Archiv-Bild: Auf einer Grünfläche steht ein Kreuz aus Holz. Darauf steht in großer Schrift "WARUM?"

In Dortmund und Krefeld wurden Neugeborene getötet

Babys tot gefunden: Wie Briefe neue Hoffnung in einen Cold Case bringen

Stand:

1999 und 2005 werden in Dortmund und Krefeld zwei Neugeborene getötet und in Rucksäcken abgelegt. Es stellt sich heraus: Die beiden Kinder sind Geschwister. Nach langen Ermittlungen stellt die Polizei die Fälle ein. Bis zum Jahr 2024. Gülkiz Yazir von der Staatsanwaltschaft Dortmund erzählt, warum sie diesen Cold Case wieder neu aufrollt.

Von Florian Dolle
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Ein grausamer Fund

Am ersten Weihnachtsfeiertag 1999 machen Jugendliche im Schulte-Witten-Park in Dortmund-Dorstfeld beim Fußballspielen eine schockierende Entdeckung. Als der Ball in die Büsche fliegt, stoßen sie auf einen schwarzen Lederrucksack. Darin: die Leiche eines Säuglings.

Die Polizei vermutet, dass das Baby schon eine oder zwei Wochen zuvor dort abgelegt wurde. Aber es gibt keine brauchbaren Zeugenhinweise. Jahrelang bleibt das so. Bis Pfingsten 2005.

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Am Krefelder Bahnhof entdecken städtische Gärtner in einer Parkanlage einen blauen Adidas-Rucksack. Darin befindet sich eine weitere Babyleiche. Und ein Treffer in der DNA ergibt: Es ist der Bruder des 1999 gestorbenen Mädchens. Die Mutter und möglicherweise Täterin wurde bis heute nicht identifiziert. Aber es gibt Spuren. Gülkiz Yazir von der Staatsanwaltschaft Dortmund spricht im Interview über die Ermittlungen und die Hoffnung, diesen Cold Case noch aufklären zu können.

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Die Suche nach der Mutter

Lokalzeit: 20 Jahre sind vergangen, die Mutter der beiden Kinder konnte immer noch nicht gefunden werden. Warum haben Sie Hoffnung, dass Ihnen das doch noch gelingt?

Gülkiz Yazir: Hoffnung machen vor allem einige Spuren, die wir inzwischen haben. Zum Beispiel hat die Mutter drei Briefe an Polizeibehörden in Viersen und Krefeld geschickt. Unsere Kommunikationsanalysen haben ergeben, dass die Schrift wirklich von der Mutter ist. Und dass sie aus der DDR stammen könnte. Näher darf ich nicht darauf eingehen. Aber vielleicht erkennt jemand die Handschrift. Hinweise bitte an alle Polizeistationen.

Hinweise der Staatsanwaltschaft Dortmund

Fotogalerie

Ein Satz in schwarzer Schreibschrift auf einem weißen Blatt Papier mit dem Text "Ich bin die Mutter, wenn sie [] Brief erhalten".

Diese Handschriftprobe soll zu neuen Spuren führen.

Drei Abbildungen eines schwarzen Lederrucksacks mit goldenen Beschlägen und einer Plakette mit der Aufschrift "viaggio Collection".

In Dortmund wurde 1999 eine Babyleiche in diesem Rucksack gefunden.

Abbildungen von Babykleidung: ein türkiser Strampler mit pinkem Elefantenmotiv, ein rot, weiß und schwarz gestreiftes Hemd mit schwarzem Kragen und eine lila Samthose.

Kann die Kleidung der Neugeborenen Hinweise geben?

Diese Handschriftprobe soll zu neuen Spuren führen.

In Dortmund wurde 1999 eine Babyleiche in diesem Rucksack gefunden.

Kann die Kleidung der Neugeborenen Hinweise geben?

Lokalzeit: Der Inhalt der Briefe half nicht weiter?

Yazir: Nein, nur die Notizen selbst. Bei dem Papier, auf dem die Mutter schrieb, handelt es sich um eine herausgerissene Seite aus einem Geschäftsbuch mit schwarzen Linien und einer blauen Seitenzahl oben rechts. Das Buch stammt vermutlich aus der DDR und wurde vor 1990 gedruckt.

Lokalzeit: Was wissen Sie über den Tathergang?

Yazir: Am ersten Weihnachtsfeiertag 1999 ist in einem Gebüsch im Schulte-Witten-Park in Dortmund-Dorstfeld ein totes Baby entdeckt worden. Ein Mädchen. Das war in Handtücher gewickelt und befand sich in einem schwarzen Lederrucksack. Die Obduktion damals hatte ergeben, dass das Kind ohne medizinische Versorgung auf die Welt gekommen ist und nach der Geburt definitiv gelebt hat.

Gülkiz Yazir schaut entlang der Kamera. Sie hat dunkle Haare und trägt ein weißes Halstuch.

Gülkiz Yazir von der Staatsanwaltschaft Dortmund

Lokalzeit: Und sechs Jahre später dann einige Parallelen?

Yazir: Ja, am 11. Mai 2005 haben städtische Angestellte in Krefeld einen Bruder gefunden. Diese Babyleiche befand sich in einem blauen Adidas-Rucksack. Der Junge war ungefähr sieben bis 14 Tage alt. Er kam lebend zur Welt.

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Tote Säuglinge sind Geschwister

Lokalzeit: Wie kam man darauf, dass es sich um Geschwister handeln musste?

Yazir: Das war ein Kreuztreffer der DNA in der Datei für Vermisste und unbekannte Tote. Zuerst wurde ja in Dortmund die Babyleiche gefunden. Man ermittelte im Umfeld, wer das Baby dort abgelegt haben könnte, wer die Eltern des Babys sind. Weil das aber zu keinem Ergebnis führte, wurde die DNA des unbekannten Babys in die Datei für vermisste und unbekannte Tote eingespeichert. Um zu prüfen, ob es später dort zu einem Treffer kommt. Das gleiche Prozedere beim Geschwisterkind sechs Jahre später - und dann kam es zu der DNA-Übereinstimmung.

Lokalzeit: Gibt es neben der DNA noch weitere Indizien, woran die Ermittler erkennen konnten, dass es sich um die gleiche Mutter handelt? Wie zum Beispiel der Ablageort, Mitgebsel oder Ähnliches?

Yazir: Grundsätzlich kann man durch das Auffinden verschiedener toter Säuglinge nicht darauf schließen, dass es sich um die gleiche Mutter handelt. Da es leider zu vielen Fällen gekommen ist, in denen tote Säuglinge abgelegt wurden, haben solche Indizien ohne die DNA zunächst einen geringen Wert.

Lokalzeit: Hilft es Ihnen, dass im Jahr 2025 Ihre Methoden bessere sind als 2005?

Yazir: Methodisch hat sich die Forensik natürlich verbessert. Heißt, die DNA-Untersuchungen insgesamt sind besser als 1999 oder 2005. Es war früher nur möglich, durch eine größere Menge an DNA-haltigem Material die DNA einer Person zuzuordnen. Jetzt kann man mit kleinstem Zellmaterial, zum Beispiel einer Hautschuppe, die DNA einer Person zuordnen. Was früher auch nicht möglich war: Wenn sich das Zellmaterial von verschiedenen Personen an einem Gegenstand befindet, etwa mehrere Personen die gleiche Tatwaffe anfassen, das Zellmaterial einzelnen Personen zuzuordnen. Das war früher nicht möglich, heute schon. 

Lokalzeit: Das sind neue Chancen

Yazir: Definitiv. Wir sehen auch rechtliche Erweiterungen. 2019 wurde ein Paragraf hinzugefügt, durch den wir jetzt mehr machen dürfen. Wir können anhand der DNA bei unbekannten Personen mittlerweile auch Haarfarbe, Augenfarbe, Hautfarbe und das biologische Alter bestimmen. Das war vorher nicht erlaubt.

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Polizei rollt Cold Cases neu auf

Lokalzeit: In diesem Cold Case hat das noch nicht weitergeholfen. Jetzt liegen die Taten ja schon viele Jahre zurück. Wird die Aufklärung über die Jahre immer unwahrscheinlicher?

Yazir: Wir beginnen mit Zeugenaufrufen, wenn wir keine großen Erkenntnisse haben. Wenn sich dann auch über mehrere Tage oder Wochen keine Zeugen melden, gehen wir davon aus, dass es vielleicht keine Zeugen gibt. Man muss bei Cold Cases auch berücksichtigen: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr verblassen auch die Erinnerungen von Zeugen.

Lokalzeit: Warum wurde dieser Fall zum Cold Case?

Yazir: Wenn wir Tötungsdelikte haben, werden die Akten nicht weggelegt. Ich als Staatsanwältin bekomme die Akte regelmäßig vorgelegt, damit ich prüfe, ob es neue Ermittlungsansätze gibt. Da ist die Frage der Verjährung von Bedeutung. Wir prüfen, ob es sich um einen Totschlag handelt - der ja verjährt. Oder ob es sich um einen Mord handelt. Und da Mord in Deutschland nicht verjährt, werden auch Akten, in denen der Vorwurf auf Mord lautet, niemals weggelegt. Sondern werden regelmäßig dem zuständigen Staatsanwalt zur Prüfung vorgelegt. So war es in diesem Fall. 

Lokalzeit: Dieser Fall steht aktuell wieder jeden Tag auf Ihrer Agenda? 

Yazir: Es gibt ein eigenes Ermittlerteam beim Polizeipräsidium Dortmund. Und zwar die "Ermittlungsgruppe Cold Cases". Aktuell besteht die aus drei Polizisten und zwei Rentner-Cops, die sich ausschließlich mit Cold Cases aus NRW beschäftigen und auch diesen Fall bearbeiten. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sich Personen melden, die eine Person kennen, die in diesen Tatzeiträumen schwanger war und später kein Baby hatte - und auch in den Tatzeiträumen im Bereich Dortmund oder Krefeld gewohnt hat. 

Lokalzeit: Was bedeutet der Fall für Sie persönlich?

Yazir: Das ist einer von vielen Cold Cases, an denen ich aktuell arbeite. Da ich mir von diesem Fall erhoffe, dass wir ihn noch aufklären können, ist er gerade weit oben in der Bearbeitung. Ich erwarte durch diesen Beitrag natürlich auch Zeugenhinweise, denen wir nachgehen können.

Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Film von WDR Lokalzeit MordOrte "Führt Handschrift zur Mutter?" vom 08.12.2025, 17.00 Uhr.

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