Kriminalitätsproblem in Deutschland | Aktuelle Stunde
02:56 Min.. Verfügbar bis 08.12.2027.
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat am Montag das Bundeslagebild "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung" für das Jahr 2024 veröffentlicht. Wenn man die Zahlen des BKA mit denen des Statistischen Bundesamtes zur Gesamtbevölkerung vergleicht, wird erneut deutlich: Der Anteil von Zuwanderern als Tatverdächtige in der BKA-Statistik liegt teilweise deutlich über ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Konkret: Der Anteil tatverdächtiger Zuwanderer an allen Tatverdächtigen lag im Jahr 2024 laut BKA bei 8,8 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2024 jedoch nur fast vier Prozent. "Das ist erstmal Fakt", sagt Kriminologe Christian Walburg von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster.
Allerdings ist das Thema komplizierter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Warum?
Was die Statistik nicht erfasst
Wie jede Kriminalitäts-Statistik bildet das Lagebild nicht alle Taten ab, sondern lediglich den kleinen, nicht repräsentativen Ausschnitt der angezeigten Delikte - das sogenannte "Hellfeld". Dieser Umstand kann das Gesamtbild verzerren.
Die BKA-Auswertung beschränkt sich zudem auf die "Allgemeinkriminalität". Die umfasst Taten, die nicht politisch motiviert sind. Auch ausländerrechtliche Verstöße werden nicht mitgezählt.
Die allermeisten Zuwanderer werden nicht straffällig
Der Blick auf die Tatverdächtigen kann auch davon ablenken, wie viele Zugewanderte sich an die Gesetze halten. "Die meisten Syrer werden eben nicht straffällig", so Kriminologe Christian Walburg.
Ähnlich sieht es Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW. Für sie ist der nach wie vor überproportionale Anteil der Zuwanderer in der Statistik "keine Überraschung", weil nicht neu. Aber sie sagt auch: "Insgesamt ist das aber nur ein ganz kleiner Teil, und das wird oft übersehen, wenn wir über diese Zahlen sprechen. Die aller-, allermeisten Geflüchteten wurden nicht polizeilich auffällig."
Jung und männlich als wichtige Faktoren
Grundsätzlich - und das unterscheidet Zuwanderer nicht von der Gesamtgesellschaft - sind Alter und Geschlecht wichtige Faktoren in der Kriminalität. So sei "jung und männlich ein starker Prädiktor für Gewaltkriminalität", sagt Walburg.
So ist etwa der Anteil der Syrer unter den tatverdächtigen Zuwanderern höher als ihr Anteil an Geflüchteten insgesamt. Bei den Zuwanderern aus der Ukraine ist es umgekehrt. Das liegt offenbar daran, dass aus der Ukraine deutlich mehr Frauen und Kinder nach Deutschland gekommen sind, während der Anteil junger Männer aus weiter entfernten Ländern mit deutlich gefährlicheren Flüchtlingsrouten wie Syrien deutlich höher ist.
Andere Wertesysteme als Problem
Ahmad Mansour
Auch "Kultur und Sozialisation" können eine Rolle spielen, wie der Migrationsexperte Ahmad Mansour am Montag mit Blick auf Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan im WDR-Gespräch betonte: "Diejenigen, die sich nicht integrieren, sind meistens Menschen, die ein ganz anderes Wertesystem mitbringen und Schwierigkeiten haben, dieses Wertesystem in Frage zu stellen." Sie verachteten den Rechtsstaat und hätten ein Problem mit den Grundwerten in unserer Gesellschaft. Dadurch würden sie krimineller und aggressiver.
Vor allem braucht es einen Rechtsstaat, der konsequent selbstbewusst seine Werte vertritt. Migrationsexperte Ahmad Mansour
Viele Eigentums- und Vermögensdelikte
Gina Rosa Wollinger
Wollinger verweist darauf, dass es sich in meisten Fällen nicht um schwere Kriminalität handele: "Den größten Anteil machen Eigentums- und Vermögensdelikte aus. Es ist nur ein ganz kleiner Anteil, der im Bereich Straftaten gegen das Leben auffällig wird oder auch im Bereich der Sexualkriminalität."
Was helfen kann
Mansour sagt, dass die Integrationsangebote "professioneller" werden müssen, will aber "nicht die Mehrheitsgesellschaft dafür verantwortlich machen, dass so manche kriminell werden". Es brauche Aufklärung und Begleitung, aber auch einen Rechtsstaat, der seine Werte konsequent beschützt.
Kriminologe Walburg nennt weitere Punkte, die eine Integration positiv beeinflussen könnten:
- kurze Asylverfahren, damit Menschen nicht lange in der Schwebe hängen
- eine Tagesstruktur und Zukunftsperspektiven durch Arbeit
- psychosoziale Versorgung von Zuwanderern
- frühe Integration von Kindern über Kitas und Schulen
- kontinuierliche Werte- und Normenvermittlung
Wer noch tiefer in dieses Thema einsteigen will, dem empfehlen wir diesen Beitrag:
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit dem Kriminologen Christian Walburg
- WDR-Gespräch mit dem Migrationsexperten Ahmad Mansour
- Interview mit der Professorin Gina Rosa Wollinger
- BKA-Lagebericht "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024"
- Nachrichtenagentur dpa
- Statistisches Bundesamt
Sendung: WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde, 08.12.2025, 18:45 Uhr