Drogenkonsum im öffentlichen Raum: Wie soll ich damit umgehen?
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Eine Begegnung mit Suchtkranken im öffentlichem Raum empfinden viele als unangenehm. Aber ist sie auch gefährlich? Wir haben Experten gefragt, wie man Suchtkranken am besten begegnet. Welche Drogen werden da konsumiert - und was machen diese Drogen mit den Menschen?
Von
Oliver Scheel
Drogensüchtige brauchen Hilfe, das ist völlig klar. Doch wenn irgendwo eine neue Anlaufstelle entsteht, gibt es oft Streit und protestierende Anwohner. So will die Stadt Düsseldorf im Stadtteil Oberbilk eine neues Zentrum für Drogensüchtige einrichten mit Sozialarbeit, medizinischer Hilfe und sogar begrenztem Drogenhandel und -konsum in den Räumen und dem Innenhof.
Die Anwohner aber befürchten mehr Kriminalität und sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder. Auch in Köln gibt es um eine Anlaufstelle Streit, auch dort protestieren Anwohner.
"Wir müssen verstehen, dass diese Leute krank sind"
Wenn sich Drogensüchtige im offenen Raum aufhalten, erzeugt das bei vielen Angstgefühle. "Es ist auch nachvollziehbar, dass man sich von jemandem, der intoxikiert ist, distanzieren möchte. Das ist ja bei Alkohol nicht anders. Da stellen Sie sich ja auch nicht zu den fünf Allerbesoffensten dazu. Das können wir also nicht verurteilen", sagt Ulrich Frischknecht von der Katholischen Hochschule NRW in Köln im Gespräch mit dem WDR.
Prof. Ulrich Frischknecht von der Katholischen Hochschule NRW
"Die meisten denken sofort, wenn ein Konsumentenraum in der Umgebung entsteht: „Not in my backyard“. Wir müssen aber in die Köpfe reinbringen, dass diese Menschen mit Suchterkrankungen krank sind und Hilfe brauchen. Und dann sollten wir wie bei Krebserkrankungen stolz darauf sein, dass wir moderne Zentren haben, in denen diesen Menschen geholfen wird", so der Professor für Sucht und Persönlichkeitspsychologie.
Oft würden diese kranken Menschen durch Medienberichte stigmatisiert, kritisiert Daniel Deimel. "Da wird dann von Zombie- oder Horror-Drogen geschrieben. Aber das sind keine Zombies, es sind kranke Menschen, die Hilfe brauchen", so Deimel, der selbst lange Zeit Streetworker war und dann in die Forschung ging. Er hat eine Professur an der Technischen Hochschule Nürnberg.
Jeder Suchtkranke hat eine Geschichte
"Die meisten Menschen leiden unter einer chronischen Substanzgebrauchsstörung, sind also schon längere Zeit abhängig", sagt Deimel. Aber warum ist das so?
"Die meisten sind traumatisiert, haben jahrelange körperliche und psychische Vernachlässigungen hinter sich. Sie sind einer hohen Belastung ausgesetzt, leiden oft unter Depressivität, Psychosen und sozialer Benachteiligung. Sie fühlen, dass sie von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Sie erleben, dass sie ganz am Rand stehen. Viele nehmen die Drogen auch, um dieses Gefühl zu betäuben", erläutert Frischknecht.
Offene Drogenszene bleibt gleich groß - aber mehr Drogentote
Dabei nimmt die Zahl der Menschen in der offenen Drogenszene nicht unbedingt zu. Die Zahl von etwa 170.000 ist laut Deimel relativ konstant.
Warum aber steigt dann die Zahl der Drogentoten? 2023 wurde mit 2.227 Toten ein Höchstwert erreicht. Dies liege wohl an der enormen Zunahme des Kokain- und Crack-Konsums. "In Deutschland und Europa ist sehr viel Kokain auf dem Markt, daraus kann man Crack zubereiten", erklärt Deimel. "Dazu werden noch viele andere Substanzen konsumiert - und viele nehmen auch verschiedene Drogen in Kombination", ergänzt Frischknecht.
Crack wirkt anders als Heroin
Crack wirkt im Straßenbild wie eine Art Gamechanger. "Es ist Kokain, das durch einen chemischen Prozess eine intensivere, aber auch kurzlebigere Wirkung bekommt. Es ist recht leicht herzustellen und hat eine wahnsinnig starke, wenn auch kurze Wirkung. Cracksüchtige brauchen immer wieder Nachschub, in kurzen Abständen, es tritt keine Sättigung ein, sondern es entsteht eine Gier", erläutert Deimel, "bei Heroin waren die Konsumenten eher in sich gekehrt. Das ist nun anders". Crack ist mit Natron vermischtes, aufgekochtes Kokain, das mit einer Pfeife geraucht wird.
Stefan Lehmann, Streetworker in Köln, berichtet dem WDR von seinen Erfahrungen: "Die Menschen verwahrlosen sehr stark. Alles wird dem Konsum untergeordnet." Crack habe vieles verändert. "Crack hat eine andere Wirkungsweise. Der Konsum erzeugt eine hohe Aggressionsbereitschaft, die Menschen wirken getrieben", so Lehmann, der seit vielen Jahren mit Drogenkranken arbeitet.
Obdachlosigkeit ist ein Problem in der Drogenszene.
Deimel berichtet zudem von einem "gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Leute haben keinen Appetit mehr, keinen Durst, sie sind ausgemergelt, erleiden Psychosen. Dazu gibt es vor allem in der Kölner Szene eine hohe Odachlosigkeitsquote unter den Konsumenten", so der Forscher. Dies sei ein Problem, das unbedingt angegangen werden müsse.
Welche Gefahren gehen von Suchtkranken aus - wie verhalte ich mich?
Aber sind die Suchtkranken gefährlich für die Bürger? Lehmann sieht kaum einen Anlass für Suchtkranke, auf Unbeteiligte loszugehen.
"Die Gefahr richtet sich stark gegen die eigene Szene." Stefan Lehmann, Streetworker aus Köln mit 30 Jahre langer Erfahrung
Lehmann empfiehlt bei Kontakt einen ruhigen Ton und spricht von einer "Frage der Haltung": "Wenn ich Menschen in ruhigem Ton anspreche oder ignoriere, dann geschieht mir nichts. Das ist aber eigentlich grundsätzlich so und hat nichts mit Drogenkonsum zu tun. Das ist zumindest meine Beobachtung aus 30 Jahren Erfahrung", sagt er.
Hinschauen, wenn ein Mensch hilflos scheint
Lehmann räumt aber ein, dass eine Situation auch eskalieren könne. "Auch wir im Drogenkonsumentenraum helfen gerne, versuchen zu deeskalieren und wenn das nicht geht, dann rufen wir eben die Polizei. Dafür ist sie da. Das gilt auch für Passanten auf der Straße. Wenn die Deeskalation nicht klappt, gehe ich aus der Situation raus", so der Experte.
Wenn ihr auf der Straße eine hilflose Person findet, dann empfiehlt Lehmann "hinzuschauen". "Schläft die Person und bewegt sich der Oberkörper ruhig mit der Atmung, dann sollte es okay sein. Wenn ich einen Menschen sehe, der gerade Drogen konsumiert, ist es besser, ihn nicht zu stören. Er hat eventuell Verlustängste, denn die Drogen sind teuer und in der Regel machen die das nicht zum ersten Mal“, so der Kölner Streetworker.
Im Zweifelsfall den Rettungswagen rufen
In anderen Fällen rät die Stadt Köln auf ihrer Internetseite: "Wenn Sie eine Person beobachten und das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, zum Beispiel bewegt sie sich nicht, ist in sich zusammengesunken, hat die Augen geschlossen, sprechen Sie die Person an, tippen Sie an oder rütteln Sie vorsichtig." Im Zweifel sollte man den Rettungswagen rufen.
Die Begegnung mit suchtkranken Menschen auf der Straße mag unangenehm sein. Im Prinzip, da sind sich die Experten aber einig, interessieren sich die Suchtkranken nicht für die Passanten.
Doppelmoral: Experte kritisiert Bierduschen und Sport-Sponsoring
Suchtforscher Frischknecht kritisiert eine "regelrechte Bigotterie" beim gesellschaftlichen Umgang mit Drogen. "Suchtmittel werden verehrt, wenn zum Beispiel eine Meistermannschaft mit Bier oder Sekt übergossen wird. Oder wenn Sponsoren aus Milliardenindustrien bei einer WM oder bei Olympia werben. Da wird dann übersehen, dass es Menschen gibt, die nicht gut und eigenverantwortlich damit umgehen können", so Frischknecht.
In Deutschland komme man viel zu leicht an Drogen. "Und damit meine ich auch Einstiegsdrogen. Die meisten fangen ja nicht mit Heroin an", erläutert er.
"Sie können auf jedem Dorf in Deutschland rund um die Uhr Zigaretten und Alkohol kaufen. Versuchen Sie das mal mit gesundem Essen." Prof. Ulrich Frischknecht von der Katholischen Hochschule NRW
Frischknecht sieht da eine Doppelmoral. Wenn es ums Geschäft gehe, sehe der Staat gerne weg. "Die Menschen sind Opfer der Suchtmittel geworden, die Suchtmittel werden gefördert und verherrlicht, aber Suchtkranke werden stigmatisiert."
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Daniel Deimel
- Gespräch mit Ulrich Frischknecht, Professor für Sucht- und Persönlichkeitspsychologie an der Katholischen Hochschule NRW in Köln
- Gespräch mit Stefan Lehmann, ASC-Koordinator des Gesundheitsamtes der Stadt Köln
- Fragen und Antworten zu Drogenkonsum im öffentlichen Raum
- bundesdrogenbeauftragter.de
Sendung: WDR2 Das Thema, 04.02.26, 16.40 Uhr
Sendung: WDR5 Westblick, 04.02.2026, 17.05 Uhr