Gedichte auf der Schreibmaschine: Wie Niclas Fremde zu Tränen rührt
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Es braucht nur einen Gedanken, um Menschen tief im Herzen zu berühren: Niclas Arenz aus Köln schreibt auf seiner Schreibmaschine Gedichte für fremde Menschen. Nicht selten fließen bei den Begegnungen Tränen. Wie er mit seinen Texten andere berührt.
Von Martin Henning
Daniela Sosa fällt es nicht leicht, sich dem jungen Mann vor ihr anzuvertrauen. "Das Thema liegt mir schon lange auf dem Herzen", sagt sie. "Es ist wie ein Gewicht, das ich auf dem Rücken trage." Gerade hat sie ihre Bachelorarbeit abgegeben, der erste Vollzeitjob wartet. Eigentlich läuft alles super. Doch dass Sosa eine Frau liebt, führt zu Spannungen mit ihren konservativen Eltern in Südamerika. Das Gefühlschaos, das sie erlebt, will Niclas Arenz für sie in einem Gedicht zusammenfassen.
Der 25-Jährige sitzt auf einer Bank im Park. Vor sich hat er einen kleinen Tisch aufgestellt, darauf liegen eine Tischdecke und eine kleine Olympia-Schreibmaschine. Kurz lässt er das, was Sosa erzählt hat, auf sich wirken. Dass es in seinem Kopf arbeitet, kann man von außen sehen. Nach wenigen Momenten beginnt er zu tippen.
Das Gedicht von Niclas Arenz rührt Daniela Sosa zu Tränen
01:08 Min.. Verfügbar bis 11.10.2027.
Arenz schreibt "Gedichte für Fremde". Die Person vor ihm spricht einfach über ein Thema, das sie bewegt. Wenige Sätze reichen ihm. "Meistens habe ich einfach ein bestimmtes Bild im Kopf." Der Rest folge wie von selbst. "Ich muss aber das erste Bild, das sich richtig anfühlt, sofort greifen und nutzen." Etwa drei bis fünf Minuten braucht der 25-Jährige, um sich ein Gedicht auszudenken und es auf der Schreibmaschine zu schreiben. Wenn sein Gegenüber möchte, liest Arenz es vor. Jede Person bezahlt für ihr Gedicht, was sie möchte.
Gedichte für Fremde mit der Schreibmaschine: Woher stammt die Idee?
Jedes seiner Werke ist individuell. "Ich möchte kein Stück Kunst machen, das für jeden sein kann. Es soll für die eine Person sein, die vor mir sitzt", sagt der Kölner.
Die Kunden bekommen ihre Gedichte auf speziell gestalteten Karten.
Arenz startete vor ein paar Jahren mit seinen Gedichten. "Meine erste Schreibmaschine habe ich mir gekauft, weil ich Briefe schreiben wollte, aber eine hässliche Handschrift habe", erzählt der 25-Jährige und lächelt. Videos einer New Yorker Schreibmaschinen-Dichterin inspirierten ihn, es auch einmal zu versuchen.
Wie gutes Zuhören zu Tränen rühren kann
Dass er sich die Gedichte innerhalb von nur wenigen Minuten ausdenkt, beeindruckt die Menschen. "Ich habe eine Art Schaffensdruck. Ich muss kreativ sein", versucht er, sein Talent zu erklären.
Niclas Arenz über sein skurrilstes Gedicht
00:32 Min.. Verfügbar bis 11.10.2027.
Kreativität alleine reicht für seine Art des Schreibens aber nicht aus. "Man muss lernen, zuzuhören und auf sein Bauchgefühl zu hören", sagt Arenz. Bei den Begegnungen achtet er nicht nur auf die Worte seines Gegenübers, sondern auch auf Mimik und Gestik.
Inzwischen schreibt der 25-Jährige Gedichte auf Hochzeiten, Partys und anderen Veranstaltungen. "Die Menschen kommen auf mich zu und sind erst mal total verwundert, weil man das so eigentlich noch nicht gesehen hat", sagt Arenz.
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Aus Verwunderung werden oft Tränen, weil die Menschen sich mit den Gedichten verstanden fühlen. "Für viele ist es einfacher, einer fremden Person Dinge zu erzählen, die sie belasten und berühren", sagt Arenz. "Gerade, wenn man es das erste Mal ausspricht, kann das befreiend sein."
Arenz versucht während der Schreibarbeit, bei sich wenig Gefühle zuzulassen. Schließlich braucht er Konzentration, um sich auf die fremde Person vor ihm einzulassen. Trotzdem gibt es Momente, die auch den 25-Jährigen emotional werden lassen.
"Du hast Worte gefunden, nach denen ich lange gesucht habe"
Besonders erinnert er sich an einen Mann, dessen Mutter kurz zuvor gestorben war. "Er hat mich gebeten, ein Gedicht für seine Mutter zu schreiben, das er ihr bei der Beerdigung ins Grab legen kann", erzählt Arenz. "Dieses Gedicht ist die physische Sache, die man einem Menschen geben kann. Dass ich Teil davon sein durfte, war eine große Ehre."
Ein Satz werde ihm immer im Kopf bleiben, sagt der Schreibmaschinen-Poet. "Die Person sagte zu mir: 'Du hast Worte gefunden, nach denen ich lange gesucht habe.'"
Über das Thema haben wir am 01.10.2025 auch im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Köln, 19.30 Uhr.