Eine orangene SOS-Säule auf der Autobahn.

Der Unfall geschah auf der Autobahn

Der YOGTZE-Fall: Einer der mysteriösesten Todesfälle Deutschlands

Stand:

Im Oktober 1984 stirbt Günter Stoll auf der Autobahn. Sein Tod ist mysteriös: Er soll von einem Wagen überrollt und dann in sein eigenes Auto gesetzt worden sein, mit einem beinahe abgetrennten rechten Arm. Vor seinem Tod fühlte er sich verfolgt. Doch sein Mörder wird nie gefunden. 41 Jahre später nimmt sich eine Kripo-Beamtin die Akte wieder vor - und kommt zu einem unglaublichen Ergebnis: Günter Stolls Tod war ein Unfall. Wie erklärt die Polizei das?

Von Dana Marie Weise
1

Tod auf der Autobahn

Am Abend des 25. Oktober 1984 ist der 34-jährige Günter Stoll, ein arbeitsloser Lebensmitteltechniker, mit seiner Frau zuhause in Anzhausen im Kreis Siegen-Wittgenstein. Er ist unruhig: Er fühlt sich verfolgt und gibt beunruhigende Sätze von sich wie "Alle sind sie gegen mich." Dann schreibt er die Buchstabenkombination "YOG’TZE" auf einen Zettel - streicht sie aber sofort wieder durch und zerknüllt das Blatt.

Datenschutzhinweis

Dieses Element beinhaltet Daten von YouTube. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Später, in seiner Stammkneipe, fällt er plötzlich vom Hocker und zieht sich eine Platzwunde zu. Zwei Stunden später, um 1 Uhr morgens, klingelt er eine alte Bekannte im Nachbarort aus dem Bett. Sie schickt ihn weg. Günter Stoll wirkt unheimlich auf sie. Um 3 Uhr morgens entdecken Fernfahrer auf der A45 im Vorbeifahren einen verunfallten VW Golf in der Böschung.

Der weiße VW Golf von Günter Stoll in einer Böschung neben der Autobahn. Er ist stark beschädigt.

Der zerstörte VW Golf von Günter Stoll in der Böschung

Ein unbekleideter Mann bewegt sich am Fahrzeug. Nachdem die Fernfahrer angehalten haben, entdecken sie auf dem Beifahrersitz den schwer verletzten, nackten Günter Stoll. Mit letzter Kraft teilt er mit, es seien noch vier Männer mit im Auto gewesen - diese seien aber "nicht seine Freunde" gewesen. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt Stoll.

2

Überraschende Wendung - und Zweifel

Eine Mordkommission übernimmt die Ermittlungen. Es wird ins Drogenmilieu ermittelt, in Richtung Mafia, und auch Günter Stolls Frau wird mehrmals vernommen. Doch ohne Ergebnis. Nachdem der Fall im Jahr 1985 bei "Aktenzeichen XY… Ungelöst" thematisiert wird, gehen hunderte Hinweise bei der Polizei ein. Die meisten beziehen sich auf das geheimnisvolle Wort YOGTZE. Zum Mörder führen sie nicht.

40 Jahre später, im Jahr 2024, nimmt sich die Kripo-Beamtin Maike Schmidt von der Polizei Hagen den Cold Case vor. Sie blättert und liest, ordnet Akten, lässt neue Gutachten erstellen - und kommt zu einem neuen Ergebnis.

Kriminaloberkommissarin Maike Schmidt sitzt auf einem Stuhl vor einem Fenster und hält eine Akte in den Händen.

Kriminaloberkommissarin Maike Schmidt von der Polizei Hagen

Im April 2025, nachdem Maike Schmidt ihren Abschlussbericht fertig hat, veröffentlichen die Polizei und die Staatsanwaltschaft Hagen eine gemeinsame Pressemitteilung. Darin heißt es, Günter Stolls Tod sei ein Unfall gewesen und auf seinen psychischen Ausnahmezustand zurückzuführen. Der mysteriöse YOGTZE-Fall - doch kein Mord? Ermittlerin Schmidt ist sich sicher: Günter Stoll wurde nicht ermordet. Wie kommt sie darauf?

3

Fehlende Beweise, falsche Überlieferungen

Schmidt hatte die Akte von einem bereits pensionierten Kollegen übernommen, der sich, wie andere im Ruhestand befindliche Polizeibeamte, um Cold Cases kümmert. Maike Schmidt soll ihm als Kollegin im aktiven Dienst assistieren, wenn sie gebraucht wird. Er kommt nicht weiter, will die Akte weglegen - doch Schmidt findet den Fall so gruselig und interessant, dass sie darum bittet, ihn selbst weiterbearbeiten zu dürfen.

"Dass jemand überfahren, in ein Fahrzeug geschleppt und dort nackt und mit einem abgerissenen Arm aufgefunden wurde - das ist sehr besonders. Deshalb wollte ich diesen Fall unbedingt haben." Sie bearbeitet die Akte zuhause. Sie ordnet die teils zerfledderten, alten Mappen und Blätter, sortiert neu, gleicht mit bereits digitalisierten Dokumenten ab, schaut sich die Asservate nochmal an. Mit Stift und Zettel notiert sie, wenn sie stutzen muss - und das geschieht beim Lesen der Akte häufig.

Der Unfallgutachter von damals war sich sicher: Günter Stoll wurde durch Überfahren getötet; durch ein anderes Auto, an einem anderen Ort. Demnach müsste der Täter ihn nach dem Überfahren wieder in seinen eigenen VW-Golf gelegt und zum Sterben zurückgelassen haben. Dass Günter Stoll überfahren wurde, hat jedoch das gerichtsmedizinische Gutachten nie genauer untersucht. Maike Schmidt stutzt.

Die Ermittlungen damals stützten sich auf die Behauptung der Lkw-Fahrer, sie hätten einen unbekleideten Mann in Richtung Büsche verschwinden sehen - der mögliche Mörder von Günter Stoll. Doch als Maike Schmidt in den Vernehmungsakten die Aussagen der Lkw-Fahrer überprüft, stutzt sie erneut: Nie haben die Fernfahrer einen Mann von der Autobahn verschwinden sehen - lediglich am Auto hatten sie ihn erblickt. Gab es also gar niemanden, der vom Tatort flüchtete? Gab es überhaupt einen Mörder? 

4

Neue Erkenntnisse durch alte Kontakte

Maike Schmidt gibt ein neues Unfallgutachten in Auftrag: "Der Gutachter rechnete mir nicht nur die Geschwindigkeit des Fahrzeugs aus, sondern auch die Folgen des Einschlags in der Böschung neben der Autobahn. Dazu gehört auch, wie sich der Körper im Auto bewegt haben könnte."

Mithilfe moderner Technik wird der Unfallhergang aus heutiger Sicht völlig neu bewertet. Mit diesem neuen Gutachten geht Maike Schmidt zur Rechtsmedizin. Sie will von den Expertinnen wissen: Mit dem neuen Wissen über den Unfall - wurde Günter Stoll dabei tödlich verletzt, oder wurde er tatsächlich überrollt?

Die Antwort: Er wurde nicht überrollt. Dass sein Arm fast abgerissen wurde, ist eine Folge der starken Zugbewegungen, die nach dem Abkommen von der Autobahn, beim Aufprallen auf einen Baum, und durch die Unfallfahrt durch die Böschung entstanden.  

Die Ermittlerin liest außerdem alte Zeugenaussagen von Menschen, die Günter Stoll kannten. Eine alte Schulfreundin berichtet, er habe schon Jahre vor seinem Tod unter Verfolgungswahn gelitten. Ehemalige Begleiter von Evelyn Stoll, Günter Stolls bereits verstorbener Ehefrau, erzählen, er habe mehrmals an Suizid gedacht, es jedoch seiner vierjährigen Tochter zuliebe nicht getan.

Der Innenraum des VW Golf nach dem Unfall.

Der zerstörte Innenraum des Wagens

"Schon damals wurde sein psychischer Zustand beleuchtet", sagt Maike Schmidt und ergänzt: "Aber da ein Mensch überfahren wurde, hat die Polizei Mordermittlungen aufgenommen. Die Ungereimtheiten deuteten dabei auf ein Tötungsdelikt hin, weshalb sich die Kollegen damals bei ihren Ermittlungen auch auf diese These konzentriert haben." Die Person, die am Auto gesehen und für den möglichen Mörder gehalten wurde, war wohl Günter Stoll selbst.

Die Rechtsmedizin teilt außerdem mit, dass Günter Stolls Organe Anzeichen eines regelmäßigen Alkoholkonsums zeigten. Er war allem Anschein nach ein depressiver Mann mit einem Alkoholproblem. In der Nacht des 25. Oktober 1984 muss er sich aufgrund seiner Erkrankungen in einem psychischen Ausnahmezustand befunden haben.

Das zeigt auch sein beunruhigendes Verhalten im Beisein seiner Frau am Abend vor seinem Tod. In der Kneipe fiel er bereits unvermittelt vom Hocker - dass eine Person in diesem Zustand einen schweren Unfall baut, dürfte nicht überraschend sein.

5

Das YOGTZE-Rätsel

Und was heißt nun "YOG’TZE"? Wahrscheinlich, sagt Maike Schmidt, hat das Wort keinerlei Bedeutung. Günter Stoll muss es in seinem Wahn aufgeschrieben haben. Dass er überhaupt etwas aufschrieb, war übrigens immer nur die Aussage seiner Frau: Den Originalzettel hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Das Blatt Papier, auf dem Frau Stoll die Buchstaben selbst notierte und mit zum Unfallort brachte, ging ebenfalls verloren.

Günter Stolls Frau verstarb, bevor sie erfuhr, dass der Tod ihres Mannes ein Unfall war. Nach 41 Jahren ist die Akte Günter Stoll endlich geschlossen.

Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Film von WDR Lokalzeit MordOrte "Opfer schreibt vor seinem Tod mysteriöse Botschaft" vom 29.12.2025, 17.00 Uhr.

Weitere Beiträge zum Thema True Crime

1 / 2