasst. Daher gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik auch jetzt schon Auskunft über Migration und Kriminalität. Darüber hinaus stehen Statistiken zu Verurteilten und Strafgefangenen zur Verfügung.
All diese Zahlen bestätigen laut Kriminologe Christian Walburg, dass sich Migration klar erkennbar auf Kriminalität auswirkt:
"Insgesamt können wir seit Längerem feststellen, dass Neuzugezogene, Einwanderer, Geflüchtete etwas häufiger mit Straftaten auffallen als Menschen ohne Migrationshintergrund." Christian Walburg, Kriminologe
Christian Walburg, Kriminologe in Münster
Geflüchtete würden etwa drei bis vier Mal mehr mit Straftaten auffallen als die einheimische Bevölkerung, sagt Walburg dem WDR. Schon seit Jahren erforscht er die Zusammenhänge von Migration und Kriminalität. Aktuell leitet er als Vertretungsprofessor an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster den Fachbereich Kriminologie und interdisziplinäre Kriminalprävention.
Tatverdächtige Zuwanderer: Was die Polizei darunter versteht
In der Polizeilichen Kriminalstatistik tauchen Geflüchtete nicht als eigene Kategorie auf. Stattdessen gibt es dort Zahlen zu Zuwanderern, allerdings in sehr enger Definition. Zu den Zuwanderern im polizeilichen Sinne zählen genau diese Gruppen:
- Asylbewerber
- Schutzberechtigte
- Asylberechtigte (sprich: anerkannte Flüchtlinge)
- Kontingentflüchtlinge
- Menschen mit Status "Duldung"
- Menschen mit unerlaubtem Aufenthalt (ohne Papiere)
Bezogen auf alle Delikte sind Zuwanderer in diesem Sinne unter den Tatverdächtigen etwa doppelt so stark vertreten wie in der Bevölkerung. Ausländerrechtliche Verstöße sind dabei allerdings rausgerechnet, weil Deutsche sie größtenteils ohnehin nicht begehen können.
- 8,8 Prozent: Das ist der Anteil der Zuwanderer (im polizeilichen Sinne) unter allen Tatverdächtigen im Jahr 2024 - ohne ausländerrechtliche Verstöße.
- 4 Prozent: Das ist der grob geschätzte Anteil, den Zuwanderer (im polizeilichen Sinne) in der Bevölkerung ausmachen, sagt Kriminologe Walburg. Genauer lasse sich das nicht sagen, weil die Zahl der Menschen ohne Papiere naturgemäß nur geschätzt werden kann.
Nichtdeutsche in der Kriminalstatistik
Aussagen über Migration geben in der Kriminalstatistik auch die Zahlen zu nichtdeutschen beziehungsweise ausländischen Tatverdächtigen. Diese Kategorie umfasst aber viele Gruppen, unter anderem diese:
- Zuwanderer im polizeilichen Sinne
- Menschen mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht wie etwa Einwanderer und Nachkommen ohne deutschen Pass
- Touristen
- Durchreisende
- Ausländer, die hier vorübergehend arbeiten und studieren
- Kriminelle, die nur kurzzeitig im Land sind, um Straftaten zu begehen
Aussagen über Migration und Kriminalität sind also immer nur eingeschränkt möglich - je nachdem, was man unter Begriffen wie Migrant, Zuwanderer oder Migrationsgeschichte versteht.
"Zuwanderer" teils dreimal so oft tatverdächtig
Bei Zuwanderern im polizeilichen Sinne fällt bei genauerer Betrachtung auf: Bei manchen Straftaten ist ihr Anteil unter den Tatverdächtigen sogar dreimal so hoch wie ihr Bevölkerungsanteil, zum Teil auch noch höher. Das betrifft zum Beispiel gefährliche und schwere Körperverletzung, Raubdelikte sowie den Bereich Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe in besonders schwerem Fall einschließlich Todesfolge.
Psychiater Urbaniok: Einige Nationalitäten überrepräsentiert
Der in der Schweiz lebende forensische Psychiater Frank Urbaniok wollte mehr erfahren über die Nationalitäten der Tatverdächtigen. Dafür nahm er einzelne Delikte aus der Statistik genauer unter die Lupe. Sein Fazit: Es gibt bestimmte Nationalitäten, die im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil sehr viel mehr Tatverdächtige hervorbringen als andere Nationalitäten.
Frank Urbaniok, forensische Psychiater
Im April erschien Urbanioks neues Buch: "Schattenseiten der Migration: Zahlen, Fakten, Lösungen" Seitdem macht er mit einigen Interviews auf sich aufmerksam: etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" oder als Podcast mit "Bild"-Vize Paul Ronzheimer oder dem des "Cicero".
Es sei schwer gewesen, einen Verlag zu finden, berichtet Urbaniok im Interview mit dem WDR. Sein Buch ist trotz der Analysen von Statistiken kein klassisches wissenschaftliches Werk. Urbaniok nimmt sich reichlich Platz, um seine Meinung kundzutun und teilt gelegentlich gegen Wissenschaftler aus: "Anders als viele der Theoretiker im Elfenbeinturm habe ich selbst viele Bekannte und Freunde mit Migrationshintergrund", schreibt er in seinem Buch.
Wie Urbaniok Überrepräsentation errechnet
Für seine Analysen zu den Nationalitäten von Tatverdächtigen nutzt Urbaniok die Kategorie der Überrepräsentation. Das Rechenbeispiel aus seinem Buch: Im Jahr 2023 wurden laut der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundes 1.116 Algerier verdächtigt, eine gefährliche Körperverletzung verübt zu haben.
In dem Jahr lebten 25.045 Algerier in Deutschland. Hochgerechnet auf 100.000 beträgt die Kriminalitätsquote von Algeriern bei diesen Straftaten in Relation zum Bevölkerungsanteil somit 4.456. Die Quote der Deutschen beträgt nach dieser Berechnung 126. Im Verhältnis zueinander ist das eine Überrepräsentation der Algerier von 3.443 Prozent.
Afrikanische Staaten führen Urbanioks Listen an
Anders gesagt: Algerier in Deutschland verursachten in dem Jahr in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil etwa 30 Mal so viele Fälle von gefährlicher Körperverletzung wie deutsche Staatsbürger - mutmaßlich, wohlgemerkt, denn zum Zeitpunkt der Erfassung waren sie Tatverdächtige und nicht Verurteilte. Besonders überrepräsentiert sind bei diesen Straftaten auch die Länder Libyen, Gambia, Guinea, Somalia und Sudan.
Bei Raub ist Algerien ebenfalls am stärksten überrepräsentiert, gefolgt von Georgien, Libyen, Marokko und Guinea. Und auch bei Straftaten gegen das Leben (vor allem Mord und Totschlag) führt Algerien Urbanioks Liste an, gefolgt von Libyen, Somalia, Tunesien und Gambia. Bei Sexualdelikten ist Gambia am stärksten überrepräsentiert, gefolgt von Guinea, Algerien, Tunesien und Sudan.
Und es zeige sich, so Urbaniok, dass sich die Zahlen in den vergangenen Jahren nicht stark verändert hätten.
Urbaniok hält das für "inakzeptabel". "Das sind ja nicht Zahlen, die abstrakt und theoretisch sind", sagt er dem WDR. "Sondern die bedeuten, dass aus diesen Herkunftsländern die Personen dann fünfmal, achtmal, zehnmal, zwölfmal mehr Opfer verursachen."
Kriminologe Walburg: Statistische Ungenauigkeiten möglich
Kriminologe Walburg ist bei Aussagen zu einzelnen Nationalitäten zurückhaltender. Gerade bei kleinen Gruppen von Zugezogenen könne es zu statistischen Ungenauigkeiten kommen, gibt er zu Bedenken. Denn da mache es einen großen Unterschied, wie hoch die nicht erfasste Zahl von Menschen dieser Nationalität ohne Aufenthaltserlaubnis ist.
Beispiel Algerier: 2023 lebten offiziell 25.045 Ausländer mit dieser Staatsbürgerschaft in Deutschland - eine eher kleine Gruppe also. Sollte die reale Zahl der hier lebenden Algerier durch illegale Auffenthalte deutlich höher sein, dann würde die relativ hohe Zahl von 1.116 algerischen Tatverdächtigen bei gefährlicher Körperverletzung im Verhältnis schon nicht mehr ganz so groß wirken. Ihre Überrepräsentation würde damit geringer ausfallen.
Zuverlässigere Aussagen könne man über große Gruppen von Neuzuwanderern machen, sagt Walburg. Da gebe es vor allem vier Gruppen von Geflüchteten: Ukrainer, Syrer, Afghanen und Iraker. Beispiel Syrer: Von ihnen sind laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen zehn Jahren etwa eine Million nach Deutschland gekommen. Da fällt es statistisch nicht ins Gewicht, falls noch ein paar Tausend weitere Syrer hier illegal leben sollten.
Laut Walburg haben syrische Tatverdächtige bei den polizeilich erfassten Gewaltdelikten "etwa eine fünf- bis sechsfach höhere Auffälligkeit im Vergleich zur nicht migrantischen Bevölkerung." Bezogen auf alle Straftaten sei die Auffälligkeit von Syrern dreifach höher - ausländerrechtliche Verstöße ausgenommen.
Wie also ist das Verhältnis zu allen Zuwanderern im polizeilichen Sinne (also Asylbewerber, Asylberechtigte, Schutzberechtigte, Kontingent-Flüchtlinge, Menschen mit Duldung und unerlaubtem Aufenthalt)? Da liegen nicht nur Syrer über dem Durchschnitt, sondern praktisch auch alle anderen Nationen. Der Grund: Zu diesen "Zuwanderern" gehört auch die große Gruppe der Ukrainer, darunter viele Frauen und Kinder, deren Kriminalitätsbeteiligung äußerst gering ist.
Obwohl man bei Algeriern wie auch bei anderen kleinen Gruppen von Neuzuwanderern nur schwer zuverlässige Zahlen nennen könne, widerspricht Walburg der von Urbaniok berechneten Überrepräsentation bestimmter Nationen bei Tatverdächtigen nicht. Es sei unbestritten, so der Kriminologe, dass junge Männer, die in den vergangenen Jahren häufig aus schwierigen Verhältnissen und mit ungünstigen Perspektiven aus Nordafrika nach Europa gekommen sind, zu den momentan am stärksten auffallenden Gruppen gehören.
Erklärungsversuche: Warum Neuzuwanderer häufiger straffällig werden
Woher kommt es also, dass Neuzuwanderer und Menschen bestimmter Nationalitäten häufiger Straftaten begehen als andere? Es gibt verschiedene Erklärungsversuche, die sich zum Teil widersprechen, aber auch überschneiden.
Erklärungsansatz "junge Männer"
Ein Teil der Erklärung für die erhöhte migrantische Kriminalität ist nach weit verbreiteter Ansicht unter Kriminologen der hohe Anteil junger Männer bei den Zugezogenen. Junge Männer hätten immer die höchsten Kriminalitätsraten, heißt es - in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten.
Dass übers Mittelmeer vor allem junge Männer nach Europa kommen, liegt laut Migrationsforschern unter anderem daran, dass Männer in vielen Ländern als Hauptverdiener gesehen werden. Und weil die Reise nach Europa gefährlich und teuer ist, schicken viele Familien ihre jungen Männer los, um in der Ferne für den Unterhalt der restlichen Familienmitglieder zu sorgen.
Psychiater Urbaniok will den Faktor "junge Männer" nicht gelten lassen. Selbst wenn man diesen berücksichtige, würden sich die Kriminalitätsquoten von Deutschen und Ausländern nach seinen Berechnungen nicht annähern.
Kriminologe Walburg hält dagegen: Einerseits sei richtig, dass der Faktor "junge Männer" nicht alles erklären könne. "Andererseits darf man diesen Umstand nicht ausblenden. Der gehört mit zu der Erklärung." Die Alters- und Geschlechtszusammensetzung erkläre etwa 25 bis 30 Prozent der erhöhten kriminellen Auffälligkeit von Ausländern.
Erklärungsansatz "Ausländer in Ballungsräumen"
Das Münchner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung kommt in einer Studie von Februar ebenfalls zum Ergebnis, dass der Faktor "junge Männer" eine wichtige Rolle spielt. Es hat aber vor allem eine andere Erklärung:
Ausländer seien auch deshalb vermehrt kriminell, weil sie in Deutschland vermehrt in Regionen leben, in denen es häufiger zu Straftaten kommt. Die ifo-Forscher werteten dafür die Kriminalstatistik nach Kreisen und kreisfreien Städten aus.
Erklärungsansatz "kulturspezifische Prägungen" oder "Lebensgeschichte"
Urbaniok hat eine ganz eigene Erklärung für die von ihm errechnete "extreme Überrepräsentation" bestimmter Nationalitäten in der Kriminalstatistik. Er verweist auf seine jahrelange Arbeit als forensischer Psychiater mit Sexual- und Gewaltstraftätern und kommt zu dem Schluss: Es liegt an den "kulturspezifischen Prägungen" der Zugezogenen. Das seien zum Beispiel:
- Gewaltfördernde Selbstbilder (Gewalt als Ausdruck von Stärke und Männlichkeit)
- Gewaltfördernde Rollenbilder (Verfügbarkeit von Frauen)
- Ablehnung des Rechtsstaats und westlicher Werte
- Extremismus
- Gewaltaffinität (Gewalt als legitimes Mittel zur Erreichung von Zielen)
- Parallelkulturelle Orientierung (zum Beispiel kriminelle Familientraditionen)
"Messerangriffe, Antisemitismus, Diskriminierung von Minderheiten und viele andere Probleme hängen alle eng mit den erwähnten kulturspezifischen Prägungen zusammen", schreibt Urbaniok in seinem Buch. Und: "Sie können über Generationen bestehen bleiben."
Alle anderen Erklärungen seien "nicht im Ansatz geeignet, diese extreme Überrepräsentation zu erklären", ist Urbaniok überzeugt. Im Gegenteil: Viele andere Erklärungen seien "gezielte Desinformation".
Ahmad Mansour, Migrationsexperte
Migrationsexperte Ahmad Mansour spricht von einem "kulturellen Gepäck", das Einwanderer mitbringen, ohne dass er sich Urbanioks Worte zu eigen macht. Der muslimische, israelisch-deutsche Psychologe und Autor nennt als Beispiel Syrer und Afghanen: Junge Menschen, die von dort kommen, hätten in ihrer Kindheit kaum Individualität und Selbstbestimmung erfahren, sagt er dem WDR. Stattdessen hätten sie Gewalt als "legitime Erziehungsmethode" und eine tabuisierte und kriminalisierte Sexualität erlebt.
Wer mit einem solchen "kulturellen Gepäck" nach Deutschland komme, habe Schwierigkeiten, "ganz normal mit unseren Werten umzugehen" wie etwa Individualität, sexuelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, sagt Mansour.
Auch für Kriminologe Walburg spielt all das, was Menschen bei ihrer Einwanderung mitbringen, eine wichtige Rolle, um zu erklären, warum sie straffällig werden oder ein erhöhtes Risiko dazu haben.
Walburg spricht hier von "Lebensgeschichte". Dazu zählt er "Erfahrungen, die ein Mensch im Leben gemacht hat", die Sozialisation im Herkunftsland, ein Aufwachsen in instabilen Verhältnissen sowie Traumatisierungen durch Gewalt und andere Fluchterlebnisse.
Ein kleines Beispiel zu kulturellen Aspekten, die er bei manchen Delikten für bedeutsam hält: Aus dem Herkunftsland mitgebrachte Ansichten über "männliche Ehre" oder "die Ehre der Familie". Denn das könne bei manchen Gewalttaten als Motiv eine wichtige Rolle spielen. Insofern sieht auch er zum Teil "kulturspezifischen Prägungen", von denen Urbaniok spricht, oder "kulturelles Gepäck", wie Mansour es nennt.
Walburg aber betont, dass die Ursachen von Kriminalität immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren seien, vor allem der "Lebensgeschichte" und der "aktuellen Lebensumstände".
Erklärungsansatz "aktuelle Lebensumstände"
Die "aktuellen Lebensumstände" ergänzen laut Walburg den Erklärungsansatz der "Lebensgeschichte". Gemeint ist die persönliche soziale Situation. So lebe der eine auf engem Raum im Flüchtlingsheim, ohne Tagesstruktur, ohne Bleibeperspektive, während der andere eine Arbeit, Perspektive und soziale Einbindung habe.
Erst im Zusammenspiel dieser Faktoren kann man nach Ansicht von Walburg das Entstehen von Kriminalität umfassend erklären.
Auf den Punkt: Was Migration und Kriminalität verbindet
- Neu Zugewanderte sind statistisch gesehen tatsächlich häufiger kriminell als ohne einen solchen Hintergrund.
- Eine auffällig hohe migrantische Kriminalität ist unter anderem in solchen Straftatbeständen festzustellen, die das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung stark beeinflussen: gefährliche und schwere Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe.
- Die Kriminalitätsbeteiligung unterscheidet sich auch nach Nationalitäten. Im Vergleich zum Durchschnitt aller Zuwanderer (im polizeilichen Sinne) ist sie bei Syrern laut der Tatverdächtigenzahlen höher. Sie ist aber auch bei den meisten anderen Nationen höher, weil die Kriminalitätsbeteiligung in der großen Gruppe der ukrainischen Frauen und Kinder so gering ist. Höher als die Kriminalitätsbeteiligung der Syrer ist zum Beispiel die der Afghanen. Besonders hoch ist sie vor allem bei Nordafrikanern.
- Für die erhöhte migrantische Kriminalität gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, die sich zum Teil ergänzen und widersprechen. Wichtige Faktoren könnten sein: vermehrt junge Männer, Ausländer in Ballungsräumen, kulturspezifische Prägungen, Lebensgeschichte und Erfahrungen sowie aktuelle Lebensumstände.
Hinweis der Redaktion, 2. Oktober 2025, 21.13 Uhr:
Am Ende des Beitrags heißt es in der Zusammenfassung: Die Kriminalitätsbeteiligung von Syrern sei höher als im Durchschnitt aller Zuwanderer (im polizeilichen Sinne). Wir haben die Zusammenfassung ergänzt: Die Kriminalitätsbeteiligung von Afghanen und vor allem von Nordafrikanern ist dabei höher als die von Syrern.
Dieses Verhältnis haben wir weiter oben im Beitrag deutlicher formuliert und die Zitate und Einschätzungen von Kriminologe Walburg sprachlich präzisiert, ohne ihren Sinn zu verändern.
Unsere Quellen:
- Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundes 2024
- WDR-Interview mit NRW-Innenminister Herbert Reul
- WDR-Interview mit Frank Urbaniok, forensische Psychiater
- WDR-Interview mit Christian Walburg, Kriminologe
- Pressemitteilungen der Polizei
- WDR-Interview mit Fabio, Barbesitzer in Minden
- WDR-Interview mit Sandra, Kellnerin in Köln
- WDR-Interview mit zwei Frauen in Düsseldorf
- WDR-Interview mit Ali Doğan (SPD), Landrat des Kreises Minden-Lübbecke
- WDR-Interview mit Ahmad Mansour, Migrationsexperte
- Christian Walburg: "Migration und Kriminalität. Erfahrungen und neuere Entwicklungen", Bundeszentrale für politische Bildung
- Buch von Frank Urbaniok: "Schattenseiten der Migration: Zahlen, Fakten, Lösungen"
- Statistisches Bundesamt zu Bevölkerungszahlen
- ifo-Studie "Steigert Migration die Kriminalität? Ein datenbasierter Blick"
