Hände einer Frau sind über einem schwarzen Buch gefaltet, über den Händen hängt ein Holzkreuz an einer Kette

Christliche Fundamentalisten sind Verschwörungsideologien zugewandter als andere

Misshandelt im Namen Gottes: Sekten-Experte über Fundamentalismus

Stand:

2020 entdeckt die Polizei im Wald bei Mönchengladbach drei verwahrloste Kinder. Ihr Vater, ein christlicher Fundamentalist, misshandelt sie - angeblich im Namen Gottes. Was ist christlicher Fundamentalismus, und wann wird er gefährlich? Ein Interview.

Von Dana Marie Weise
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Der Fall: Die Kinder im Wald

Das dreijährige Mädchen und ihre zwei Brüder im Alter von fünf und sechs Jahren laufen barfuß durch den Wald. Trotz der 12 Grad im Oktober tragen die verschmutzten Kinder nur dünne Sommerkleidung. Ihre Körper weisen zahlreiche blaue Flecken und Wunden auf. Die Kinder leben zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Monaten mit ihren Eltern in einem Zelt in dem Wald. Ohne Toilette, ohne Dusche, ohne warmes Essen und ohne Arztbesuche. Stattdessen erleben das Mädchen und ihre Brüder immer wieder Gewalt. Mindestens einmal in der Woche züchtigt der Vater seine Kinder mit einem Gürtel.

Nach dem Fund übernimmt das Jugendamt die Obhut über die Kinder. Im Frühjahr 2024 steht der Vater dann wegen gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht vor Gericht. Dort erklärt er, er sei christlicher Fundamentalist und die Schläge seien von Gott gewollt, um den Kindern Gehorsam beizubringen. Das Gericht verurteilt ihn zu 2 Jahren und 8 Monaten Haft. Für das YouTube-Format WDR Lokalzeit MordOrte hat Dana Marie Weise den Fall noch einmal aufgearbeitet.

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Doch wie konnte der Glaube an Gott in Gewalt gegen die eigenen Kinder münden? Wie gefährlich ist der christliche Fundamentalismus und warum sind die Anhänger Verschwörungsideologien zugewandter als andere Menschen? Über diese Fragen hat Dana Marie Weise mit Christoph Grotepass von Sekten-Info NRW gesprochen.

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Christlicher Fundamentalismus: Der wortwörtliche Glaube

Lokalzeit: Was ist christlicher Fundamentalismus überhaupt?

Christoph Grotepass: Der Begriff Fundamentalist zeigt, dass der Gläubige auf einem festen, unverrückbaren Fundament steht. Dieses Fundament bietet keinen Platz für Diskussion. Im christlichen Spektrum bedeutet das eine sehr starke Orientierung an der Bibel. Ein Fundamentalist nimmt die Bibel und ihre Dogmen dabei wörtlich. Sein Leben richtet er streng nach ihren Moralvorstellungen aus.

Christoph Grotepass mit Brille und kurzen gräulichen Haaren. Im Hintergrund ein Bücherregal

Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW

Lokalzeit: Haben Sie Beispiele, wie sich der christliche Fundamentalismus im Alltag zeigt?

Grotepass: Bei den extremeren Gemeinschaften gelten strenge Regeln. Kein Sex vor der Ehe, Enthaltsamkeit, regelmäßiger Besuch von Gottesdiensten, oder der Verzicht auf unchristliche Musik. Sie fordern Mitglieder teilweise sogar dazu auf, zum Beispiel ihre Rock-CDs zu vernichten. Zudem sollen sie auf Elemente anderer religiöser Herkunft wie Yoga oder Mandalas malen verzichten. Sie gelten wie auch esoterische Praktiken als okkult belastet. In manchen Gemeinschaften gibt es auch Kleidervorschriften oder Geschlechtertrennung im Gebetsraum. Die Liste dieser Verbote kann mitunter sehr lang sein und sehr einschränkend wirken.

Lokalzeit: Wie gefährlich ist der christliche Fundamentalismus?

Grotepass: Sofern sich der christliche Fundamentalismus auf den eigenen Glauben bezieht und andere Menschen nicht beschränkt, ist er eher unproblematisch. Für Fundamentalisten und ihre Angehörigen können die vielen Einschränkungen aber mitunter zu psychischen Problemen führen. Es gibt allerdings auch Gemeinden, die sich extrem homophob geäußert oder den Holocaust relativiert haben. Zwei werden deshalb vom Verfassungsschutz beobachtet.

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Verschwörungstheorien und christlicher Fundamentalismus

Lokalzeit: Im vorliegenden Fall hat ein Vater seine Kinder mit Schlägen gezüchtigt und dies mit seinem Glauben erklärt. Geschieht diese Züchtigung bei allen christlichen Fundamentalisten?

Grotepass: Nein. Christlicher Fundamentalismus umfasst ein breites Spektrum. Doch was alle Gemeinschaften eint ist die strikte Beachtung der Bibel. Meist in ihrer wortwörtlichen Lesart. Dazu gehört die Vormachtstellung des Mannes gegenüber der Frau sowie Gehorsam, Demut und Ehrfurcht gegenüber Gott und den Eltern. Das rechtfertigt aus Sicht mancher Fundamentalisten Gewalt in der Erziehung. Es gibt verschiedene Erziehungsratgeber aus der Szene, die unter Verweis auf Bibelzitate die Züchtigung mit der Hand oder mit einer Rute empfehlen.

Lokalzeit: Der Vater wollte seinen Sohn nicht einschulen, um dessen Impfung zu verhindern. Außerdem ging er mit keinem seiner Kinder zu ärztlichen Untersuchungen. Wie entsteht so eine ablehnende Haltung gegenüber moderner Medizin?

Grotepass: Solche fanatischen Fundamentalisten sind überzeugt, dass sie durch ihren Glauben vor Krankheiten und vor Übel geschützt sind. Das kann so weit gehen, dass Menschen ärztliche Untersuchungen, Impfungen und andere Behandlungen verweigern. Deshalb hielten sich einige fundamentalistische Gemeinden während der Corona-Zeit auch nicht an die Maßnahmen. Die Zusammenkunft, das Singen und Beten gehörte zu ihrem Glaubensverständnis - und sie nahmen an, ihr Glaube würde sie vor Corona schützen.

Lokalzeit: Der Vater glaubte, die Wohnung der Familie sei schadstoffverseucht. Das Urteil beschreibt seine Vorstellungswelt als "ein komplexes Gemisch mit teils religiösen Inhalten und umweltbezogenen Ängsten" sowie "Themen aus gängigen Verschwörungserzählungen". Wie passen diese Dinge zusammen?

Grotepass: Christliche Fundamentalisten sehen sich in einem gewissen Gegensatz zum Rest der Welt. Eine Welt, in der ihrer Meinung nach weniger moralische Gesetzmäßigkeiten gelten. Sie sehen die liberale Entwicklung als einen Prozess des Verfalls. Krisen sind ein Zeichen der nahenden Apokalypse, während sich die Fundamentalisten auf dem schmalen Weg der Tugend, zum Paradies, befinden. Diese Weltanschauung teilen viele Verschwörungsideologen. In einer Welt des angeblichen Verfalls sehnen auch sie sich nach Klarheit und Tugenden, häufig patriotische oder nationale Tugenden. Hier sehen wir eine gewisse Anschlussfähigkeit zwischen beiden Szenen.

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