Johannes Erlemann aus Köln wurde mit 11 Jahren entführt.
14 Tage eingesperrt
Köln am 6. März 1981. Johannes Erlemann tritt in die Pedale. Der 11-jährige Junge ist wie so oft nach der Schule noch mit dem Fahrrad unterwegs. Er fährt durch den Forstbotanischen Garten in Rodenkirchen. Ihm fallen drei Männer auf, die dort an einer Weggabelung stehen. Der Junge grüßt sie freundlich. Plötzlich reißen ihn die Männer vom Rad. So beginnt die Entführung von Johannes Erlemann, die erst nach zwei Wochen enden wird. Mit unserem Autor spricht Erlemann über seine Entführung.
Lokalzeit: Was ist Ihnen am 6. März 1981 passiert?
Johannes Erlemann: Kurz bevor ich auf der Höhe von den drei Männern war, hatte ich mich schon gewundert, weil einer stand auf der linken Seite und lauerte da so ein bisschen. Aber bevor ich darüber nachdenken konnte, riss mich dieser eine Mann vom Fahrrad runter, hatte Chloroform in den Händen, drückte mir das fest vor Nase und Mund.
Lokalzeit: Was passierte dann?
Erlemann: Die haben mein Fahrrad ins Dickicht verfrachtet, ein bisschen versteckt unter dem Laub. Sie transportierten mich an den Füßen in den Wald hinein. Ich hatte nach wie vor Atemnot und hatte Blut im Mund. Der Blutgeschmack war wirklich extrem unangenehm. Und da hauchte das erste Mal so eine Stimme zu mir: Wenn ich jetzt schreie, bin ich tot. Von dort ging es Stock über Stein weiter an den Waldrand, zu einem Lieferwagen. In den haben die Jungs mich dann reingestopft, wie so ein Klappmesser zusammengefaltet, den Deckel zu, Vorhängeschloss dran und dann ging die Fahrt los.
Lokalzeit: Wo sind Sie hin?
Erlemann: Wir kamen irgendwo an. Ich wurde herausgenommen und jemand zog mich an meinen Füßen hinunter in so einen Schacht. Es war stockfinster und dort war ich dann angekommen, im dunkelsten Moment meines Lebens.
Unerträgliche Stille
Lokalzeit: Und dann war Stille?
Erlemann: Und dann kam die Stille. Es war für mich so katastrophal. Du bist da in diesem Moment und es ist erstmal einfach nur dunkel. Du verlierst das Zeitgefühl. Ich wusste ja nicht, wann Tag und wann Nacht ist. Es war einfach stockfinster.
Lokalzeit: Wie haben Sie das ausgehalten?
Erlemann: Nach ein paar Tagen absoluter Stille habe ich plötzlich so einen Anfall gekriegt. Ich hab den Typen angeschrien, als er reinkam: Ihr müsst was mit mir machen! Ich verrecke hier! Das geht so nicht! Und weg war er. Und dann war 30 Minuten Ruhe. Und ich dachte: Oh Gott, was hast du jetzt gemacht? Wie kannst du den so anschreien? Doch dann gingen die Schlösser wieder auf. Ab diesem Tag habe ich die nächsten vier, fünf Tage mit ihm gepokert. Und habe dabei 600 D-Mark gewonnen.
Lokalzeit: Wie wurde das Lösegeld für Sie übergeben?
Erlemann: Meine Mutter musste in einen Wald gehen. Mitten im Wald stand eine Kiste. Die Polizei dachte natürlich, sie ist besonders schlau, sie dachten: Jetzt lassen wir diese Kiste aber nicht aus den Augen, früher oder später muss ja einer das Geld holen kommen. Und hat festgestellt, diese Kiste hat gar keinen Boden. Die stand nämlich auf dem Kanaldeckel. Als meine Mutter das Geld dort reingeworfen hat, saßen zwei drinnen, die das Geld in Empfang genommen haben. Und dann sind sie mit einem Schlauchboot unter Köln weggerudert, zwei Stunden lang durch die Kanalisation.
Eine Geschichte, die fürs Leben bleibt
Lokalzeit: Wie lief Ihre Freilassung ab?
Erlemann: Die Fahrt mit dem Auto war wieder eine Odyssey, bis ich dann irgendwo auf einem Acker freigelassen worden bin. Das war so ein asphaltierter Weg im Nirgendwo. Dann haben sie zurückgesetzt und sind davongefahren. Ich bin aufgestanden und zurückgefallen ins Gras, auf diesem Acker, und schaute in den Sternenhimmel. Für mich war das der schönste Moment meines ganzen Lebens. Ich lag da erst mal zehn Minuten, eine Viertelstunde und habe so tief Luft geholt wie nie zuvor in meinem ganzen Leben.
Lokalzeit: Wie haben Sie es dann nach Hause geschafft?
Erlemann: Ich bin in so ein kleines Dorf gegangen. Ich bin da um eine Kneipe herumgeschlichen, die hatten eigentlich schon geschlossen. Da lief ein Typ raus und sagte: Mensch Junge, was machst du hier mitten in der Nacht? Ich sagte, ich probiere, ein Taxi zu kriegen. Ich wollte nach Hause. Sie haben mir also ein Taxi bestellt.
Lokalzeit: Wie lief die Ankunft zuhause ab?
Erlemann: Ich komme dort an, es war stockfinster. Und dann habe ich mich schon gewundert, was hier los ist. Da war kein einziges Licht an. Ich bin am Schwimmbad vorbei gegangen und plötzlich gingen aus allen Richtungen lauter Scheinwerfer an, baff, baff, baff! Dann drängten die SEK-Leute mich ins Haus rein. Ich schrie nur nach meiner Mutter. Dann kam sie von oben runter und rief: Mein Junge, mein Junge!
Lokalzeit: Wie gehen Sie heute mit der Entführung um?
Erlemann: Ich bin sehr dankbar, dass sich Leute an mich wenden, denen ich einen Umgang damit zeigen kann. Weil ich für mich das auf eine gewisse Art gefunden habe. Das macht mich sehr glücklich und vielleicht ist das ein Teil dessen, warum mir das passieren musste, damit ich anderen Menschen helfen kann. Für mich sind das meine sechs Richtige, dass ich einen Umgang damit gelernt habe. Aber das heißt nicht, dass die Geschichte zu Ende ist. Die ist allgegenwärtig.
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Lokalzeit: Warum haben Sie erst so lange nicht über die Entführung gesprochen?
Erlemann: Es gab für mich zunächst Mal keine Notwendigkeit, öffentlich darüber zu reden. Das war ein Prozess über Jahrzehnte. Und in den letzten Jahren war mir dann irgendwann klar, warum ich es machen möchte - und warum es auch Sinn macht. Und das hatte dann am Ende nicht nur was mit mir zu tun, sondern auch mit anderen Schicksalsschlägen, denen ich exemplarisch zeigen wollte, wie es möglich ist, gegebenenfalls mit so etwas umzugehen.